Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 456 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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456 hatte mir ziemlich viele Zeitungen gekauft und begann nun zu lesen. Er aber hatte keine Zeitung, und so machte eS ihm Vergnügen, von Zeit zu Zeit einen Seitenblick in meine zu werfen. Als ich den Schaffner fragte, ob man in Eger umsteigen müsse, beeilte er sich, mir die Antwort zu geben, und als die Dame eine andere Frage an den Schaffner richtete, beeilte er sich wiederum, darein zn reden. Eine der Damen meinte, sie sei frvh, von Karlsbad wegznkommen. Darauf unser Kupeegenosse: „Kunststück!" Als der Schaffner die Damen fragte, ob sie nicht in Eger zu Mittag speisen wollten, es sei dort sehr gut, bemerkte er ironisch lächelnd: „Zustand!" Ich wunderte mich, daß er nicht „Ltst" sagte. Die Unterhaltung drehte sich natürlich meistens um Karlsbader Verhältnisse um die Kur, um die Badegäste, um die Vergnügungen. Als eine der beiden Damen eine Betrachtung darüber anstellte, wie viel Geld in Karlsbad ansgegeben werde, begnügte sich unser Zeitgenosse mit der bekannten Handbewegung und mit dem Ausruf: „Kleinigkeit." Aber das Gespräch war nicht so interessant, als daß die beiden Damen nicht nach einer Stunde eingeschlafen wären, und nun wandte sich der Mann an mich mit der Ansprache: „Sehr geehrter Herr" und mit derBittts, ihm mein „Tageblatt" zu leihen. Er las aber nicht lange in der Zeitung. Es schien vielmehr, daß er nur eine Anknüpfung versucht habe, auf die ich aber nur stellenweise einging, um zu erfahren, woher und weß Geistes Kind er sei. Er sah nämlich sehr gesund aus und gar nicht wie einer, der Karlsbad braucht. Aber er erzählte mir sofort seine ganze Krankheitsgeschichte sehr umständlich. „Ich bin schon fünfmal in Karlsbad gewesen; einmal hat mich Senator nach Kissingen geschickt, es ist mir aber nicht gut bekommen. Ich habe nämlich eine Leberanschwellung, verstehn Sie mich!" Nun glaubte ich orientirt zu sein. Der Mann stammte ohne Zweifel aus dem Kreise derer um Natheuau. Aber ich will nur gleich gestehen, daß sowohl ich als auch Herr Dr. Rathenau sich geirrt haben. Der Mann, der diese fettgedruckten Aussprüche und noch viele sinnverwandte gebraucht hat, stammte aus einem fernen Winkel uusers Vaterlandes, den zn citiren ich hier nicht sür nöthig halte. Im klebrigen legte er auf der achtstündigen Fahrt noch manche liebliche Gewohnheit an den Tag, die nicht gerade im Berliner Thiergartenviertel zu Hause ist, und die ihm ohne Zweifel den ehrenvollen Titel eingetragen hätte, der sür jene Menschenklasse so bezeichnend ist, den wir Berliner beständig im Munde führen, und den bis jetzt noch Niemand richtig hat niederschreiben können. Es ist wirklich ein Zufall, daß ich mir auf jener Reise auch die „Neue Freie Presse" gekauft habe, in der ein sehr hübsches Feuilleton von Paul Lindau über seine Ferien am Ostseestrande mich während der Fahrt besonders fesselte. Er erzählt darin, daß die Ufer der Ostsee ans eine gewisse Klasse von Menschenkindern eine besondere Anziehungskraft ansznüben scheinen, für die der Jargon an der Spree ein eigenes Wort erfunden habe. Und dann fährt er fort: „Ein Wort, das ebenso schwer zu schreiben wie begrifflich festzustellen ist. Man nennt sie „Bise", in der Mehrzahl „Bises", Leinimm ^eiwiis. Mit ganz'kurzem i auszusprechen, daher vielleicht auch besser „Bisse" oder „Bisses" zu schreiben, wozu jedoch bemerkt werden müßte, daß das Doppel-s nicht scharf, sondern