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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 443 (sequence 13)
Language
German
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443 „Nun, — was sagen Sie dazu? " fragte er. „Es muß eine furchtbare Stunde für Sie gewesen sein." sagte sie leise. „Abschied vom Leben nehmen in voller Kraft und Gesundheit." „Aber das Andere, Lea, — haben Sie darauf nichts zu erwidern? — Lea!" „Sally!" ----------- Tante Blümchen öffnete leise die Thür. Ein seltsamer Anblick bot sich ihr. Sally saß halb aufgerichtet und hatte einen Arm um ihre Schulter geschlungen. Beider Augen tauchten in einander und hielten stumme Zwiesprache. * -irk- Tante Blümchens heiße Gebete, die sie einst verzweiflungsvoll zum Himmel gesandt, fanden nun doch Erhörung. Ihren beiden Schmerzenskindern Lea und Sally erblühte aus Jrrthümern und Schmerzen ein neues, reines Glück. Ueiseplaudereren. I. Karlsbad, im August. (9V§!/'ittelalterliche Dunkelheit deckte bereits die Erde, als ich in Karlsbad ankam, aber auf der „Alten Wiese" wimmelte es noch von Badeärzten, dazwischen hier und da auch ein Kurgast, und ich hatte reichliche Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob Karlsbad wirklich eine Abendschönheit sei, wie manche kühne Schwärmer und poetische Hausbesitzer vermeinen. Ich war etwa eine halbe Stunde auf- und abgegangen, ohne einen Bekannten getroffen zu haben. Nur wer Karlsbad kennt, weiß, was das zu bedeuten hat; da stürzte aus den wilden Reihen der Badeärzte Jemand auf mich zu mit den hastigen Worten: „Grüß" Sie Gott! Haben Sie schon Lueger gesehen?" Der Mann war aber zufällig kein Badearzt, sondern mein sentimentaler Freund, ein jüngerjüdischer Journalist aus Wien. Es gelang mir, meinen aufgeregten Freund bald zu beruhigen, und so konnte ich in dem Bewußtsein, schon am ersten Abend ein gutes Werk vollbracht zu haben, zu Bette gehen. Als ich am anderen Morgen erwachte, küßte die Sonne mit ihren heißesten Strahlen schon die Karlsbader Erde und verzierte sämmtliche Brunnen mit ihrem reinsten Golde. Ich halte diese poetische Einleitung für um so uothwendiger, als die Begebenheiten, von denen ich zu erzählen habe, im Sommer des Jahres 1902 spielen, in welchem Jahre das deutsche Wetter bekanntlich so verdrießlich war, daß der Sonnenschein ins Reich der Fabel verbannt wurde, und die armen Menschen nicht mehr wußten, ob sie aus der Erde gehen oder schwimmen sollten. Diesmal war es nicht mein sentimentaler Freund, sondern ein veritobler Badearzt, der mich auf meinem Wege zum Marktbrunn mit der Frage anherrschte: „Haben Sie schon Lueger gesehen?" Worauf ich mir die bescheidene Gegenfrage erlaubte: „Haben Sie wirklich keine andern Sorgen?" Zehn Minuten später hatte ich ihn gesehen, und ich muß gestehen, daß ich selten eine größere Enttäuschung erlebt habe. „Das also ist der schöne Karl!" Man denke sich einen Mann, sehr groß, ziemlich dick — wenn die Natur etwas sparsamer gewesen wäre, hätte sie aus ihm noch einen Wiener Vizebürgermeister schaffen können — mit dem eleganten Gang eines Dromedars, mit einem Gesicht und einem Lächeln, auf dem sich jenes kolossale Selbstbewußtsein abspiegelt, das der Mann oft genug bekundet hat. In der That kann man sich kaum einen Menschen denken, der eine größere Geringschätzung gegen die Bescheidenheit an den Tag legt als Herr Dr. Karl Lueger, der „Herr von Wien". Um es kurz zu sagen: Ich hatte nun jeden Tag das mehr als zweifelhafte Vergnügen, entweder vor oder hinter Herrn Lueger in dem Queue zum Marktbrunn zu marschiren und über die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge nachzudenken. Manchmal wurde die wonnige Aussicht auf drei Glas Marktbrunn vor dem Frühstück noch dadurch erhöht, daß vor mir Herr Lueger, der aber wirklich nur ein entfernter Verwandter derdrei Grazien ist, und hinter mir derrnmänische Ministerpräsident Herr von Sturdza desselbigen Weges wandelte. Ans viele glaubensgenössische Kurgäste übte der tägliche Anblick dieser beiden verehrteil Feinde Israels eine geradezu aufreizende Wirkung aus. Man weiß, daß ein Glas Marktbrunn gefährlicher wirkt lvie eine Flasche Palästinawein, und so wird mau es begreifen, wenn allmorgendlich die abenteuerlichsten Pläne ausgeheckt wurden. Der Eine wollte Lueger zur Rede stellen oder gar mit ihm anbinden, der Andere wollte Herrn Sturdza interviewen und ihn für die unglücklichen rumänischen Juden günstiger stimmen. Den besten Plan heckte allerdings der findige Kopf eines bekannten Berliner Rechtsanwalts ans. Er wollte nämlich an einem schönen Julimorgen hundert polnische Juden mit weißen Nelken auf ihren Kaftans am Marktbrunn antreten lassen. Bekanntlich ist die weiße Nelke die Blume der Antisemiten, und Herr Lueger erschien täglich mit einer solchen im Knopfloch. Der hübsche Plan kam aber leider nicht zur Ausführung, erstens weil wir keinen schönen Jnlimorgen erlebt und dann wohl auch ans andere» Gründen. An der geeigneten Auswahl ösilicher Mitbürger hätte es natürlich auch in diesem Sommer hier nicht gefehlt, aber man muß sagen, sie sind so bescheiden, so anständig und zurückhaltend, daß auch der verbissenste Antisemit nichts gegen sie einwenden könnte. Sie machen wahrhaftig viel weniger Nischus als viele Wiener, Berliner und Frankfurter Modedamen in ihren, auffallenden Putz und mit ihren lärmenden Begleitern. Und mit welcher Verachtung sehen jene Modedamen ans diese armen polnischen Juden herab, die oft in einem Finger mehr Verstand und jedenfalls mehr Witz haben als sie im ganzen Kopfe. Ich kann da eine ergötzliche Geschichte erzählen, die in diesem Sommer Passirt ist. Eine sehr elegante Dame, die sehr spät zum Mühtbrunn geht, bemerkte, während sie ihren Brunnen aus einem zierlichen Röhrchen schlürfte, daß sie ein kleiner, recht dürftig aussehender, verwachsener, polnischer Jude mit einem struppigen Barte beständig verfolge. Mit feinem Instinkt hatte sie sofort erraten, daß der Mann nicht ihrer Schönheit folge, und sie zog ihr feines Portemonnaie' um, sobald er sich nähern sollte, seinen voraussichtlichen Wunsch zu erfüllen. Aber die holde Frau hatte sich geirrt. Der kleine polnische Jude näherte sich ihr mit der demütigen Bitte: „Madamche, möchten Sie mir nich einen Augenblick Ihr Röhrl leihen?" Ob die Dame diesen Wunsch erfüllt hat, weiß ich nicht; aber man erzählte, daß der Mann sich am anderen Tag ein solches Röhrl, das er vordem noch nie gesehen, ans Neugierde selbst gekauft habe, daß es ihm aber durch die Ungeschicklichkeit eines zeitgenössischen Landsmanns und Glanbensbruders noch am selben Morgen zerbrochen worden sei. Wehmüthig habe er dann die Scherben seines Schatzes betrachtet und, erst nach

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