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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 444 (sequence 14)
Language
German
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444 wiederholter Mahnung des Aufsehers, sich von diesen mit dem bekannten jüdischen Sprichwort getrennt: „Was einem nicht Zukommt, ist Neiwach!" Dabei fällt mir eine hübsche Geschichte eiu, die ich natürlich ebenfalls in Karlsbad gehört habe. Berl Zworechsack hat Leib Nothdürftig auf einen Betrag von 1000 Gulden verklagt. In der Verhandlung fragt ihn der Richter, wie hoch sich eigentlich die Valuta belaufen habe. Da sagt Berl: Auf 600 Gulden. Nun fragt ihn der Richter weiter: „Was ist denn mit den andern400Gulden?",, Das ist mein Reiwach", antwortet Berl. „Was ist Reiwach?" fragt ihn der Richter. „Neiwach is Reiwach," erklärt Berl, „das kann me nix übersetzen." Da läßt der Richter den Rabbiner des Ortes als Sachverständigen kommen und fragt ihn, was Reiwach auf Deutsch bedeute. Der alte Rabbiner streicht sich den Bart, dreht sich hin und her und sagt endlich: „Es is so, Herr Richter, Reiwach is Reilvach. Anders kann das kein Mensch erklären." „So!" schreit der Richter, „gilt, dann verurtheile ich Sie zu 10 Gulden Strafe, weil Sie als Sachverständiger die gewünschte Aufklärung nicht geben wollen." Da legt der alte Rabbiner seufzend die 10 Gulden auf den Tisch und, indem er sich zum Weggehen anschickt, sagt er wehmüthig: „Was einem nicht zukonnut, lst Reilvach." Nun lacht der Richter und sagt: „Jetzt weiß ich wenigstens, was Reiwach ist —was einem nicht zukommt." Genau so erging es unserm armen Helden mit seinem „Röhrl", und ebenso erging es mir auch m Karlsbad mit meinem Vorläufer und Nachfolger am Brunneu. Kein Wunder, daß einem in solcher Gesellschaft der Witz allsgeht. Ich habe wirklich in diesem Sommer nur wenig neue Witze gehört und weiß eigentlich noch weniger Interessantes zu erzählen. Der Karlsbader Regen macht einen dumm; denn man ist dann genöthigt, Gesellschaft aufzusuchen, und iul Uebrigen geht man ja nicht zu seinem Vergnügen nach Karlsbad. Man geht dahin, entweder um die Heilkraft der Quellen zu erproben, oder in einem jüdischen Restaurant Mittag zu essen. Viele behaupten, daß das letztere noch ein besseres Mittel gegen Fettleibigkeit sei als das erstere. Hört man dann im Laufe der Kurzeit doch einen guten Witz, so ist mail dafür um so dankbarer, und mit einem solchen will ich mir heute einen guten Abgang machen. Es war im „Posthof"' (Ich hoffe, die verehrten Leser werden durch diesen novelleuartigen Anfang nicht irregeführt.) Es war also im Posthof. In diesem bereits zweimal genannten „Posthos" saßen zum Frühstück, das bekanntlich die schönste Jahreszeit in Karlsbad ist, zlvei Berliner Herren, ein Mitglied der Reformgemeiude und ein Mitglied der sogenannten konservativen Partei. Sie verzehrten mit großem Behagen ihr Frühstück, wobei beide, sogar auch das Mitglied der Reformgemeiude, ihren Prager Schinken aßen. Das Gespräch drehte sich natürlich um Reform und Orthodoxie, und es regte den Konservativen so auf, daß er, der gerade ein fettes Stückchen Schinken auf der Gabel hatte, diese mit d?r bekannten Bewegung emporhielt und ausrief: „Nicht so viel vom Jndenthum darf geopfert werden!" Das ist der Witz der Saison, und wem er nicht gefällt, dem kann ich nicht helfen. Ich habe mich schon oben damit entschuldigt, daß der Karlsbader Regen auf den Witz nicht eben gedeihlich einwirkt. Außerdem war heilte mein Eingangs erwähnter sentimentaler Freund, der junge jüdische Journalist, längere Zeit bei mir, und wir haben unsere Gedanken ausgetauscht. Also! 6. K. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! <Mm Sprechsaal der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Nr. 35 M findet sich folgende Mittheilung des Herrn Oberkantors Ed. Birnbaum in Königsberg i. Pr.: „Manche hebräische Dichtungen des Nathan Rieß sind den Bibliographen bekannt, so: 5^2 (Einweihungslieder für die Synagoge zu Potsdam, nicht wie bei Fürst III, 157, Breslau), Berlin 1802." Als Quelle für seine Mittheilung bezeichnet Herr Birnbaum: „Landshuth, Materialien V, S. 146, im Besitze des Herrn Sanitätsraths Dr. Neumann, -- und dessen N-I12VN N1VV p- 283." War mir schon die schlichte Mittheilung des Herrn Birnbaum sehr befremdlich, so erscheint die Quelle in noch auffallender durch den dort hinzugefügten Zusatz: „Die Synagoge in Potsdam wurde auf Befehl und Kosten des Königs Friedrich Wilhelm III. erbaut und die Einweihungslieder des Dichters Nathan Rieß wurden von der versammelten Gemeinde gesungen im Monat Elul 5562 (1802)." Nach meiner, ich darf sagen: sicheren Kenntniß in der Sache, die ich während meiner langjährigen Amtsthätigkeit in der Gemeinde zu Potsdam mir erworben habe, beruht alles, was hier über die dortige Synagoge gesagt wird, auf Jrrthum. Ich erlaube mir daher zu bemerken: Die Synagoge zu Potsdam am Wilhelmsplatz 1 wurde auf Befehl und Kosten des Königs Friedrich II., des Großen, errichtet und am 29. Dezember 1767 ('IlLkl in Gegenwart der Mitglieder des königlichen Hauses und höchsten Behörden feierlichst eingeweiht. Nichtosfizielle Urkunden hierüber, so viel ich mich augenblicklich erinnere, sind: 1. Der Originalbericht über die Einweihungsfeier in der Haude- und Spener'schen Zeitung vom Januar 1768; 2. Schenkungen und Widmungen mit bezüglicher Inschrift und Angabe des Datums; 3. ein Originalexemplar der ber Einweihungsfeier gesungenen hebräischen Lieder, ich glaube fünf oder vier Strophen. Der Verfasser ist nicht genannt. Wäre Nathan Rieß der Verfasser dieser Lieder, so müßte er, da er im März 1851 gestorben ist (siehe Beilage zu Nr. 32 dieser Zeitung), dieselben schon im frühesten Kindesalter geschrieben haben, was Wohl nicht anzunehmen ist. Seit der Einweihungsfeier von 1767 hat nachweislich keine Synagogeneinweihung stattgefunden, also auch nicht im Monat Elul 1802 unter König Friedrich Wilhelm UI. Ich kannte viele Mitglieder der Potsdamer Gemeinde, die 1802 lebten. Niemand besaß eine Erinnerung an eine Synagogeneinweihung in jenem Jahre oder in jener Zeit; Alle aber kannten die Tradition der Einweihung unter Friedrich dem Großen. Diese Tradition ist bei der Säkularfeier der Synagoge am 29. Dezember 1867 unter Theilnahme der höchsten Behörden der Residenz und durch Absingung des Liedes von 1767, dem von mir zwei neue Strophen hinzugefügt wurden, erneut worden und wird wieder gefeiert werden im nächsten Juhre, so Gott will, bei Einweihung der im Bau begriffenen neuen Synagoge. Es bleibt nach alledem nur übrig, daß, wie es Fürst LikUotüeea ^uäaiea III 157 verzeichnet, Nathan Rieß seine Einweihungslieder 1802 für die (resp. eine) Synagoge zn Breslau, nicht zu Potsdam, geschrieben hat. Berlin, im September. Dr. Tobias Cohn. 0 Zur Einsicht der „Materialien" laubniß erbitten. * werde ich mir demnächst Er- Geehrter Herr Redakteur! <Mn meinem Aufsatz über „Die Juden in Rothenburg ob der Tauber" sind einige Druckfehler enthalten. Es muß heißen: Seite 405 Zeile 8 von oben Juden tanzhaus (nicht Judentönphaus); Seite 405 Zeile 32 von oben Bensen (nicht Berson); Seite 405 Zeile 26 (Spalte 2) von unten Burgplateau (nicht Bürgerplateau). Braunschweig, 24. August 1902. Ganz ergebenst Felix Herzfeld. Druck und Verlag von Rud 0 lf M 0 s fe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBauchwitzin Berlin.

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