Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-19 · Heft 38 (19.9.1902) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228512--59038-3295527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

2 Küche, die Wasch- und Baderäume. Für jeden Kolonisten ist eine besondere Waschschüssel, Seife und Handtuch vorgesehen. Sänuntliche Räume sind einfach und dem Zwecke in bester Weise entsprechend ausgestaltet. In dem Längsgebäude des Hofes befinden sich die Werk, stätten, von denen bisher drei vorhanden sind. In der ersten, in der Teppichklopfer geflochten werden, sind neun Arbeiter beschäftigt, in der zweiten mit Schreinerarbeiten lSargbeschlägen) fünf Arbeiter, und in der dritten Abteilung in der Werkstatt für Schirmstöcke, die geschliffen. gebeizt und polirt werden, sind augenblicklich 28 Arbeiter thätig. Die Kolonisten, deren Hauptkontingent Galizier stellen, sind sorgfältig gekleidet, benehmen sich bescheiden, und unschwer kann man ihrem Wesen und ihren Blicken ein gewisses Dankbarkeitsgefühl entnehmen für den Versuch, sie materiell und moralisch wieder aufzurichten. Die Mitglieder eines Komitees, das sich zu diesem Zweck besonders gebildet hat, lassen es sich angelegen sein, die Kolonisten an den arbeitsfreien Abenden durch Vorträge über die biblische und nachbiblische Geschichte, aber auch über allgemein belehrende Gegenstände und durch Gesangsunterricht zu erbauen. Möge es dem Verein gelingen, sein großes Ziel bald zu erreichen! 8. Berlin, 14. September. Neu gekräftigt fanden sich die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde heute zur ersten Sitzung nach den Ferien ein. Der erste Stellvertreter des Vorsitzenden. Herr- Löwen berg, eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf für den jüngstverstorbenen ersten Vorsitzenden Iustizrath Apolant. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Wahl eines Vorsitzenden. In der Diskussion hierüber bittet Kommerzienrath Friedländer um Vertagung des Gegenstandes. Geheimrath Blume nt hal unterstützt diesen Antrag mit dem Hinweis, daß die Verhandlungen zwischen den Konservativen und Liberalen, aus ihrer Mitte je einen Vorsitzenden zu stellen, noch nicht zum Abschluß gelangt seien. Die Mehrheit der Versammlung stimmte jedoch gegen die Vertagung. In der durch Zettel erfolgenden Wahl wurde mit 15 unter 16 Stimmen Herr Löwenberg alsdann zum Vorsitzenden gewäht, die Wahl der Stellvertreter dagegen vertagt. Debattelos gelangen die Zuwendungen des Herrn Dr. med. Arnold Keiler in Höhe voll 100000 Mark an die dritte Alterversorgungsanstalt und die Zuwendung der Frau Agnes Lehmann geb. Demuth, welche den Ertrag eines Platzes in der Neuen Synagoge für das Krankenhaus bestimmt hat, zur Annahme. Die von 300 auf 400 Mark beantragte Erhöhung des Zuschusses an den Verein Montefiore wurde wegen der Abwesenheit des zuständigen Dezernenten im Gemeindevorstand vertagt. Diskussiouslos wurde ein Beitrag in Höhe von 300 Mark an das Israelitische Lehrerinnenheim in Steglitz bewilligt. Die Erhöhung des Beitrages von 2200 Mark auf 2500 Mark an den Religionsverein Oran ien bürger Vorstadt wurde ebenfalls, ohne daß sich eitle Debatte daran knüpfte, genehmigt. Mit der Ausgabe von 200 Mark zur Erneuerung eines Denksteins für den in der Ehrenreihe des Friedhofes Schönhauser Allee begrabenen Gelehrten Marsch erklärte sich die Versammlung einverstanden. An Stelle des verstorbenen Justizraths Apolant werden abgeordnet in den Vorstand der Synagoge Lindenstraße Herr Berthold Israel, in die Schutzkommissiou Prof. Bagiusky und in die gemischte Deputation zur Vorberathung der Frage des Normalbesoldungsetats Syndikus Dr. Mi nden. Es folgen dann noch Rechnungsabschlüsse pro 1901/02 für das Hospital, die Alterversorgungsanstalt und die Synagoge Lindenstraße. An die öffentliche Sitzung schloß sich eine geheime, in der nur unwesentliche Vorlagen zur Berathung standen. 22 Berlin, 15. September. Antisemitische Blätter haben die Mähr verbreitet, daß man sich von jüdischer Seite unter Ausnutzung hoher Verbindungen bemüht habe, den Vertretern der jüdischen Gemeinde Berlins beim Könige von Italien bei dessen jüngster Anwesenheit in Berlin eine Audienz auszuwirken. Doch sei der Liebe Müh' vergeblich gewesen, die Audienz sei nicht gewährt worden. Selbstverständlich ist an dieser Nachricht kein wahres Wort. Weder von den „Vertretern der jüdischen Gemeinde" noch von irgend einer sonstigen jüdischen Korporation oder Privatperson ist eine Audienz bei König Viktor Emanuel nachgesucht worden. Damit erledigen sich auch alle weiteren an diese Nachricht geknüpften Schlußfolgerungen. — Berlin, 16. September. Die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde eingerichteten Fortbildungskurse für Kantoren beginnen in diesem Jahre unmittelbar nach den hohen Feiertagen. Anmeldungen sind an Herrn Hauptkantor A. Friedmaun, Berlin (1., Große Hamburgerstratze 38 zu richten. Die Kurse sind für qualifizirte Theilnehmer unentgeltlich. 