Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- Seite 464 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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464 „Aber, bester Herr! Seit 187» steht auf dem Luitpoldplatz tu Erlaugen das eherne Denkmal des jüdischen Professors, Arztes und Menschenfreundes Dr. Jakob Herz, der dem väterlichen Glauben bis an den Tod treu geblieben ist. lind wenn dieses Denkmal erst reden könnte, wenn es Ihnen erzählen könnte, durch wessen Fürsprache der erste Jude in Erlangen Professor wurde, durch wessen Liebe seine letzten Lebenstage verklärt wurden! Dann würden Sie Ihren vielen traurigen Jndengeschichten eine neue hinzusügen, zwar auch voll Ernstes, aber auch voll Friedens, und am Schlüsse würden Sie Ihre kulturhistorische These also wenden: „Jede Stadt hat die Juden, die sie verdient." Vielleicht macht Ihnen eine Botschaft Freude, die mit dem Grundgedanken Ihres Wirkens zusammenklingt." Man wird mir nachfühlen, daß dem wirklich so war, und daß ich Näheres über Herz zu erfahren bemüht war. Was ich Büchern entnehmen konnte, war nur die Notiz, daß Jakob Herz 1816 in Bayreuth geboren, 1871 in Erlangen gestorben sei, daß er, ein ausgezeichneter Gelehrter, erst sehr spät Professor geworden sei, sich aber als praktischer Arzt und Philanthrop so ungemeine Liebe und Berehrnng erworben habe, daß ihm die vergleichsweise kleine Stadt (Erlangen hat jetzt erst etw^ 23 000 Einwohner!> in einmüthiger Begeisterung eiu schönes, auch künstlerisch werthvollcs Denkmal (von Zumbusch in Wien) auf ihrem schönsten Platze errichtet habe. Etwas mehr hat mir erst ein Schristchen gebracht, das ich gleichfalls meinem freundlichen Korrespondenten danke: die Festrede, die Professor A. v. Brinz, der berühmte Jurist, am 5. Mai 1875 bei der Enthüllung des Herz-Denkmals hielt. Herz, der aus armer Familie stammte, erwies schon früh, daß er „das Material zum Gelehrten und Litteraten ersten Ranges in sich trug", zudem war er auch „ein Meister in der anschaulichen Darstellung der verwickeltsteu Verhältnisse des menschlichen Körpers". Gleichwohl konnte er es erst 1847 zum Prosektvr bringen, erst 1862 wurde er Privatdozent mit dem Titel eines Professors, erst 1869 ordentlicher Professor. Aehnliches begiebt sich auch heute noch, und heute erst recht. Zwei Umstünde aber sind mit Recht einzig zu nennen. Unter denen, die unermüdlich, mit allem Gewicht ihres Einflusses für Herz eintraten, stand die evangelisch-theologische Fakultät zu Erlangen, bekanntlich immer eine sehr konservativ gesinnte, in erster Reihe; gerade diesen strenggläubigen Christen erschien es ein für ihre Empfindung kaum erträgliches Unrecht, daß Jemand um seines Glaubens willen leiden solle; hauptsächlich der Wucht ihrer ethisch-religiösen Argumente ist es zu danken, daß Herz, wenn auch erst drei Jahre vor seinem Tode, schließlich doch Ordinarius wurde. Einzig ist aber auch die Art, wie Herz die Zurücksetzung trug; er that nie auch nur das Geringste für sich. „Die Tugend der Selbstlosigkeit schien sich bei ihm wie von selbst zu verstehen." Ihm genügte sein Loos; neben seinem Lehramt die Praxis. Und wie übte er sie aus! „Er half, um zu helfen. Möglichst viel zu geben, möglichst wenig zu nehmen, war bei ihm Sache der Neigung, nicht des Entschlusses." Das Lehramt, die Armenpraxis ließen ihn zur Abfassung großer wissenschaftlicher Werke nicht koinmen. Glänzende Anerbietungen von auswärts traten immer wieder an ihn heran; er lehnte sie ohne jedes Besinnen ab. „Sein Erlangen gewährte ihm alles, dessen er bedurfte: Schüler, die er lehren, Kranke, die er heilen, Arme, mit denen er theilen, Freunde, denen er vertrauen, Bürger, auf die er wirken konnte." Auch die damals allgemein bekannte Herzensgeschichte, auf die mein liebenswürdiger Korrespondent anspielt, wird von Brinz gestreift: „Der Zauber eines weiblichen, den Himmel ans reiner Tiefe wiederspiegelnden Gemnths hat in seine jungen Jahre geleuchtet. Religion und Poesie erfülle» eine hinterlassene Korrespondenz. Was von Seiten des Herzens zum beglückenden Bunde nothwendig war, (lag alles bereit in ihm, für ihn. Allein vermochte das Gesetz die Eintracht der Seelen nicht auszuschließen, der Abschließung des Bundes trat es entgegen. Vielmehr nicht das Gesetz, das Aus- und Nebenwege offen ließ, die (Hoheit der Religion und die Hoheit der Gesinnung traten ihm entgegen." — Auf eine Anfrage, die ich an Erlanger Bekannte richtete, erhielt ich einige nähere Angaben. Die junge Dame, ein ebenso schönes wie gutes und begabtes Mädchen, war die Tochter eines (Gelehrten. Nachdem entschieden war, daß sie einander nicht angehören durften, vermieden die Liebenden jede persönliche Begegnung und wechselten nur zu bestimmten Anlässen Briefe; daß sie beide unvermählt blieben, schien ihnen selbstverständlich. Erst als Jakob Herz in die Krankheit verfiel, die ihn hinwegraffen sollte, sahen sie einander wieder; da kam die Dame in sein Haus, übernahm die Pflege und wich nur noch auf Stunden von seinem Lager. Auf die Nachricht, daß es mit dem „Doktor Herz" zu Ende gehe, fanden sich Hunderte und Aberhunderte in der Straße ein, wo er wohnte; Professoren, Bürger, Studenten, vor allem „seine" Armen; sie konnten ihm ja nicht Helsen, aber sie wollten beweisen, wie sehr sie ihn liebten und um ihn in Sorge waren. Verließ die Dame auf eine Stunde sein Haus, um den Haushalt ihres greisen Vaters zu besorgen, so entblößten die Hunderte lautlos ihre Häupter, während sie durch die Reihen schritt; nur die Frauen schluchzten ... In ihren Armen ist Herz gestorben . . . Wo das Leben selbst so dichtet wie hier, darf es ihm Niemand gleichthun wollen. Ich würde es nie wagen, diesen Stoff zu behandeln. Noch ein Wort über die Entstehung des Denkmals und seine Bedeutung. Der Plan entstand unmittelbar nach Herz Bestattung; es war, sagt Brinz, „eiu Leichenzug, wie diese Stadt noch keinen gesehen"; . nicht Tausende, Zehntausende folgten der Bahre im strömenden Regen nach dem kleinen, ent" legenen Judenfriedhof der Stadt. Unmittelbar darauf trat das Komitee zusammen; die beträchtlichen Kosten waren, weil mehrere tausend Menschen dazu beitrugen, sehr bald gesichert; auch hier thaten sich die evangelischen Theologen in erster Reihe hervor. Das Denkmal soll sehr schön sein. „Wenn je ein Denkmal für sich selber sprach, so wird dieses der Erklärung und Rechtfertigung nicht bedürfen. Wenn ein Fremder zu ihm aufblickt, wird er von der Gewißheit erfüllt werden, daß derjenige, dem es gesetzt ist, ein Verehrungswürdiger gewesen sein müsse; so viel tiefe Einsicht und Güte, Gerechtigkeit und Milde trat aus seiner Gestalt zu Tage." Die Bedeutung des Denkmals aber spricht Brinz so schön aus, daß seine Worte hier wiedergegeben seien: „Herz ist arm, und wenn Sie wollen, unberühmt gestorben. Wir stehen vor einem Denkmal seltener Art. Wenn das in Erlangen gedruckte Wort vom Sonderberuf und allgemeinen Beruf wahr ist, und wenn es zum allgemeinen Berus gehört, ein von den Unterschieden der Religion und Abstammung unabhängiges Ideal der Güte und Reinheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit in sich zu verwirklichen, so stünde Jakob Herz in Erfüllung des allgemeinen Menschenberufs einzig da. Wir wissen Niemand, dessen Mund wahrer, dessen Hand hilfreicher, dessen Sitte fleckenloser, dessen Urtheil liebevoller und gerechter gewesen wäre als das seinige. Eine Folge davon und Probe dafür war, daß das Problem einer Formel, nach der wir Erdengeborenen alle uns brüderlich