Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 38. Berlin, 19. September 1902 Der Gemelndebote. Vertage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 14. September. In würdiger und feierlicher Weise wurde heute die Einweihung der „Jüdischen Arbeiterkolonie und des Asyls in Weiße nsee unter zahlreicher Betheiligung der Gemeindebehörden und der Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde vollzogen. In der Synagoge des Asyls hielt zunächst Herr Berget eine zu Herzen gehende religiöse Ansprache an die Kolonisten. Die eigentliche Feier leitete alsdann nach einem Chorgesang („Wie schön sind deine Zelte, Jakob") im oberen Saale der allgemein hochverehrte und im Interesse des Judenthums rastlos thätige Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes Herr Professor Dr. Martin Philipps on ein. Er gedachte in warmen Worten des verstorbenen Oberarntmanns Ludwig Meyer, der das große Terrain, auf dem die Kolonie errichtet ist, dem Bunde überwiesen hat, und des ebenfalls verstorbenen geistigen Begründers des Asyls, Herrn Eugen Rosenstiel, und sprach seinen Dank allen Gebern und Spendern aus, vor allem der Ooloniration ^.ssoeiation, die 150 000 Mark zum Aufbau und zur Einrichtung zur Verfügung stellte, dem Gemeindevorstaud in Weißensee und dem Vorstande der jüdischen Gemeinde. Er charakterisirre unsere Zeit als eine sozial stark bewegte und lobte im Gegensätze zu der herrschenden, auf dem Darwinismus beruhenden sozial-wirthschaftlichen Anschauung die Tendenz des Judenthnms. welches gerade die Schwachen aufrichte und stütze. Mit Nachdruck hob er die Vortheile der organisirten Armenpflege gegenüber der Armenpflege des guten, gerade bei den Juden so lebhaft schlagenden Herzens hervor, die nicht immer zu einer glücklichen Lösung führe. Herr Maurermeister Marcus Adler, der unermüdliche Förderer des Asyls und jetzige Vorsitzende des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie", gab in längerer Ausführung die Entwickelung und Einrichtung des Heims. In humoristischer Weise legte er dar, daß das Asyl auf die gute Empfehlung der Kolonisten schon starke „Kundschaft" bekommen hätte. In herzlichen Worten dankte er den Förderern der Idee, der Stadtverwaltung und den Ministerien, allen voran aber in ehrfurchtsvoller Weise unserem Kaiser, der weitblickend den Frieden fördere und die ehrliche Arbeit schütze, unter dessen starkem Szepter die Anstalt gedeihen und gute Früchte tragen werde, und brachte ein von der Versammlung begeistert aufgenommenes Hoch auf den Kaiser aus. In gedankenreicher Rede gab dann Herr Rabbiner Dr. Maybaum dem Hause die religiöse Weihe. In dieser Weihe erblickte der Redner die Anerkennung des Grundsatzes, daß Religion und Sittlichkeit wie die Wurzel und die Frucht des Baumes zufammeugehören, eine Anerkennung, die in unserer Zeit zumal nicht hoch genug geschätzt werden könne. Darum ei die Eröffnung des Hauses ein Festtag der Religion, zumal es zu den edelsten Werken der Wohlthätigkeit gehöre. Denn es heiße im dritten Buch Moses: „Wenn dein Bruder neben dir verarmt und seine Hand unken lM, so sollst du ihn unterstützen, ebenso den Fremdling und den Beisassen, damit er bei dir lebe." „Warte nicht, bis er stürzt und fällt." so füge ein alter Schrifterklärer hinzu, „und glaube ja nicht, daß du durch ein Almosen deiner Liebespflicht genügen kannst. Du mußt seinem Sturze zuvorkommen, du mußt ihn fassen und heben, bis daß er in Freiheit und Ehre neben dir lebt." „Ach," so ruft der Redner llagend aus, „daß wir das Gebot der Schrift heutzutage so oft erfüllen müssen, an den Fremden weit mehr als den Einheimischen!" Was in unserer Heimath der Geschichte der Vergangenheit angehört, ereignet sich noch heute in den östlichen Ländern. Israel steht da noch unter fremdem Recht, und wir erleben es schaudernd, daß unsere Brüder, durch rohe Gewalt aufgescheucht, zum Wanderstabc greifen, um jenseits des Ozeans eine neue Ruhestatt zu suchen und zu finden. Da gilt es nicht nur an den Durchziehenden Barmherzigkeit zu üben, sondern auch für Diejenigen zu sorgen, die längere oder kürzere Zeit bei uns Zurückbleiben müssen. Und siehe da, das Gute erweist sich auch hier als das Klügste und Nützlichste. Denn diese