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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-19 · Heft 38 (19.9.1902) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
Seite 454 (sequence 12)
Language
German
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454 Emanuels hatte für die schöne Tochter der Niederlande besondere Anziehungskraft. Schnellen Witzes, mit feurigen, faszinirenden Augen und dunklem, krausem Haar, hatte er mit seinen Werbungen leichtes Spiel. Er gewann bald ihr Herz. Ihre gegenseitige tiefe Armuth schreckte sie nicht, und so wurde Elisabeth Merten Mrs. Levin, obwohl sie wußte, daß sich ihre Armuth mit dieser Vereinigung verdoppeln würde. In ihrem dreizehnten Lebensjahre verlor Elisabeth die Mutter. Sie wurde für einige Monate in ein katholisches Stift gebracht, von wo sie ein amerikanischer Verwandter, der gerade Rotterdam besuchte, nach Newyork mitnahm. Als Elisabeth es müde war, ihres Verwandten Kinder in den Schlaf zu lullen, zu waschen, zu kleiden und zu speisen, lief sie aus dem Hause. Die Umwandlung vor» einem Dienstmädchen in eine Chantantsängerin und -Tänzerin gelang ihr überraschend schnell und leicht. Ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Jugend und vielleicht auch ihre Stimme ebneten ihr den Weg zu den Brettern, die die Welt bedeuten, und so sang und tanzte sie, bis Emanuel ihren Weg kreuzte. Bald nach ihrer Vereinigung kehrten sie dem Variete den Rücken. Beide waren es überdrüssig geworden, Schauspieler auf einer Scherzbühne des Lebens zu sein; sie sehnten sich danach, wirkliche Rollen im praktischen Leben zu spielen. Emanuel gründete sich ein eigenes Geschäft und kämpfte muthig, unbeirrbar um sein Glück. Geduldig arbeitete er und wartete er, wartete er und arbeitete. Mit der Zeit zog Wohlstand bei ihm ein, gefolgt von Behaglichkeit und Bequemlichkeit, aber die innere Zufriedenheit wollte sich nicht einstellen. Mit dem Tode ihres erstgeborenen Kindes und Elisabeths Gebeten um das Seelenheil des Dahingeschiedenen begannen dunkle Wolken ihr junges Eheglück zu bedrohen. Zum ersten Male, seit sie Emanuel kannte, wurde es ihr unter Schaudern klar, daß ihr Gemahl nicht zu ihrem Gott betete, daß er an einen anderen Gott, der» Gott der Juden, glaubte. Eines Tages während ihres Gebets erinnerte sie sich plötzlich eines goldenen Kreuzes, das ihr ihre Mutter hinterlassen, und das jetzt irgendwo in einer Truhe vergessen lagerte. Sie stöberte so lange, bis sie es fand, küßte es inbrünstig und hängte es sich um den Hals. Seitdem schien das Metall des Kreuzes sich ihr Tag und Nacht gleichsam ins Herz zu brennen, und sie kniete jetzt öfter vor dem Kruzifix, das in der Ecke ihres Schlafzimmers hing. Nach und nach befestigte sich in ihr der Glaube, der Tod ihres ersten Kindes sei ihr als Strafe dafür auferlegt worden, daß sie einen Juden geheirathet habe, und sie suchte ihre Sünde in strenger Buße zu sühnen. Emanuel blieb gegen den in seiner Wohnung angebrachten religiösen Schmuck und gegen die häufigen Gebete seiner Frau gleichgiltig; aber gerade die Freiheit, die er ihr verstattete, erbitterte sie, und ihre Neigung zu ihm erkaltete mehr und mehr. Liebe sieht zuweilen nichts, oft zu viel, aber einmal verflogen, stellt sie alles in ein falsches Licht. So erblickte Elisabeth in jeder Handlung oder Aeußerung ihres Mannes einen Beweis seiner Abneigung; gerade in seiner Güte — denn er liebte sie noch immer — sah sie Verachtung. Mit den Jahren wuchs Martha, ihr einziges Kind, unter dem Einfluß ihrer Mutter als fromme, fast fanatische Katholikin