Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 442 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228511--59013-3295501
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

442 Lea stand aus der Straße still und zog den Mantel fröstelnd über die Brust zusammen. Er hatte sie mißhandelt — zuerst mit rohen, beleidigenden Worten, und endlich hatte er sie — geschlagen. — Auch dieser größte Schimpf noch! - Und sie, — warum hatte sie es so weit kommen lassen? Warum war sie nicht früher gegangen? — Was hatte sie in diesem Hause, neben diesem verhaßten Menschen, der seine brutale Natur immer mehr hervorkehrte, denn noch festgehalten? — Ihr Kind war todt. . . Ihr Vater war todt. . . Die Mutter wußte nun auch, wie es um ihre Ehe stand. . . . Die Mutter? — Sollte sie zu ihr gehen, — der Verwöhnten eine Last mehr sein? — Und wozu überhaupt noch leben? — Wozu? Vor ihres Geistes Augen tauchte ein Bild aus, — ein Bild, das sie nicht mehr bannen konnte. . . Ein kleiner Teich vor der Stadt, von einigen verkrüppelten Weidenbäumen melancholisch umstanden. . . Ties genug, um alles Leid und Weh eines Menschenlebens hinein zu versenken.-— Doch Plötzlich empfand sie eine große Sehnsucht nach Tante Blümchens heimlich-warmem Stübchen, — nach Tante Blümchens treuer Brust, an der sich Schmerzen so gut ausweinen ließen . . . Und — sie kehrte um . . . Ihr graute auf einmal vor dem melancholischen Weiher. — —-— „Lea, — um des Himmels willen, wo kommst Du her?" empfing Tante Blümchen erschrocken den späten Gast... Da schwankte sie und sank ohnmächtig in die Arme der Alten . . . Tante Blümchen verlor den Kopf nicht. Sie hatte schon so viele Kranke in ihrem Leben gepflegt! — Sie brachte die Ohnmächtige zum Bewußtsein, entkleidete sie und brachte sie ins Bett, Lea ließ alles fast willenlos mit sich geschehen. Sie ließ sich Wein und Suppe eiuflößen, sie lag still da, während Tante Blümchen ihre leise Kosenamen gab und sie sanft streichelte . . . Nun saß die alte Frau am Bett und dachte nach. „Es muß irgendwie mit Sally Zusammenhängen!" dachte sie weiter . . . „Er war hellt Abend so sonderbar! — Er nahm Abschied, — als wäre es fürs ganze Leben . . ." Und als sie dies überdachte, kam eine große Angst vor etwas Unbekanntem, Schrecklichem in ihr Herz. Was mochte er nur Vorhaben?" „Tante Blümchen!" rief es neben ihr. Sie fuhr empor. „Lea, — Kind, — ich Hab' wohl lange geschlafen? — Bist schon lange wach?" „Tantchen," sagte Lea schreckensbleich, — „da stolpert Etwas so schwer die Treppe herauf, — gerade als ob — ein Paar Männer einen Sarg trügen — oder einen Verunglückten. . ." „Kind! Kind! Was für Ideen!" rief Tante Blümchen. „Du bist aufgeregt, — hast auch vielleicht böse geträumt . . . Sie tragen ein schweres Möbelstück oder so was . . „Tante Blümchen, — ich werde aufstehen; ich fühle Mich wieder ganz kräftig. Und dann, bitte, erkundige Dich, was es ist," „Meinetwegen! Aber ich sage Dir im Voraus, es ist nichts!" Aber auch ihr Herz zitterte in unbestimmter Angst.-— „Um meinetwillen hat er es gethan, — um meinetwillen! — O Tante Blümchen, was bin ich für ein unseliges Geschöpf! — Allen bringe ich Unglück. An meines Vaters Tode bin ich schuld, — und nun stirbt auch Sally um meinetwillen!" „Er wird nicht sterben!" sagte Tante Blümchen. „Der Schuß hat nur die Lunge gestreift, und der Arzt giebt die beste Hoffnung. Aber wie dieser vernünftige Mensch sich duelliren konnte!" — „Er ist dazu gezwungen worden!" sagte Lea. „Er konnte nicht anders, - sicherlich. Und mein Gatte . . . ." Sie wußte aus Andeutungen des Arztes, daß ihr Gatte es war, der Sally verwundet hatte. Er selbst war heil geblieben. „Gott sei Dank!" dachte sie. „Wäre er verwundet, ich hätte ihn jetzt nicht verlassen können . . . Ich hätte ihn Pflegen müssen . . . Aber ihn darf ich auch nicht verlassen, den Freund, der um meinetwillen verwundet wurde ... der für mich beinahe gestorben wäre!" — Tante Blümchen war's zufrieden. „Da hat sie wieder eine Arbeit, — ein Interesse," dachte sie. Am Bett des Kranken, der im Wundfieber lag und Niemanden erkannte, packte es Lea jäh: „Wenn er getödtet worden wäre!" — Und plötzlich sah sie klar in ihr eigenes Herz: Der da lag, war ihr mehr als ein Freund — sie liebte ihn! -fr « -r- Wochen waren vergangen, Sally lag noch bleich, aber schon fast völlig wieder hergestellt, in den Kissen. Lea las ihm vor. Sie ging ganz auf in ihrem Pflegeamt, sie schien nichts anderes mehr zu sein als barmherzige Schwester. Zu ihrer Mutter, die zuweilen zu Tante Blümchen kam, und zu Dieser selbst hatte sie schon einige Male ihre Absicht geäußert, sich von nun an ganz dem Beruf der Krankenpflege zu widmen. Die Vorleserin unterbrach ihre Lektüre : „Sie werden müde sein ... Ich will aufhören." „Ich nicht! — Aber es ermüdet Sie zu sehr." „Als Krankenpflegerin muß ich das aushalten können!" „Krankenpflegerin! — Sie wollen Krankenpflegerin werden!" »Ja, — es wird mir Befriedigung geben!" „Nun, — ich hab's erfahre», was für eine sanfte, geduldige aufopfernde Pflegerin Sie sind." „Sprechen Sie nicht davon! — Es ist ja nur Zufall, daß ich meine Pflegerinnenlaufbahn gerade mit Ihnen begonnen habe. Ich war nur zufällig hier, als —" „Als man mich nach Hause brachte, mit der Kugel im Leibe . . . Welch eine Thorheit, nicht wahr? — Aber er hat Ihren todtcn Vater beschimpft, — und ich züchtigte ihn dafür' Und nun muß ich die Ursache sein, daß der Bruch mit Ihrem — Gatten unheilbar geworden ist!" „Der Bruch war schon früher unheilbar!" sprach Lea. „Die Scheidung ist bereits eingeleitet." Es war das erste Mal, daß sie über diese Dinge sprachen. Nun schwiegen sie Beide, — in Gedanken. Plötzlich fiel ihm etwas ein: „Wo sind die Kleider, die ich damals anhatte, als ich — krank wurde?" „Wir haben sie aufgehoben." „In der einen Rocktasche steckte etwas — ein — Papier," sagte er zögernd. „Es wird noch drin sein, wollen Sie es haben?" fragte Lea. Er nickte. Lea brachte den Rock und da flatterte der Brief zu Boden. Lea hob ihn auf und reichte ihn Sally. Das Blatt hatte sich im Fallen geöffnet, und sie sah, ohne es zu wollen, die Aufschrift: „Lea!" . . . „Sonderbar!" sagte er. „So ein Brief, den man in einem Augenblick geschrieben hat, als man mit dem Leben fertig zu sein glaubte . . . Wissen Sie, an wen der Brief ist?" Sie hatte die Aufschrift gelesen und mochte nicht lügen. „Ich weiß!" sagte sie einfach . . . „Wollen Sie ihn lesen?" „Wenn es Ihnen Freude macht . . ." Sie nahm den Bries aus seiner Hand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.