Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 447 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Me Woche. Berlin, 17. September. (MZ7^ach den Käisertagen in Posen dauern die Erörterungen über die politische Bedeutung des Ereignisses in der deutschen wie in der ausländischen Presse noch immer fort. Wir erhalten darüber von einem angesehenen Manne aus der Provinz Posen selbst die folgenden beachtenswerten Auslassungen: „Was uns hier besonders interessirt, ist das schöne Wort der Anerkennung, das der König Posen gezollt: „Wir befinden uns hier in einer treuen deutschen Bevölkerung. Wir befinden uns hier in einer treuen deutschen Stadt, und treu ist die Arbeit, welche die Deutschen zur Hebung des Landes hier vollführen." Zweifellos war für dieses Urtheil — und zwar mit dollem Rechte — der Empfang maßgebend wie er den erlauchten Gästen bereitet wurde. Wer wird es aber wohl bestreiten wollen, daß hier ein gut Theil unsere Glaubensgenossen viel geleistet habe? An der Spitze der Bürgervertretung steht ein Jude, der den Monarchen im Rathhause mit hat begrüßen dürfen, die großen Geschäftshäuser, die den glänzenden Nahmen für das entzückende Festbild darboten, liegen in jüdischen Händen, die zahlreichen Kriegervereine, die in soldatischer Treue ihrem obersten Kriegsherrn die schuldige Ehrenbezeugungen boten, zählen nicht wenige Glaubensgenossen in ihren Reihen, — kurzum, die Festtage verdanken ihren Glanz und ihren glücklichen Verlauf einzig und allein dem Umstande, daß sich hier alles, was deutsch sich nennt und so fühlt, im innigen Liebesbunde zusammenthat. Nicht umsonst hat der Kaiser zur Einigkeit gemahnt, es gefordert, „daß die Deutschen ihren Erbfehler des Parteihaders ablegen." Das sei allen Jenen ins Stammbuch geschrieben, die engherzig konfessionellen Zwist herausbeschwören und in die so nöthige Einigkeit aller deutschen Elemente in unserer Provinz eiiren Keil schlagen. Erst jüngst haben wir es mit aller Entschiedenheit gnückweisen müssen, daß man an der Stätte der Volksvertretung unter Verkennung der wahren Verhältnisse es wagte, zwischen Deutschen und Juden zu scheiden. Wir begrüßen es vollends, wenn der Kaiser ul seinem Gerechtigkeitssinne den einer schweren Lüge schuldig erklärt, der da voll oben herab konfessionelle Rücksichten gewahrt glaubt. „Meine ganze Negierungszeit und meine Worte in Aachen beweisen, wie hoch Ich Religion, das heißt das persönliche Verhältnis; jedes Menschell zu seinem Gott achte, und er beleidigt durch eine solche Verleumdung den Nachfolger des großen Königs, der erklärt hat, ein Jeder solle auf seine Fa^on selig werden." Wahrlich, deutlicher kann «s doch gar nicht gesagt sein, wie Kaiser Wilhelm II. allen religiösen Zwist und Hader verwirft, wie das gerade in unserer Provinz die strengste Zurückweisung verdient. „Vor allen Dingen brave Preußen Win," das ist das Einzige, was den Bewohnern der Ostmark zur Pflicht gemacht wird. Werden diese Worte aus fruchtbaren Boden fallen? Werden sie gehört werden und die judenfeindlichen Strömungen zurückoättlmen? Werden die Beamten, an die ja besonders appellirt wurde, -n diesen erhabenen Worten die oberste Direktive sehen? Wir wünschen s, es liegt dies ja nur im Interesse des Deutschthums. Man höre endlich auf, nns zwischen zwei Feuer zu stellen, mit uns überall die Wahlen zu machell, uns aber in dem Erwerbsleben zu isoliren, und wo rgend möglich zurückzudrängen. Hoffen aber, daß die gerechte Sprache des Herrschers endlich überall gehört und beherzigt werde; wir ersehnen dies nicht blos um unseretwillen, sondern vor allem aus Liebe zu Kaiser und Reich. Die Juden sind in den doppelsprachigen Provinzeil unbedingt eine -Stütze des Deutschthums; man verkenne dies nicht und gebe ihnen, was ihr Recht ist. Mehr verlangen wir nicht." Zwei Nachrichten wurden in dieser Woche von den politischen Blättern gebracht, die beide für unsere Verhältnisse von gleichem Interesse sind. Die erste aus Berlin, die zweite ans Posen. Wie nach der „Natl. Korr." und anderen Quellen verlautet, soll von der freisinnigen Volkspartei für das durch den Tod Virchows erledigte Landtagsmandat des dritten Berliner Wahlkreises der Justizrath Dr. Edmund Friede mann als Kandidat ausgestellt Wörden. Herrn Kr. Friedemann ist von seiner Kandidatur, wie wir hören, bisher noch nichts bekannt. Die zweite Nachricht, die leider noch weniger glaubwürdig ist, wird von der „Posener Volkszeitung" gebracht. Es heißt dort, daß um die freiwerdende Posener Oberbürgermeisterstelle Justizrath Lewinski, der Vorsitzende des Stadtverordneten-Kollegiums in Posen, sich mit Erfolg bewerbe. Man darf wohl in nächster Zeit auf zwei kategorische Dementis aus Berlin wie aus Posen sich gefaßt machen. In einem Aufsatze „Das Reich der Habsburger" über das unter gleichem Titel erschienene englische Buch von Sidney Whitman schrieb der kürzlich verstorbene Otto Gildemeister Folgendes über die Stellung der Juden in Oesterreich, in diesem von nationalen Kämpfen, die alle Tage aktuell werden, zerrissenen Lande: „Abgesehen vom Zaren ist der Kaiser von Oesterreich der europäische Fürst, der die meisten israelitischen Unterthanen zählt, fünf vom Hundert, während in Deutschland das Verhältniß sich nur wenig über ein Prozent erhebt. Kaiser Franz I. soll, als er zum ersten Mal nach Lemberg kam, ausgernsen haben: „Jetzt sehe ich, weshalb ich den Titel König von Jerusalem führe." In Wien ist der zehnte, in Pest der fünfte Theil jüdisch; Prag hat über 30 Synagogen. Was an Energie und Frugalität in der verweichlichenden Atmosphäre des Reichthums verloren geht, das wird mehr als ersetzt durch den ununterbrochenen Zuzug frischer Kräfte aus galizischen und ungarischen Dörfern. Das ist gewiß sehr wichtig, aber ist doch nicht das Entscheidende. Herr Whitmann prophezeit nämlich den Juden eine herrschende Stelle in der Habsburgischen Welt. Die wahre Ursache hat Moltke (übrigens in anderem Zusammenhang) mit den Worten ausgesprochen: „Zur Herrschaft führt aller Orten und zu allen Zeiten die größere Geschicklichkeit." Aeußere Begünstigungen stehen den Juden in Oesterreich-Ungarn nicht zur Seite; im Gegentheil, sie haben mit Abneigung und Vorurtheil, sogar mit heftiger Feindschaft vieler Mitbürger zu kämpfen. Ihre Erfolge sind daher „das genaue Maß der Schwäche der Anderen." Diese Bemerkung des Herrn Whitmann sollten die Antisemiten außerhalb Oesterreichs in Erwägung ziehen; sie gilt auch für andere Länder. Jede Nasse, die — bei gleicher Vertheilung von Sonne und Wind — einer anderen Nasse unterliegen zu müssen erklärt, stellt sich ein Zeuguiß der Inferiorität aus. Nach Herrn Whitmanns Ansicht (der kein „Philosemit" ist, aber gerecht sein will) beruht der Erfolg der Juden nicht allein auf ihrem Verstände, ihrer Beharrlichkeit und Geschicklichkeit, sondern auch auf ihren starken Familiensinn, ihrer Eintracht und ihrer Hilfsbereitschaft. Der verbreitetste Vorwurf. daß sie nämlich im Geschäftsleben gewissenlos seien, sei von allen am wenigsten berechtigt. Die ärgsten Schwindeleien der letzten 20 Jahre in Paris, in London, in Newyork seien fast ausschließlich „das Werk des Kaukasiers" oder, wie man bei nns sagt, des Ariers. Alle Generalisirungen sind nicht ohne Fehler, aber man kann auch aus solchen Einblicken in Gebilde, von denen unsere eigene Zukunft abhängen kann, viel lernen, und mit Recht betont Gildemeister, der kürzlich verstorbene Bremer Bürgermeister, mit dem leider einer der Journalisten dahingegangen ist, die man mit kornmandirenden Generalen vergleichen konnte, daß die wirkliche, nicht blos theoretische Gleichstellung der Juden in Deutschland fehlt, wie sie in Oesterreich sehlt, „und bei uns ist der Mangel noch weniger entschuldbar als dort." sügt er hinzu. 4 Der Schah von Persien hat auf seiner europäischen Rundreise bereits wiederholt Gelegenheit gehabt, Adressen und Deputationen jüdischer Vereine zu empfangen, von denen er um seinen Schutz für die unglücklichen Juden Persiens gebeten wurde. Die angesehenste dieser Deputationen war sicher die des Centralkomitees der ^Ilianee israelite universelle, die der Schah am 4. d. M. in Paris empfangen, und die dem-