Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 449 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch fühlte er sich den Juden gegenüber verpflichtet, da er von ihnen das gelernt, was für die von ihm eingeleitete Reformation von. großer Wichtigkeit war, nämlich das Hebräische, das ihn befähigte, die Stellung des Priesters zur Kirche, zum Volke und zum sozialen Leben überhaupt ans dem Judenthum kennen zu lernen und danach seine bekannten Maßnahmen zu treffen. Er war deshalb voller Anerkennung und Dankbarkeit gegen das Judenthum und schalt alle diejenigen, die sich in den Sinn kommen ließen, die Juden zu bedrücken und zu verfolgen. In der zweiten Periode tritt eine Umwandlung ein: aus dem humanen, gerechten und dankbaren Manne wird ein Widersacher, ein heftiger Gegner, der in den derbsten Ausdrücken sich gegen die Juden ergeht, so daß man sich verwundert fragen muß, ob das noch derselbe Luther ist, der noch kurz vorher so eifrig für die Juden eintrat. Der Gegensatz in dem Verhalten des großen Mannes ist zu schroff, der Widerspruch ein zu greller, als daß er nicht ausgeglichen werden müßte. Das fühlt der Verfasser, und er beeilt sich, das Problem zu lösen, indem er sagt: „Nachdem einmal bei Luther sich die Ueberzeugung festgesetzt hatte, daß die Juden als Volk sich nicht zu Christo bekehren wollten, mußte er als entschiedener Christ ein grimmiger Gegner dieses in seinen Augen gotteslästerlichen Volkes werden." Der Verfasser merkt nicht, welch eine klägliche Nolle er Luther mit dieser Erklärung seines Umschwungs noch Jahrhunderte nach seinem Tode zuweist. Denn nun läßt er ja seine christliche Menschenliebe als eine unwahre und geheuchelte erscheinen, als eine parteiische und engherzige, da er sie den Inden gegenüber nur bekundet hätte, um sie zum Uebertritt zu bewegen, daß diese christliche Liebe aber dann offen als Feindschaft sich enthüllte, sobald er die unerschütterliche Beharrlichkeit der Juden in ihrem Glauben erkannt und jede Hoffnung auf ihre Bekehrung aufgeben mußte. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, ob die Naivität oder die famose Auffassung der Tugend der Glaubenstreue, wenn der Verfasser schreibt: „Namentlich aber hat er die bittere Erfahrung machen müssen, daß all sein guter Wille, sein warmes Herz für sie und besonders sein eifriges Bemühen, sie für Christum zu gewinnen, vergeblich gewesen." Dis Juden sollten also um das Linsengericht der Freundlichkeit ihre alte, angestammte Religion, in der sich selbst die gelehrtesten und aufgeklärtesten Männer befriedigt fühlten, für die sie sogar die größte Begeisterung hegten, verkaufen und sein Mitleid mit ihrem Elend mit der Taufe bezahlen. Eine solche Gimpelei trauen wohl Missionäre den im Fetischdienst versunkenen, geistig auf niederer Stufe stehenden Volksschichten in China und in Indien zu. Aber ein evangelischer Pfarrer, der das Judenthum als Quelle seiner eigenen Religion einigermaßen kennen sollte, nicht minder aber auch die Juden als einen intelligenten, mit dem geschichtlichen Ruhme des religiösen Heroismus gekrönten Volksstamm, müßte doch Anstand nehmen, den Juden des Mittelalters eine so schnöde, gewissenlose Leichtmüthigkeit zuzutrauen, daß er es als Verstocktheit hinstellt, wenn sie dem warmen Herzen Luthers nicht den Gefallen thateu, sich sammt und sonders taufen zu lassen. Manche Stelle in der bezeichnet«, Schrift nimmt sich darum ztt Possirlich aus, weil man bei der öfteren Klage über die „Verstocktheit" Israels gegenüber den Liebeswerbungen