22 Berlin, 14. September. Das sehr seltene Fest des sechzigjährigen Doktorjubiläums feierte gestern unser verehrter Sanitätsrath Dr. Salomon Neumann, der Senior unserer Stadtverordnetenversammlung. Der Jubilar erfreut sich einer staunenerregenden geistigen Regsamkeit und körperlichen Rüstigkeit. Seit er auf seine ärztliche Berufsthätigkeit fast ganz verzichtet hat, widmet sich Dr. Neumann ausschließlich öffentlichen und irr hervorragender Weise jüdischen Interessen. Ein unbestreitbares und unbestrittenes Verdienst hat sich der Jubilar um die öffentliche Gesundheitspflege zu einer Zeit erworben, als dieses Gebiet ein völlig unbekanntes bei uns zu Lande war. Im Jahre 1847 nämlich veröffentlichte der damals gänzlich unbekannte junge Arzt eine kritische Schrift „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum". In dieser Broschüre, welche zum ersten Male den Gedanken in voller Schärfe entwickelte, die Medizin sei eine in ihrem Kern soziale Wissenschaft, betrat Herr Dr. Neumann eine völlig neue Bahn. Er wurde aus diese Weise der Begründer einerneuen wissenschaftlichen Disziplin, der sozialen Medizin. Rudolf Virchow hat gleich nach dem Erscheinen dieser Schrift in seinem damals neu begründeten „Archiv" auf ihre hohe Bedeutung hingewiesen. Virchow rühmte damals an dieser Schrift, sie sei „ihrem Inhalte nach unendlich größer als alles, was vor ihr in dieser Richtung geleistet worden ist." Er fügte dann noch hinzu, daß Neumann diesen sozialen Charakter der medizinischen Wissenschaft „mit den scharfen Waffen eiserner Konsequenz dargethan habe." Unvergängliche Verdienste hat sich auch unser Jubilar um die Entwickelung der medizinischen Statistik im Allgemeinen und um die Berliner- Statistik im Besonderen erworben, als deren eigentlicher Begründer er gleichfalls anzusehen ist. Das Geleitwort, welches er vor länger als einem halben Jahrhundert seiner oben erwähnten Schrift mit auf den Weg in die Oeffentlichkeit gegeben, ist für die geistige und sür die moralische Struktur des Verfassers ungemein kennzeichnend. Das Motto lautet in Anlehnung an das weltberühmte Wort „tiat Mstitia" „vivat munilus!" — „Gerechtigkeit walte, es lebe die Welt'" Eine mehr als halbhundertjährige, nie getrübte Freundschaft verband ihn und den nunmehr dahingegangenen Rudolf Virchow. Reumann rechnete es sich stets als eines seiner größten Verdienste an, daß er Virchow zur Annahme eines Mandates für die Berliner Stadtverordnetenversammlung bestimmt habe. Auf Virchows und Neumanns Betreiben geht die Errichtung des statistischen Amtes der Stadt Berlin, das ungemein viel für die Großstadtstatistik geleistet hat, zurück. Besonders zu gedenken ist des regen Antheiles, den Neumann an den Berathungen nahm, welche die Ausbildnng des Berliner Hospitalwesens, der Jrrenpflege, der groß angelegten hygienischen Einrichtungen erheischte. Welche Verdienste sich Neumann um die ^ilianeo isL-kwIits universelle in Deutschland, um die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums und viele andere jüdische Bestrebungen erworben, braucht hier wohl nicht erst weitläufig auseinandergesetzt zu werden. Mit uns vereinigen sich Viele in dem Wunsche, daß dem Jubilar noch ein langer, heiterer Lebensabend beschieden sein möge. 22 Berlin, 14. September. Der Dreschgraf Pückler hat am 11. d. M. hier in den Konkordiasälen wieder einen seiner humoristischen Vorträge gehalten, und zwar über das Thema: „Die Juden in der Kritik der Geschichte." Auf den Vortrag selbst einzugehen, ist selbstverständlich ausgeschlossen. Aber nur eine Nedeblüthe wollen wir aus demselben als besonders charakteristisch pflücken. Pückler sagte von den Juden wörtlich: „Es sind niederträchtige Hallunken, giftige Kanaillen, scheußliche Bestien, gemeine Wucherer, gräßliche Scheusale und Vampyre, die nicht mehr länger bei uns geduldet werden dürfen." Zur selben Stunde tagte hier der deutsche Juristentag. Es wäre wirklich interessant gewesen, wenn die Männer des Rechts sich darüber unterhalten hätten, was man gegen eine anerkannte Neligionsgesellschaft unter dem Schutz des so viel angegriffenen § 166 alles sagen darf. N. Hamburg, 8. September. Der dreizehnte Internationale Orient allsten-Kongreß tagte in dieser Woche in Hamburgs Mauern. Mehr als 500 der hervorragendsten Gelehrten und Forscher aus aller Herren Länder haben sich in unserer Stadt eingefunden; unter ihnen befinden sich 50 offizielle Vertreter von europäischen und .außereuropäischen Staaten und Abgeordnete fast sämmtlicher Akademien und Universitäten der Welt. Auch unsere Glaubensgemeinschaft ist durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.