Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- Seite 463 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Er wird sich einfach nicht überzeugen lassen, daß schon Moses gelehrt habe, eine Birne, die von einem nicht mehr als drei Jahre alten Baume gepflückt wurde (Orlah), werde erst dann absorbirt, wenn sie in einen Korb mit zweihundert Birnen siel, während alle Birnen als verboten gelten, wenn der einen verbotenen nur 199 erlaubte gegenüberstehen, oder daß eine Erbse, die zur priesterlichen Habe gehörte (Terumah) anderen Erbsen das Kontagium der ausschließlich priesterlichen Speise mittheilt, wenn ihr nicht hundert andere Erbsen gegenüberstehen. Der historisch geschulte Forscher sieht in-solchen Gesetzen nur Schutstreitigkeiten einer späteren Zeit; sein pilpulistischer Gegner wird aber nicht einsehen, warum Samuel, Elijah und Elischa sich nicht auch schon mit diesen Fragen beschäftigt haben sollten. Der Rabbiner von Worms, Aron Theomim, (gestorben 1690 als Rabbiner von Krakau) hat in seiner wiederholt gedruckten Pessachhaggadah, Matteh Aharon. das Zahlenräthsel am Schluß der Haggadah als eine Diskussion zwischen Gott und den Engeln über das talmndische Einspruchsrecht der angrenzenden Grundeigenthümer bei einem Baue Xl'N ausgefaßt, und hätte wahrscheinlich Jedermann von Herzen bedauert, der eine solche Interpretation für einen schlechten Witz angesehen hätte. So mag denn auch für Halevy keine Frage darüber sein, daß alle die Detailgesetze über die priesterlichen Abgaben von Moses selbst herstammen. Schwieriger dürste es ihm werden, zu erklären, wieso über die Zeit, wann das Schema rezitirt werden soll, noch im zweiten nachchristlichen Jahrhundert drei verschiedene Meinungen bestehen konnten, wenn diese Uebnng schon sechzehn Jahrhunderte existirt hatte. Noch schwieriger wäre die Interpretation der talmudischen Angabe, daß man die Rezitation des Schema statt der natürlicheren der Zehn Gebote eingeführt habe wegen der Opposition der „Minim", denen gegenüber man an der Betonung der absoluten Einheit Gottes festhalten wollte. Hätte daher Halevy, was er nicht gethan hat, auf jeder Seite der Werke von Weiß und Grätz schwere Jrrthümer nachgewiesen, so wäre das orthodoxe Postulat, welches das rabbinische Gesetz als eine von Zeit und Ort unabhängige Tradition aufgefaßt wissen will, noch lange nicht bewiesen. Und darauf allein kommt es ja der Frankfurter Theologie an. Nur wenn die talmudische Geschichtsüberlieferung von allen Mängeln anderer Traditionen, von Gedächtnißfehlern, von vorgefaßten Meinungen und unsicheren Zeugnissen sreigeblieben wäre, dann hätte Halevy gewonnen, ebenso wie Harnacks Apologie des Christenthums wissenschaftlichen Charakter besäße, wenn er das von den Synoptikern und dem Hebräerevangelium sagen könnte. Die laufenden Berichte über amerikanische Verhältnisse beweisen, wie optimistisch eine solche Anschauung ist. Ueberall n Europa höre ich die mit voller Ueberzeugung vorgetragene Anschauung, daß die amerikanische Reform ein überwundener Standpunkt sei. „Wie wollt ihr das wissen?" frage ich. „Ja, wir haben doch in den Zeitungen gelesen, daß drei Mäcene für die Gründung eines orthodoxen Rabbinerseminars 200 000 Dollars und ein Haus geschenkt haben, daß einer von diesen drei Mäceuen sich außerdem verpflichtet hat, mehrere