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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-19 · Heft 38 (19.9.1902) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
Seite 455 (sequence 13)
Language
German
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455 Lächeln Fremder. Zimmer daß ihr er ihres it es sehr nicht in e in der Gegengeen eina Resigmgsvoll n. Der in Blick, gesehen. Hinerzte chungen Lrost in zu Ende eläutert d wann :nd die usdruck . Ihre ', leicht lästerte immer, beugte t Zärtm ihre mpften ch um, >ch da. m; ihr ugung, - mein gelebt, tauben irtete." »egann Luchter w Ecke e kurz d aus l häu- Opfer nserer h von Elisabeth holte mühsam Athem. Ein seltsamer Glanz schimmerte aus ihren Augen, als sie sich vergebens aufzurichten suchte. „Werde Christ," flüsterte sie fast unhörbar, „sei ein Mann, rette Deine Seele. . . . Versprich es mir." Elisabeth faßte ihres Gatten Hand und drückte sie an ihre Lippen. Am Todtenbette bezeigte sie ihm wieder Liebe und Zärtlichkeit, die anscheinend zusammen mit ihrem erstgeborenen Kinde bestattet worden waren. „Emanuel, willst Du es mir versprechen?" fragte sie mit bebender Stimme. Morgen" — und ihre Augen starrten auf das Kruzifix — „morgen werde ich fern fein, fern von Dir — in dem Lande, wo es keinen Tod giebt, kein Leid, keine Sünde . . ." Emanuel stand vor ihr, bewegungslos, stumm, unfähig ein Wort zu sprechen. Thränen ranneu seine Wangen herab. Er, der ihr volle Freiheit in allen religiösen Angelegenheiten gewährt hatte, fühlte, daß er ihr den letzten Wunsch nicht erfüllen, nicht Glück urd Frieden in ihre scheidende Seele einziehen lassen konnte. „Emannel! Emanuel!" Seltsam rauh tönte ihm jetzt sein Name in die Ohren; ihre Stimme hatte eine drohende, fast zornige Färbung angenommen. „Emanuel! Emanuel!" Die zitternden Rufe der Sterbenden, diese starren Augen voll Erwartung, Entsagung und Ruhe, ihre tiefernste Frömmigkeit trugen ihn zurück in seine Kindheitstage, — zu einer Episode seines Lebens, die mehr als vierzig Jahre in seinem Eedächtniß ungestört geschlummert hatte. War es nicht sein Vater, der ebenso nach ihm geschickt hatte, als er schon mit dem Tode kämpfte? Emanuel erinnerte sich, daß er damals so wie heute aus dem Schlummer geweckt worden war; aber damals war er noch ein Kind, kaum zehn Jahre alt. Er wußte noch nicht einmal, was sterben hieß. „Emanuel! Emanuel!" hatte sein Vater mit letzter Kraft gerufen, ihn dicht zu sich herangezogen und ihm die Hände auf den Kopf gelegt, „denk an diese Stunde, mein Kind! Bleibe Jude! - Halte den Sabbath! - Bete! - Werde ein ehrlicher Mann, mein Kind! Schäme Dich nicht Deiner Abstammung! Sei stolz darauf — uud Gott wird Dir beistehen, Du wirst glücklich sein. . . ." Emanuel erinnerte sich, wie er unter dem Schluchzen >einer Mutter, seines älteren Bruders Salomon und seiner kleinen Schwester Esther, seinem Vater das Versprechen gab, dessen Sinn er damals nur undeutlich verstand. Leise weinte er vor sich hin. Wie ein Blitz zog sein ganzes Leben an ihm vorüber, als er sich jetzt in den Lehnstuhl neben dem Bette setzte. Nun sah er, daß alle seine Bestrebungen eitel und flüchtig waren, all seine Hoffnungen und Ideale blendende Phantasien — leere Träume. Wohl war er durch den Fleiß seiner Hände und den Schweiß seiner Stirne reich geworden, aber wem galt sein emsiges Schaffen, für wen litt er Enttäuschung und Kummer? Für Fremde — für Elisabeth und Martha, die ihn nicht verstanden, nicht