Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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448 selben eine Adresse überreicht hat, welche in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet: „Es ist eine ehrenvolle Auszeichnung für unsere Gesellschaft, daß ihr der Borzug zu Theil wird, Ew. Majestät ihre ehrerbietige Aufwartung machen zu dürfen. Nach dem Beispiele Ihrer erlauchten Vorgänger geruhen Ew. Majestät. Ihren israelitischen Unterthanen Ihren hohen Schutz zu gewähren, jeden Angriff auf deren Leben nnd Eigenthum zu verhindern oder zu unterdrücken, denselben diejenige Ruhe zu verschaffen, welche ihnen die Früchte ihrer Arbeit sichert und die Möglichkeit bietet, alle Anstrengungen auf ihre geistige und sittliche Entwickelung zu richten zu ihrem eigenen Wohle und zum Wähle des Reiches. Wir haben ihnen unsere Hilfe angedeihen lassen, um in den großen Städten des Reiches Schulen zu errichten, welche von einer große» Anzahl von Zöglingen besucht werden, die fleißig arbeiten und sich ausbilden. Die Gründung dieser Schulen hat seitens Ew. Majestät, seitens der Minister Ew. Majestät und Ihrer Gouverneure werthvolle Förderung ersahren. Wir sind bestrebt, diese Gunst zu rechtfertigen, in dem wir die Schüler dieser Anstalten zu treuen, Ew. Majestät ergebenen Unterthanen erziehe». Die Israeliten Persiens lobpreisen den Namen Ew. Majestät, und wir vereinigen uns mit ihnen, uni Ew. Majestät unsere unauslöschliche Dankbarkeit für die Güte und das Wohlwollen zum Ausdruck zu bringen, das Sie für unsere Glaubensgenossen in Persien zu erkennen geben. Wir bitten Gott, daß er Ew. Majestät eine lange, ruhmvolle Regierung gewähren und daß er das kostbare Leben Ew. Majestät zum Heile der Völker Ihres Reiches erhalten möge." Der Schah empfing die Mitglieder der Deputation in huldvoller Weise. Er antwortete auf die Adresse, daß er seit seinem Regierungsantritt den Israeliten seines Reiches stets seinen Schutz habe angedeihen lassen, und baß er auch in Zukunft sortfahren werde, sie zu schützen und ihnen sein Wohlwollen zu bezeugen. Er fügte hinzu, daß ihm die von der in Persien begründeten Unterrichtsanstalten bekannt seien, daß er dieselben schätze und hoffe, daß sie zur Hebung der israelitischen Bevölkerung seines Landes beitragen werden. z In den letzten Berichten aus Amerika spielt der junge russische Großfürst Boris, ein Sohn des Großfürsten Wladimir und ein Vetter desZaren, eine ziemlich große Rolle. Sie wissen viel von seinem lustigen Leben in Newyork zu erzählen und von den mancherlei Abenteuern, die ihm in der neuen Welt begegnet sind; nirgends aber fanden wir bisher etwas über einen Zwischenfall, der sür uns von Interesse ist. Eine jüdische Gesellschaft in Chicago, die vornehmste in der Gemeinde, fand sich nämlich bemüßigt, den Großfürsten zu einem Diner in den Standard- Klub einzuladen. In der Einladung war allerdings bemerkt, daß die Annahme dieser Einladung den Beweis geben würde, daß der Fürst und der Monarch, den er repräsentier, keine Gegner der Juden seien. Der Großfürst antwortete darauf sofort, daß er dies nicht besser beweisen könne als durch die Annahme der Einladung. Bei dem Diner brachte der Richter Kraus, der Vorsitzende der Gesellschaft, einen Toast aus, in dem er freimüthig die Geschicke der Juden und ihre Leiden schilderte. Er wies darauf hin, daß einzelne Monarchen bei verschiedenen Gelegenheiten, wie z. B. bei einem Besuch in der Synagoge u. dgl., den Juden einen Beweis ihres Wohlwollens und deren Gegnern eine gute Lektion ertheilt hätten. Eine ähnliche Bedeutung werde auch der Besuch des Großfürsten in jenem Klub haben. Er werde alle gegeutheiligen Gerüchte zerstreuen und den Juden im Lande des Zaren neuen Muth einflößen. Daraus erhob sich der Großfürst, sprachseine Eenugthuung aus über die offene und herzliche Gesinnung, die aus diesen Worten hervorging, und leerte das Glas auf das Wohl der Gesellschaft. Der ganze Vorfall giebt zu denken. Auch die jüdische , Presse in Amerika ist nicht ganz einverstanden mit dem Vor. i gehen jener Chicagoer Gesellschaft. Der junge Großfürst wird ohne Zweifel einen guten Eindruck von den amerikanische« , Juden mit nach Hause nehmen; ob dies aber den russische« i Inden auch nur das Geringste nutzen wird, ist freilich eine , andere Frage. Oder auch gar keine Frage. , s Tsdtentreschivöruns. ' Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick-Berlin. < >iAos ist ist eine alte Erfahrung, daß jedes Gefühl, das über I die Ufer des Herzens hinaustritt und zur Leidenschaft wird, den Menschen verblendet und seine Urtheilsfähigkeit l beeinträchtigt. Es erscheinen ihm die Dinge der Welt, die c Menschen und ihre Beziehungen, der Gang des Lebens uni h der Geschichte nicht in dem Lichte einer objektiven Betrachtung > sondern in dem grellen Lichte der erhitzten Phantasie. Unter h dieser Einwirkung steigt der Thermometer des Geinüthes bii zum Ueberschwang des Siedegrads; die Fackel der Vernunft l erlischt, eine klare, nüchterne Erwägung findet hier keine Stätte i Wahrheit und Gerechtigkeit sind leere Begriffe, wesenlose i Schemen; der Instinkt der Leidenschaft führt das Szepter, und i wer sich einmal in seinen Bann verstrickt, bei dem gelingt cs i nnr mit großer Anstrengung, ihm die Augen zu öffnen, um i zu erkennen, daß er ein Sklave des Jrrthums und der geistigen s Finsterniß ist. i Solche Erwägungen und Gedanken müssen sich jedem s ernstdenkenden Menschen aufdrängen, wenn er das Treibe«! und Gebühren der antisemitischen Bewegung in der Neuzeit c unparteiisch in Betracht zieht. Sie hat die Quellen dck i Gesellschastslebens auf weite Strecken der bewohnte« t Welt hin getrübt. Groß ist nach dieser Richtung du k Zahl ihrer Opfer, und ließe sich die Menge der von ihrem h Einfluß Ergriffenen ziffernmäßig ermitteln, dann würde man t haarsträubend die moralische Verwüstung erkennen, die sii l in den Herzen der Menschen angerichtet. Dieser moralisch« i Schaden ist so groß, daß, wenn der Antisemitismus jcht plötzlich aufhörte, seine destruktiven Wirkungen erst nach dc>« i Wechsel von Generationen ein Ende nehmen würden. f Wird denn der Antisemitismus aber einmal aufhören t l Zweifellos! Eins solche Zeit muß doch einmal eintreten. Lehr« < uns doch die Geschichte und die Religion, daß die Mensche« > moralisch entwickelungsfähig, und daß, wenn Leidenschaft» f und Jrrthümer unter den Völkern im Lauf der Jahrhunde ctc l in immer anderen Formen auftraten, dieselben endlich ducci h die siegreiche Kultur in ihrer Roheit gemildert und abgeschwächt i zum Theil sogar gänzlich überwunden wurden. Aber a»«t s schon jetzt treten gewisse Anzeichen hervor, die erkennen lass » c daß der Antisemitismus diesem Auflösungsprozeß, wenn anck s langsam, so doch sicher entgegengeht. Nur auf ein solch» > Zeichen möchten wir hier die Aufmerksamkeit lenken. Vor Kurze» s erschien eine Schrift, die die Frage „War Luther Anti l semit?" mit einem Eifer und einer Leidenschaftlichkeit de s handelt, die einem Vertreter seiner Religion der Liebe und d» k Friedens, als welcher der Verfasser in seinem Berufe als eva» > gelischer Pfarrer angesehen sein will, schlecht ansteht. Er zitä < in der Broschüre Luthers Geist, um Zeugniß abzulegen, das I