Jahre je 35 000 Dollars jährlich beizusteuern, wenn Volt anderer Seite ebenfalls dieselbe Summe gezeichnet würde." „Das ist wohl wahr," sage ich. „Wo sollen aber die orthodoxen Gemeinden Herkommen?" „Wissen Sie denn nicht, daß so viele russische Inden in Amerika wohnen und noch alljährlich neue Einwanderer dazu kommen?" Darauf will ich in meinem nächsten Brief die Antwort geben, zu der ich durch meinen elsjährigen Aufenthalt in Amerika durch häufigen, persönlichen Kontakt mit russischen Juden sowie durch die Lektüre ihrer Zeitungen einigermaßen befähigt bin. Aenkmäler deutscher Juden. Von Karl Emil Franzos. ^Tn einem Aufsatz über Dessau, den ich vor einiger Zeit veröffentlichte, kam ich u. a. auch auf das Moses- Mendelssohn-Denkmal in den dortigen Anlagen zu sprechen: . Die Büste (voll Hoffmeister) ist eine vortreffliche Arbeit, sehr realistisch und dabei doch nicht blos im gewöhnlichen, sondern im edelsten Sinne lebensvoll: man ahnt den Zauber, der von diesen! häßlichen, verwachsenen Männchen ausging, dem kleinen Kaufmann, dem Niemand näher trat, ohne besser zu werden. . . . Der Sockel ist unhübsch, auch zu hoch, man muß an einen eisernen Fabrikofen denken, zudem ist die Verbindung mit dem Brunnen davor — freilich ein schweres Problem — mcht glücklich durchgeführt, aber die Büste an sich macht einem immer mehr Freude, je eingehender man sie betrachtet. Ich habe lange davor gestanden; es läßt sich so viel dabei denken, wenn man 1901. vor dem Denkmal dieses edlen, tapferen Mannes steht, der an den Sieg der Menschlichkeit über alle Vorurtheile glaubte wie an ein Evangelium . . . Aber wir wollen nicht bitter werden; sein Mahnwort an seine Glaubensgenossen, Deutsche und Juden zugleich zu sein, ist nicht verklungen; es hat tausend-, tausendfache Frucht getragen, und auch sein Vertrauen in den Adel der deutschen Volksseele, der sie immer zur Gerechtigkeit zurücksühren werde, wird kein Wahn bleiben — trotzdem und alledem. . . . Auch seinen Charakter, nicht blos seine geistige Bedeutung giebt die Büste schön wieder (nebenbei b e merkt, auch knlt nrhist orisch ein interessantes Denkmal: das einzige öffentliche Denkmal, das in Deutschland einem Juden, der auch dem Glauben nach Jude geblieben ist. errichtet wurde). Wie gut war er, bei aller Klugheit, was nun freilich kein Gegensatz ist: nur der Kluge kann wahrhaft gut sein; der Dumme ist im besten Fall harmlos. Wie gut, wie klug! - ein Mensch, der durch jeden neuen Brief, den man von ihm entdeckt, liebenswerther erscheint. Ich besitze zwei solcher nngedruckten Briefe. In dem ersten, aus seinen Anfängen, bittet er ein Leipziger Haus, ihm eine Sendung jener Südfrüchte, welche die Juden beim Laubhüttenfest zu Ritualzwecken brauchen, zu kreditiren; er wolle einen kleinen Handel damit etabliren und werde gewiß als ehrlicher Mann bezahlen — man kann derlei nicht würdiger schreiben. Dann eine Perle von Brief: er übersendet einem Freunde sein Bildniß und macht dabei wehmüthig-humoristische Aeußerungen über sein Antlitz, seine Gestalt. Er war ein wahrhaft Weiser, er konnte selbst der Natur verzeihen, die so hart gegen ihn war . . ." Das einzige Denkmal dieser Art ist aber das Mendelssohn- Denkmal nicht. Nach, einiger Zeit schrieb mir ein freundlicher Leser Herr Seminardirektor Ruh in Altdorf (Mittelfranken) u. a.: