Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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446 NUN etwa glaubt, daß die Allhänger Treitschkes durch diese beiden eklatanten Beispiele belehrt oder bekehrt worden, der befindet sich meinem großen Jrrthum. Wir habennatürlich nur diese beiden Beispiele angeführt, weil sie uns als Juden angehen; ihre Zahl ließe sich noch wesentlich vermehren, denn seit dem Erscheinen der „Deutschen Geschichte", speziell des sünsten Bandes derselben, bringt die Fachliteratur in jedem Jahre neue Beispiele für die Unzuverlässigkeit und Einseitigkeit dieses Historikers. Ist aber dadurch sein Ruf auch nur im Geringsten erschüttert worden? Man muß diese Frage, gleichviel ob man es gern oder ungern thut, entschieden verneinen. Heinrich von Treitschke hat durch die überzeugende Wärme seiner Darstellung und den Schwung einer begeisterten Rethorik gewirkt. Seine „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" ist lebendig und fesselnd, in einzelnen Partien geradezu glänzend geschrieben. Seine farbenreiche Darstellung, der mit sich fortreißende Schwung seiner Begeisterung, das Feuer seinerpatriotischen Ueberzeugnng haben vor allem die Jugend in den Bann dieses Historikers gelockt. Alle diese Vorzüge wird auch der fanatischste Gegner Treitschke nicht absprechen dürfen, ohne sich lächerlich zu machen. Aber genau so wird mit der Zeit auch der fanatischste Anhänger nicht mehr auf die Zuverlässigkeit und Objektivität dieses Historikers Pochen dürfen. Und das ist für uns das Wichtigste. Wenn man bei Ranke seine Objektivität als einen subjektiven Mangel an vollem Herzschlag der Ueberzeugnng getadelt hat, so wird man künftig an Treitschke seine Subjektivität als einen objektiven Mangel, einen Mangel an der genauen Erforschung der Quellen und arider wahrhaften Darstellung der Thatsachen tadeln müssen. Augenblicklich sind wir allerdings noch weit von einer solchen richtigen Abschätzung des großen Historikers entfernt, und dies führt uns eigentlich zu dem Punkte, den wir für heute und an dieser Stelle besonders hervorheben möchten. Auch selbst diejenigen, welche Treitschke Jrrthümer, falsche Citate, subjektive Fälschung oder positive Entstellung der Thatsachen Nachweisen, thun dies mit allen möglichen Entschuldigungen für sich selbst und für ihren Helden, mit einer Zartheit und Scheu, die kaum begreiflich wäre, wenn man nicht an die Stellung denkt, die dieser Historiker noch immer im Leben unserer Nation einnimmt. So meint zum Beispiel Professor Elster, daß es sehr begreiflich sei, wenn Treitschke annahm, es sei zu Heines Naturalisation wirklich gekommen, weil ihm die Gründe unbekannt waren, die Elster nunmehr dokumentarisch nachgewiesen hat. Also diese Unkenntniß der Thatsachen gab Treitschke ein Recht, Heine der Lüge zu zeihen! Ein anderes Beispiel. Ein protestantischer Historiker bespricht das Buch von Georg Winter über die Reformation und erwähnt dabei, daß Treitschkes Bild von dem „herrlich aufblühenden und schmählich verfallenden Protestantismus" zwar von packender Tragik sei, „aber den geschichtlichen Thatsachen fern stehe". Was soll man dazu sagen? Die historische Darstellung einer der wichtigsten Episode» sei von packender Tragik, aber sie stehe den Thatsachen fern! Wir könnten diese Beilpiele noch wesentlich vermehren, aber schon die angeführten genügen für unseren Zweck, nämlich dafür, um die Frage zu stellen, wie würde die maßgebende Kritik einen anderen Historiker beurtheilen, dem man solche Fehler und Irrungen aus Schritt und Tritt