Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 37 Berlin, 12. September 1902- Der Gemrlndebote Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 10. September. Der 31. Jahrgang des statistischen Jahrbuchs der Stadt bringt eine Anzahl neuer, interessanter Ziffern über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Bei der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 wurden gezählt 92206 Juden gegen 86152 am 1. Dezember 1895. Die Zunahme betrug 6054 oder 7.03 Prozent und ist mithin viel geringer als die der gesummten Bevölkerung, welche 12,61 Prozent ausmachte. Dies ist ein äußerst charakteristisches Symptom dafür, wie sehr durch den fortwährenden Zug in die großen Städte die jüdische Bevölkerung der Ostprovinzen bereits numerisch geschwächt ist, so daß selbst diese Wanderung Nachlassen muß. Die Ziffer der Geburten ist derjenigen des Vorjahres ungefähr gleich geblieben; es wurden geboren lebend 1899 1898 beide Eltern jüdisch 1470 1476 Vater jüdisch, Mutter evangelisch 94i 91 „ „ „ katholisch 8/ 10 „ „ „ sonstig . 83/ *09 1 „ evangelisch „ jüdisch . 76 „ katholisch „ „ 7» 14 „ sonstig „ 7j 9 uneheliche Kinder jüdischer Mütter 90 90 todt 1899 1898 35 36 3 Wie man sieht, sind die Veränderungen sehr unbedeutend. Rechnet man die Kinder aus Mischehen zur Hälfte dem Judenthum zu, so verbleibt eine Geburtsziffer von Lebendgeborenen 1660 gegen 1666 im Vorjahre. Die Sterblichkeit weist eine sehr namhafte Steigerung gegen das Vorjahr auf. Es starben 1899 1898 Kinder unter 15 Jahren. . 295 254 Erwachsene. . 674 460 1169 1014 Dementsprechend betrug in diesem Jahre die natürliche Ver- Mehrung in Berlin nur 491 Seelen gegen 646 im Vorjahre. Bei den Eheziffern ist eine Zunahme zu verzeichnen. Es schlossen die Ehe: 1899 1898 Beide Gatten jüdisch . 621 585 Mann jüdisch, Frau evangelisch. . . 120 96 j „ katholisch . . . 23 i 14/ „ „ sonstig .... O! 229 204 „ evang. „ jüdisch .... 65/ 73 i „ kathol. 9) 13 „ sonstig 5 ' Erfreulich ist, daß auch die rein jüdischen Ehen sich vermehrt haben aber die Mischehenziffer ist wieder erheblich gestiegen. --- Berlin, 7. September. Die Festnummer des „Juristischen Litteraturblattes" zum 26. deutschen Juristentag, der am 10. d. M. hier Zusammentritt, enthält u. a. einen Aufsatz „Die Berliner Anwaltschaft" von Justizrath Dr. I. St ranz, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Bekannt sind die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, die dem Eintritt jüdischer Assessoren in den Verwaltungsdienst und seit einigen Jahren auch in die richterliche Laufbahn, entgegengestellt werden. Was bleibt nach jahrelangem Warten, nach unverdienten Zurücksetzungen anderes übrig, als die Flucht in die Advokatur! Sie, welche eine Pflanzstätte der richterlichen Beamten sein müßte, wird umgekehrt künstlich zu einem Sammelbecken anderweitig zurückgestoßener Kräfte gemacht. Man beklagt die Ueberflutung der Großstädte, namentlich Berlins, mit jüdischen Anwälten und führt doch diesen Zustand selbst herbei. Auch die Art und Weise, in welcher das Notariat verliehen wird, ist geeignet, die Stellung der Anwaltschaft in der Reichshauptstadt zu gefährden. Geschieht doch Verleihung und Versagung für Berlin wie auch für andere Großstädte nach konfessionellen Gesichtspunkten. Die „schwarze Liste" ist eine Einrichtung geworden. Mit den Bedürfnissen der Bevölkerung, auf die man sie zu stützen suchte, ist sie nicht in Einklang zu bringen. Denn eine Statistik der Notare hat ergeben, daß die Berliner ihren Notar ohne Rücksicht auf dessen religiöses Bekenntniß wählen. Jedenfalls wird für Berlin eine Spezies Anwälte gezüchtet, die früher nicht existirte: der jüdische