Vielen den Eindruck erhält, als ob es sich um ein wildes, geistig stumpfes Volk handelte, das mit den glänzenden Glasperlen und schimmernden Scherben wetterwenderischer menschlicher Gunst und mit gleißenden Versprechungen von Dortheilen gefangen werden könnte. Auf welch geistigem Niveau diese Schrift steht, kann der Leser alsbald erkennen, da unmittelbar neben einander Stellen zn lesen sind, wie: Luther- Habe die Inden geschätzt, weil von ihnen das Heil gekommen, und wolle man eine edle Geburt malen, so müsse man einen Juden nehmen. Denn von ihren hocherleuchteten Patriarchen, Propheten und Königen haben wir die Schriften des alten Testaments, sie sind vortreffliche Lehrer und Krieger gewesen, durch die Gott große Thateu und Wunder ausgerichtet hat. Und gleich hinterher läßt der Verfasser eine große Riesenschlange der giftigsten Epitheta los, wie: verstockte und gotteslästerliche, christus- und christenfeindliche, abgöttische und abergläubische, geizige und wucherische Juden. Aber wir wollten ja gar nicht diese Schrift besprechen, denn das Urtheil über dieselbe muß sich jedem Leser von selbst aufdrängen, daß sie einen Geist athmet, der wie der Modergeruch einer längst abgestorbenen Zeit- und Lebensanschauung in eine freiere, humanere und aufgeklärtere Zeit hitteinweht; wir wollten nur an der Thatsache der Heraufbeschwörung des Geistes Luthers konstaticen, daß dies ein deutliches Symptom für den Verfall des Antisemitismus der Gegenwart ist. Kr verzweifelt an sich selbst, an seiner eigenen Hohlheit und sucht nach einem Bundesgenossen aus einer längst entschwundenen Welt, der, wenn er heute noch lebte, die zweite Periode seiner Stellung zu den Inden angesichts der Fortschritte der Menschen auf den Gebieten des Rechts, der Moral, der Philosophie und Naturwissenschaft sicherlich annnlliren würde. Nicht minder würde er, wie zn seiner Zeit gegen die Papisten, so jetzt gegen die Frivolität Derjenigen sein bekanntes, derbes Urtheil sprechen, die ihn aus dem Grabe heraufbeschwören, um ihn zu der falschen Zengenschaft zu drängen, daß seine (des jüdischen Volkes) wucherische Ausbeutung aller Nichtjuden ein Ausfluß seines nichtchristlichen Gewissens ist; denn das ist niemals die Meinung eines Luthergewesen, dem die Quelle der jüdischen Lebensanschauung, die Bibel,der Gegenstand begeisterter Bewunderung und höchster Ehrfurcht gewesen, der die Juden, wie erwähnt, als den Typus eineredlen Geburt hinstellt. Luther hat niemals von seinem Eifer für das Christenthuin sich dazu hinreißen lassen, die Judenfrage als eine religiös-sittliche hiuzustellen, denn diese letztere Qualität des Judenthums war für ihn ein Axiom. Alles drehte sich bei ihm mit Bezug auf die Bekehrung der Inden blos um die Anerkennung der Messianität Jesu rein um des Glaubens und der künftigen Seligkeit willen. Die Betonung des Religiös-Sittlichen in der Judensrage in dem Sinne, daß Juden ein anderes geartetes Gewissen hätten als Christen, ist zwar keine neue Erfindung des Verfassers, sicherlich aber eine solche, womit man sich jederzeit angesichts der Verbrecherstatistik vor aller Welt lächerlich macht, sich aber nicht minder blcnnirt, wenn man sie einem Luther unterschiebt, der, wie der Verfasser selber anführt, mit Bezug auf den Umstand daß die getauften Inden doch immer noch Juden blieben, die Schuld daran dem damals herrschenden Zustand beimißt, „daß sie auch unter uns Christen ein solch untreu Leben sehen mit Randen und Wuchern als immer unter Heiden sein möge und konnte."