Nachweisen könnte? Und nun weiter. Wie hat die deutsche Kritik den jüdischen Historiker H. Graetz beurtheilt, dem man auch nicht entfernt solche Dinge, sondern höchstens eine etwas allzu scharfe Kritik der teutonischen Judenhasser in den Freiheitskriegen und eine allerdings glühende Begeisterung für seinen Stamm vorzuwerfen in der Lage war? Aber freilich, Graetz war ein Jude, und wir Juden sind nun einmal nicht nur an Zurücksetzung, sondern auch an falsche Beschuldigungen und an ungerechte Beurtheilung auch in der Wissenschaft leider gewöhnt. Aber wir müssen noch weiter fragen. Wie hat der Ansturm protestantischer Kritik den katholischen Geschichtsschreiber- Johannes Janssen behandelt, einen Forscher, dem doch Niemand gründlichen Fleiß und Wahrheitsliebe absprechen konnte, während nichts an ihm zu tadeln war, als eine durch seinen besondern Standpunkt bedingte subjektive Geschichtsausfassnng, die ja dem Historiker so nothwendig ist wie die Objektivität. In ehrenrührigster Weise hat man ihn angegriffen, ohne auch nur zwischen Subjektivität und mala üä«s den geringsten Unterschied zu machen, ja oft sogar, indem man die letztere einfach voraussetzte. Ja, wie hat Treitschke selbst nach dieser Richtung hin seine Gegner behandelt? Wagte er es doch, einem F. A. Lange vorzuwerfen, es lohne ihm nicht der Mühe, die „gefälschten Ueberlieferungen" der Geschichte ernsthaft zu durchforschen! Aber Treitschke hat sich wohl überall dieser Mühe unterzogen? Inwieweit das Urtheil Treitschkes die deutsche Geschichtsschreibung beeinflußt hat, läßt sich heute noch kaum feststellen, aber es ist sehr charakteristisch hierfür, daß selbst jüngere Historiker, die Treitschkes einseitige Angaben so oft bekämpfen, sie stets gelten lassen, wenn es sich darum handelt, die Juden anzugreifen. Wenn das nicht zweierlei Maß ist, dann wissen wir wahrhaftig nicht, wo man sonst diesen Ausdruck anzuwenden ein Recht hätte. Nur sehr wenige Historiker, wie der verstorbene H. Baumgarten, und von Lebenden Martin Philippson, Georg Winter, Paul Nerrlich u. A. haben den Muth gehabt, auch gegen Treitschke offen aufzutreten; dafür sind sie aber auch heftig angegriffen worden. Erst in neuester Zeit macht sich auch auf diesem Gebiete eine gewisse heilsame Reaktion geltend. Wenn ein Kritiker es wagen darf zu sagen, daß Treitschke die schwerste Kunst des Historikers, dem Gegner gerecht zu werden, einfach versagt geblieben sei, daß er statt historisch wahrer Bilder „Zerrbilder der Vergangenheit" gegeben habe, und zwar in einem Maße, daß man mit Recht behaupten dürfe, die deutsche Geschichtsschreibung könne den gesteigerten Subjektivismus Treitschkes nur ertragen, weil ihr in Ranke und seiner Schule ein so gewaltiges geistiges Gegengewicht gegenüberstehe, so ist das ein Fortschritt der Erkenntuiß, von dem wir Notiz nehmen müssen, um nicht desselben Fehlers beschuldigt zu werden, den wir einer gewissen Kritik eben zum Vorwurf gemacht haben. Wenn die Geschichte, so lautet ja die moderne Forderung, nicht blos eine Zusammenstellung von Begebenheiten, sondern das Spiegelbild des Lebens sein soll, so dürfen auch wir Juden wohl verlangen, daß man uns nicht mit Voreingenommenheit, sondern ebenso unbefangen und frei beurtheile wie alle andern Menschenkinder. Lang genug, ja sogar viel zu lange, ist der Jude der Prügelknabe der Geschichte gewesen, als daß er die Lust in sich verspüren sollte, jetzt erst der Prügelknabe der Geschichtsschreibung zu werden. Niemand kann es uns verübeln, wenn wir, soweit es in unserer Kraft steht, uns dagegen wehren.