lieblich weich wie in „quasseln", „Dussel", „Füssel" u. s. w. auszusprechen ist. Uns fehlt eben das Schriftlichen für diesen zarten Laut. Was ist nun aber eine „Bisse"? Ich darf ohne Anmaßung von mir behaupten, in die Tiefen des Berliner Gemüthes ziemlich weit eingedrungen zu sein, aber ich habe zehn Jahre und länger gebraucht, bevor ich das Wort, das wahrscheinlich wie so viele andere Wörter des modernen Argots der Börse entstammt, ungefähr verstanden habe. Man muß die Bedeutung ahnen, Gefühl ist alles." Lindau wirft dann die Frage auf: „Was ist nun eine „Bisse?" und er beantwortet sie sehr witzig, wie das so seine Art ist. Aber er hat eines nicht gewußt: das Wort ist ein rein hebräisches. Die Bedeutung, die das Wort jedoch im Hebräischen hat (verachten, verächtlich), deckt sich dem Sinne nach nicht mit dem, was der Berliner unter „Bise" versteht' und was sich in der That nur ahnen läßt. In der höheren Potenz führt diese Menschengattung den Namen „Knallbise". Woher das Wort in den Berliner Geseüschaftsjargon gekommen? Ich kann es nicht sagen. Aber wer weiß, ob es nicht aus — den Salons der Genieperiode stammt! Ich möchte fast darauf wetten, daß es kein Anderer — als Rahel Varnhagen zuerst geprägt und in Umlauf gesetzt hat- Es entsteht nun die Frage: Giebt es auch jüdische „Bises"? Soweit es das Asims msseutinum unserer Gemeinschaft betrifft, erlaube ich mir auf meinen Kupeegenossen ergebenst hinzuweisen. Gewöhnlich aber wird ungalanterweise diese Bezeichnung nur auf Frauen angewendet, und die Schilderung einer jüdischen Bise kann ich leider nicht entwerfen — weil ich offengestanden keine kenne. Die Damen in unserem Kupee waren keine Bises, wie denn überhaupt diese Menschengattung mehr auf heimischem Boden gedeiht. Sie hatten allerdings viele Anliegen und wußten während der Fahrt viel zu fragen, namentlich die jüngere, die gar nicht so mieß war, wie mir im Laufe der Zeit vor ihr wurde. Aber alles Leid endet ja einmal im Leben, und so kamen wir denn auch glücklich am Abend in München und drei Stunden später in Innsbruck an. Hier trennten sich unsere Wege — in jeder Beziehung. Denn wenn ich es hier versucht habe, das Bisethum unserer Glaubensgemeinschaft nicht etwa zu schildern, sondern blos mit wenigen Strichen anzudeuten, möchte ich in meiner nächsten Plauderei im erfreulichen und erhebenden Gegensatz hierzu von unserer Eeistesaristokratie sprechen. Aber wir schieden nicht etwa als Feinde, sondern wir hatten, wie das nun einmal in elfstündiger Fahrt auch bei dem bösesten Willen nicht anders möglich ist, eine gewisse Freundschaft geschlossen, und meine drei Kupeegenossen dürfen, falls sie etwa diese Zeilen lesen, mir deshalb nicht böse sein. Ueber wen soll man denn Witze machen, als über seine Freunde? Die Feinde nehmen es einem gleich übel; die Freunde aber sollen uns eben die Freundschaft bezeigen, unsere Witze nicht übel zu nehmen. Ich meinestheils habe noch oft an die drei Reisegenossen im Feuerofen unseres Eisenbahnkupees nachgedacht. Freilich habe ich dabei manchesmal an das Zwiegespräch denken müssen, das auch einer meiner Freunde im Stadtpark zu Karlsbad erhascht haben will, in dem ein polnischer Jude den andern, der sinnend auf einer Bank saß, fragte: „Was ist dir, was denkst du, über was sinnst du?" „Ueber mir," war die Erwiderung. Und die Antwort lautete lakonisch: „Geh, du Narr, wer wird sich über nischt den Kopf zerbrechen!" 6. U. Druck und Verlag von Rudols Mosse in Berlin. Verantwortlich für di« Redaltion: Max Bauchwitz in Berlin.