auf. Alles, was Martha über ihren Vater wußte, hatte sie aus dem Munde ihrer Mutter. Sie selbst kannte ihn fast gar nicht. Zeit und Gedanken widmete er nur dem Geschäft. Er sprach wenig, und sein Gesicht wurde nur selten von einem Lächeln erhellt. Gleichgiltig ging er und kam er, fast wie ein Fremder. Manchmal bemitleidete ihn Martha, daß er in einem Zimmer schliefe, das keine Kreuze an den Wänden habe, und daß ihr Gott nicht sein Gott sei. Eines Nachts kam Martha in das Schlafzimmer ihres Vaters, sie zitterte am ganzen Leibe. „Der Mutter geht es sehr schlecht," sagte sie mit bebender Stimme. „Kannst Du nicht in ihr Zimmer kommen? Sie möchte Dich gern sprechen." Emanuel eilte zu Elisabeth. Trübes Licht brannte in der Ecke, und di« Kreuze an den Wänden verliehen allen Gegenständen im Zimmer »ine feierliche, mystische Stimmung. Elisabeth lag bewegungslos. Ihre Wangen waren eingesunken und fahlgelb. Ein unsagbarer Schatten von Resignation ruhte in ihren verlöschenden Augen, die hoffnungsvoll auf das Kruzifix über ihrem Haupte geheftet waren. Der Doktor hatte gerade das Zimmer verlassen; aus seinem Blick, aus dem traurigen Schütteln seines Hauptes hatte sie gesehen, daß ihre Augenblicke auf Erden gezählt waren. Es schmerzte sie ganz und gar nicht, diese Welt mit all ihren Enttäuschungen und all ihrem Elend zu verlassen. Sie fühlte eher Trost in dem Gedanken, daß ihr dreijähriges Krankenlager bald zu Ende sein würde, und daß sie jetzt, frei von allen Sülchen, geläutert durch ihre Leiden, die Himmelsthore betreten sollte. Dicht am Bett saß die Wärterin, sie rieb sich dann und wann die Augen und kämpfte gegen den Schlaf an, während die Sterbenskranke auf den Todesschlummer wartete. Martha durchschritt leise das Zimmer. Ein leerer Ausdruck lag in ihren weit offnen Augen, ihr Haar war aufgelöst. Ihre Lippen bewegten sich beständig im Gebete; ihre große, leicht gebückte Gestalt zitterte bei dem geringsten Geräusch. Bei Emanuels Erscheinen erhob sich die Wärterin, flüsterte ihm etwas ins Ohr und entfernte sich aus dem Zimmer. Emanuel schritt zu dem Bette seines WeibeS hin und beugte sich sanft über sie. Ihre leblosen Augen füllten sich mit Zärtlichkeit und Liebe, sie blickte zu ihm auf und reichte ihm ihre abgemagerte Hand. Todtenstille herrschte im ganzen Hause. Die gedämpften Schritte Marthas wurden unhörbar. Emanuel blickte sich um, ob auch sie das Zimmer verlassen habe. Sie war noch da. Vor dem Kreuz an der Ecke lag sie betend auf den Knien; ihr Gesicht hielt sie mit den Händen bedeckt. „Emanuel," flüsterte Elisabeth heiser, mit einer Anstrengung, die sie fast zu ersticken drohte, „Emanuel, ich sterbe — mein Ende ist nah . . . Dreißig Jahre haben wir zusammen gelebt, niemals habe ich mit Dir ein Wort über unseren Glauben gesprochen, über meinen Gott, über Deinen . . . Ich wartete." Heftige Hustenanfälle unterbrachen ihre Rede. Sie begann sich in entsetzlichen Krämpfen zu winden. „Emanuel — meine Tochter, — siehst Du, — meine Tochter ist wie ich es wünschte, eine gute Christin. . . ." Sie wies auf Martha, die, im Gebet verloren, in der Ecke kniete, und sie lächelte, wie nur eine unheilbar Kranke kurz vor dein Tode lächeln kann. „Sieh," sagte sie feierlich, indem sie ihre kalte Hand aus der seinigen löste und ihm das kleine, au ihrem Busen hängende Kreuz hinhielt, „Emanuel, wenn Du nicht das Opfer bringen kannst — um meinetwillen, — thu es um unserer Tochter willen — sie ist Blut von Deinem Blut, Fleisch von Deinem Fleisch — thu es um Deinetwillen, Emanuel!"

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