Justizrath, dem das Notariat fehlt. Das heißt also, ein zwanzigjähriger ehrenvoller Dienst als Anwalt, anerkannt durch die -- wie betont werden mag, völlig unparteiische — Verleihung des Rathstitels, genügt nicht für die Verleihung des Notariats." §2 Berlin, 8. September. Gestern ist auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee für den unvergeßlichen Leonhard Sachs der Grabstein gesetzt worden. Die Inschrift ist von Herrn Rabbiner Dr. Ungerleider gut gewählt, und zwar aus Spr. 4, 3: „Denn da ich meinem Vater ein Sohn war, ein zarter und einziger, unter der Obhut meiner Mutter, da unterwies er mich und sprach zu mir: Laß dein Herz meine Worte festhalten und bewahre meine Gebote, so wirst du leben!" Und hierzu aus Jes. V. 11: „Sein Leben Segen — Seine Ruhestätte Ehre." Ein Sohn seinem Vater gewesen zu sein, war wohl stets das Höchste, was der Verstorbene angestrebt hat. und darum, weil er durch sein ganzes Leben und durch seine unermüdliche Thätigkeit im Dienste des Gemeinwohls den Ruhm, ein treuer Sohn seines großen Vaters gewesen zu sein, in wahrhaft aufopferungsvoller Weise bewährt, gedenken wir heute, nachdem ein Jahr vergangen, seit er von uns gerissen wurde, des unvergeßlichen und unersetzlichen Mannes mit treuer Pietät und in inniger Wehmuth. Sein Andenken wird aber noch lange ein gesegnetes bleiben! 11. Mus Westpreutzerr, im August. Der Stadtsekretär Alfons Stern in Dirschau, eine in Stadt und Land gleich geachtete Persönlichkeit, feierte jüngst sein 25jähriges Dienstjubilänm. Die Verdienste, so schreibt die „D. Ztg.", welche sich Herr Stern in stets getreuester Pflichterfüllung um die Kommune erworben, sind allgemein bekannt; besonders ist hinzuweisen auf die werthvolle Unterstützung, die den Korporationen und gemeinnützigen Vereinen, ebenso auch zahlreichen Bürgern durch Rath und That seitens des stets gefälligen, in allen Gebieten des Verwaltungswesens wohl unterrichteten Herrn Stern zu Theil geworden ist. Die große Arbeitslast, die derselbe als städtischer Beamter und Verwalter der Kreiskomrnnnalkasse zu bewältigen hat, ist für ihn kein Hinderniß gewesen, seine nie versagende Arbeitskraft Vereinen und Innungen zur Verfügung zu stellen. Zahlreich und werthvott waren die Angebinde, welche voll Vertretern verschiedener Vereine und Innungen, die in der Wohnung des Jubilars erschienen, mit herzlichen Glückwünschen überreicht wurden. Auch die jüdische Gemeinde, bei welcher Herr Stern seit einer langen Reihe von Jahren das Amt eines Rendanten und Sekretärs versieht, ehrte den bewährten und pflichttreuen Beamten durch Ueberreichung eines kostbaren Bier- Humpen. — Die in diesen: Blatte bereits erwähnte Feier des 50 jährigen Bestehens der Firma S. Elkuß Söhne in Flatow, hat kürzlich am Jubiläumstage im engsten Familienkreise stattgefunden. Es entspricht dies der großen Bescheidenheit des Seniorchefs der Firma, Herrn Rudolf Elkuß in Schneidemühl, der, nebenbei gesagt, sich der größten Hochachtung und Werthschätzung in Stadt und Land erfreut. Herr Elkuß ist auch Neserveleutnant. Ueber die Grundsteinlegung zu einen: Alterversorgungshein: in Flatow aus Anlaß dieses Jubiläumstages (s. Nr. 18 d. Bl.) soll nächstens näher berichtet werden. — Die von der jüdischen Gemeinde in Dirschau in: Jahre 1882 gegründete Uuterstützungskasse für durchreisende Arme wurde am 1. Juni aufgelöst, weil die Ausgaben die Einnahmen weit überstiegen hatten; es waren oft zwölf Petenten an einem Tage, so daß mancher: Monat bis 45 Mark verausgabt wurden. Der bei der Auflösung vorhandene Kasfeubestand von 100 Mark wurde der Kasse des israelitischen Frauenvereins Angewiesen. Diese Maßnahme wird jedoch mit Recht nicht all