Arbeiterkolonie, die ein Kenner der Verhältnisse mit einem Krankenhause für sozial Leidende verglichen hat. giebt nicht nur den Arbeitswilligen Beschäftigung, sondern bringt ihnen auch mancherlei Fertigkeiten bei, mit denen sie ausgerüstet entweder in unserer Stadt oder jenseits des Weltmeeres den Kampf ums Dasein in Ehren aufnehmen können. Wie gern vereinige ich mich mit den Begründern des Hauses in der herzlichen Bitte an unsere Glaubensgenossen, daß sie die edle Stiftung mit reichen Gaben unterstützen mögen. Wir rüsten nns in diesen Tagen auf den Empfang der heiligen Feste, mit denen das neue Jahr beginnt, auf den Empfang des Versöhnnngstages, wo wir aus der Verirrung und Gottentfremduug wieder einkehren in das Haus unseres himmlischen Vaters. Nicht durch Fasten und Beten können wir uns würdig erweisen, sondern vor allem dadurch, daß wir unser Brod mit den Armen theilen und den urnherirrenden Armen in unser Haus aufnehmen. Wohlan, mein Israelit, dieses Haus ist auch dein Haus, wenn du zu seiner Erhaltung beiträgst, und das Rettnngswerk, das hier vollzogen wird, es wird auch dich sühnen am Tage der Buße vor dem Ewigen. Und da ich nunmehr an die Ertheilung der Weihe dieses Hauses gehe, denke ich an das Wort der Schrift: „Sie wollen dir ein Heiligthum erbauen, und ich will wohnen in ihrer Mitte." In ihrer Mitte? so fragt ein alter Lehrer; sollte es nicht heißen in seiner Mitte, nämlich im Innern des Heiligthnms? Und er beantwortet selbst die Frage, daß das Heiligthum unmöglich zur Wohnung bestimmt sein könne für den Ewigen, daß der Ewige in den Menschenherzen seine Wohnstätte aufschlage. Wo nämlich ein Herz für Großes und Edles erglüht und dem Ewigen ein Heiligthum errichtet in opferfreudiger Hingebung, da zieht Gott in seiner Heiligkeit in dieses Menschenherz ein^und die heiligen Empfindungen und Gedanken erblühen von hier aus in das gottgefällige Werk und erfüllen es mit seiner heiligen Weihe. So weihe ich denn dieses Haus mit den frommen Gedanken und Empfindungen, welche die Erbauung und Ausgestaltung dieses Heiligthumes in Euch, seinen Begründern und Schöpfern. geweckt hat. Möge diese Weihe noch zunehmen durch die warmherzige Theilnahme unserer Glaubensgenossen, und möge von hier Trost und Aufrichtung ausgehen für die Gebeugten und Mühseligen, die hier längere oder kürzere Zeit rasten werden. Du aber, Allvater Israels, laß endlich die Zeit herannahen, wo alle Könige und Fürsten ihres Amtes in Gerechtigkeit walten, wo die Länder und Staaten nicht mehr ihre eigenen Kinder verderben und aufreiben, wo Israel in Ruhe wohnet inmitten der Völker und mit ihnen einträchtig arbeitet an der Ausbreitung des Gottesreiches auf Erden. Amen!" Nachdem alsdann der Knabenchor das große Hallelujah gesungen, gab noch in kurzen Worten Herr Stadtverordneter Moritz Rosen ow der Freude Ausdruck, daß es dem Verein „Jüdische Arbeiterkolonie" gelungen sei, die jüdische Gemeinschaft von den Lasten zu befreien, die ihr sonst den Wanderbettlern gegenüber obliegen würden, daß es dem Verein in kurzer Zeit möglich geworden sei, 42 Kolonisten auszunehmen und dem Handwerk zuzuführen. Er weist jedoch darauf hin, daß die zur Verfügung stehenden Mittel leider nur unbedeutend seien, daß der Verein immer wieder auf die private Wohlthätigkeit angewiesen sei und bittet insbesondere, zum herannahenden Winter die abgelegte Herrengarderobe der Anstalt zu überweisen. Ein Theil der Kolonisten, welche in der Arbeitsstätte gelernt hätten, seien bereits erfreulicherweise in Berlin untergebracht, ein Theil sei nach der Heimath zurückgekehrt, um, mit den neuen Fähigkeiten ausgerüstet, den Kampf ums Dasein aufzunehmen und hoffentlich auch in Ehren zu bestehen. Besonderen Dank spricht er noch den Baumeistern Herren Hoeniger und Sedelmaier für die zweckmäßige und sorgfältige Ausführung und Einrichtung des Hauses aus. An die würdige Feier schloß sich untersachkundiger Führung des Inspektors Herrn Behrend und mehrerer Vereinsmitglieder ein Rundgang durch die Arbeiterkolonie. In dem schmucken, zwei Stockwerke hohen Rohziegelbau des Hauptgebäudes befinden sich die Schlafsäle, welche für 100 Kolonisten Platz bieten, der große Speisesaal und die Synagoge. Im Souterrain liegen die