verstehen wollten, die vielleicht seine Feinde waren. Hatte er sich nicht redlich bemüht, sich sein Glück zu sichern, indem er für ihr Glück sorgte? Und doch war er in seinem Heim, in seiner eigenen Familie allein! Jetzt wurde es ihm klar, warum sei» Bruder und seine Schwester, so arm sie auch waren, ihn nicht aufsuchten, warum sie sich ganz von ihm abgewandt hatten. Er war nicht nur sündig, sondern auch pietätlos gewesen, er hatte eine Christin geheirathet, und sein Heim war einer Kirche gleich mit Bildern und Kreuzen geschmückt. Er hatte das Versprechen vergessen, das er seinem Vater am Sterbebette gegeben; deshalb war der väterliche Segen nicht an ihm in Erfüllung gegangen. Emanuel war nahe daran, aus dem Zimmer zu stürzen. Er wollte ans der Luft heraus, die ihn zu ersticken drohte; er wollte zu seinen Brüdern, sie reuevoll um Vergebung bitten und sie anflehen, ihn wieder in ihre Mitte aufzunehmen. Er bezwang sich jedoch und blieb sitzen. Elisabeth starrte fiebernd mit thränenschimmernden Augen auf ihn. Die Wärterin trat leise herein und flüsterte Emanuel ins Ohr, der Priester wäre nicht zu Hause angetroffen worden. Martha fing die letzten Worte auf; sie schauderte, richtete sich auf und schritt schnell auf ihren Vater zu. „Du hast ihr das Leben in dieser Welt verdüstert," sagte sie mit zitternder Stimme. „Willst Du es auch über das Grab hinaus thun? Meine Mutter war eine Sünderin . . . aber sie litt genug für ihre Sünden. Hab Mitleid mit ihr. Sprich mit ihr, die für Dich gelitten!" Sie brach in Thränen aus und zog sich in die Ecke zurück, wo sie wieder betete. In dem halbdunklen Zimmer war es ruhig geworden. Emanuel blickte bald aus das zuckende Gesicht seines sterbenden Weibes, bald auf die langsam vorrückenden Zeiger der Uhr. Die dumpfen Windstöße draußen, das Rütteln der Fensterladen und das Ticken der Uhr verhallten in der schmerzlichen Stille gleich Klängen von Todtenglocken. — Elisabeth starb ohne Absolution in der Morgendämmerung. Auch Emanuel hatte ihr keinen Trost zngesprochen. Er saß bei seinem weinenden Kinde. Aus seinem Gesicht blickte traurige, aber feste Entschlossenheit. Neiseplaudereien. H' Toblach, im August. on deu zwei glücklichen Tagen, die Jeder in Karlsbad erlebt, war der andere gekommen, nämlich der Tag der Abreise. Die Kupees von Karlsbad nach München waren wie gewöhnlich sehr überfüllt, da nach Karlsbad Tirol ja besonders bevorzugt wird. Es war wirklich ein glücklicher Zufall, daß in dem Kupee, welches mein Dienstmann belegt hatte, nur drei Personen saßen: zwei Damen und ein Herr. Oder war es kein Zufall? Die Damen waren nämlich Russinnen und hatten das Gepäcknetz mit mehreren hundert Schachteln so belegt, daß der Schaffner, in der sicheren Ueberzeugung, das Kupee sei mehr als übersüllt, an diesem regelmäßig vorüberging. Kaum waren wir eine halbe Stunde von Karlsbad entfernt, als zwischen den beiden Damen und dem einzelnen Herrn sich «in Gespräch entspannen hatte, nachdem derselbe Herr den vergeblichen Versuch gemacht hatte, mit mir ein solches anzuknüpfen. Die Glaubensgemeinschaft der gesammten Kupeeinsassen war, so viel ich annehmen konnte, schon in der ersten Minute konstatirt, und so glaubte jener Herr wohl in seinem vollen Rechte zu sein, als er wenige Minuten, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz streckte. Die Lage schien ihm aber unbequem, und er zog die geehrten Füße wieder zurück.

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