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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 441 (sequence 11)
Language
German
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441 Eines Tages wurde der Kommerzienrath todt — mit durchschnittenen Pulsadern in seinem Arbeitszimmer ausgesunden. Auf dem Schreibtisch lag sin Brief, der außer einem zärtlichen Lebewohl an die Seinen und die Bitte um Vergebung Aufschlüsse Über die Motive der schrecklichen That enthielt.- Der Kommerzienrath hatte geschäftliche Verluste gehabt, — aber eine weit empfindlichere Einbuße an seinem Vermögen bedeuteten die kolossalen Spiel- und andere Schulden, die der Graf gemacht hatte, und die der Schwiegervater immer wieder bezahlen mußte. Er suchte durch Börsenspekulationen die Verluste wieder einznbringen und verlor schließlich auch den Rest seines Vermögens. Der Unglückliche sah in seiner Verzweiflung keinen andern Ausweg als die Flucht aus dem Leben. — In dem Abschiedsbriefe an Frau und Tochter klagte er sich bitter an, nicht nur die Seinen ihres Vermögens beraubt, sie zu Bettlern gemacht zu haben, — sondern auch das ganze Unglück von Anfang an selbst verschuldet zu haben. — „Ich hätte nicht in diese Heirath willigen dürfen! — Es war der Anfang meiner Schuld. . . . Arme Lea, — Du hast das Glück nicht gefunden, das ich für Dich erhoffte! — Nun büße ich für meine Jrrthümer. . . Ich hoffe, Gott wird mir auch diesen letzten Schritt verzeihen und mir ein gnädiger Richter sein." . . . -I« -i- * Sally trat in das Cafö ein. Seine Lippen, seine Kehle waren trocken und brannten wie Feuer. Er ließ sich an einem Marmortischchen nieder und bestellte eine Tasse Kaffee. Auf einem Stuhl neben ihm lagen Zeitungen und Witzblätter. Mechanisch nahm er eines davon. Fades Zeug! — Aber besser die schalste Lektüre, als diese quälenden, schweren Gedanken. Nur nicht denken müssen! — — In einer Nische saßen an einem größeren Tisch einige Herren, meistens Offiziere. Sie schienen schon viel gezecht zu haben, denn es ging sehr laut bei ihnen zu. Dann und wann kam ein dröhnendes Gelächter aus jener Ecke. Jetzt nannte Jemand den Namen des Grafen Winterfeld. „Armer Kerl! — Was hat er nun von seiner Heirath? — Der Alte ist abgekratzt, — und kein Geld da! Kein Psennig!" „Ja — er ist der Neingefallene!" meinte ein Anderer. — „Aber wer hätte das gedacht?" „Ja, — wer hätte das gedacht? — Um ein Haar hätten Sie angebissen, Baron Wesel, — wissen Sie noch?" „Ich? — Was denken Sie? — Wir liiren uns nicht mit Juden, — ist bei uns Hausgesetz!" „Es ist besser, daß ich gehe!" murmelte Sally aufstehend. „Wer weiß, was ich sonst noch hier zu hören bekomme!" — Er winkte dem Kellner. Aber ehe der kam, öffnete sich die Glasthür, und Graf Winterfeld kam schweren Schrittes, von einem Freunde begleitet, herein. . . . Sein geröthetes Gesicht, seine unsichere Haltung verriethen, daß er schon von einem Zechgelage kam. Die eben noch so laute Tafelrunde war Plötzlich ganz still geworden. „Guten Abend!" sagte der Graf mit schwerer Zunge. . . . „Was seid ihr auf einmal stumm, — als wär' ich 'n Geist? — Gebt mir 'n Schluck zu trinken!" Er ließ sich schwer auf einen Stuhl nieder, und man beeilte sich, ihm einzuschenken. „Muß mein Mißgeschick begießen!" lallte er, das Glas hebend. „Bin doch verfluchter Pechvogel!" „Kondolire von Herzen!" sagte Baron Wesel, nicht ohne eine leichte Beimischung von Schadenfreude. „Kondoliren! — Hat sich was!" rief der Graf. „Gemeinheit! — Macht sich aus 'm Staub und läßt nicht einen rothen Heller. . ." „Er hat Unglück gehabt!" sagte einer der Besonneneren, das reizte erst den Trunkenen. „Unglück?" schrie er. „Der Gauner, — der Spitzbube!" Sally schritt an ihm vorüber! Er zitterte vor innerer Erregung, aber er hielt mit Mühe an sich. „Mit einem Trunkenen kannst Du nicht rechten!" beschwichtigte er sich. „Es ist besser. Du gehst.... wozu erst einen Skandal heraufbeschwören?" Aber schon hatte ihn der Graf gesehen. . . . „Hier sind Juden!" schrie er. „Juden raus!" Sally trat an ihn heran. Einfaches Jgnoriren war nun nicht mehr angebracht. »Ich gehe," sagte er mit gedämpfter Stimme, „nicht weil Sie es befehlen, — sondern weil ich nicht länger Zeuge sein will, wie Sie einen Todten, von dem Sie nur Gutes erfahren haben, beschimpfen." . . . „So recht! — Ein Jud' für den Andern! — Art zu Art!" höhnte der Graf. „Sie wissen nicht mehr, was Sie reden!" sagte der Rechtsanwalt ruhig. „Gehen Sie lieber nach Hause, — Sie haben zu viel getrunken!" „Was erlaubst Du Dir, Judenbettgel?" schäumte der Graf. „Glaubst Du, weil Du der Liebhaber meiner Frau . . .?" Ein wüstes Durcheinander war plötzlich an dem Tisch ent° standen. Stühle fielen krachend um, Gläser splitterten klirrend in Scherben und ergossen ihren Inhalt über Tisch und Fußboden. Alles schrie durcheinander. — Der Rechtsanwalt hielt mit wüthendem Griff den Trunkenen an der Kehle fest und ließ erst los, als die Anderen zu Hilfe eilten.-— — -t- * -l- „Lea! Dein Kind und Deinen Vater hast Du zu Grabe tragen sehen, und nun raubt Dir der Tod auch noch den besten Freund, den Du je besessen. ... Ob Du ihn sehr betrauern wirst? — Denk manchmal an ihn, Lea; schenk'! ihm ein Erinnern. . . Ich konnte nicht anders; — ich hätte es so gern vermieden, nicht weil mir mein Leben so lieb ist, sondern weil ich das Duell für einen Unsinn und für ein Unrecht halte. Und nun heule ich doch mit den Wölfen!-Und er schießt mich todt. . . Er ist ein guter Schütze, — ich keiner. — Und so geht auch Dein bester Freund. Es ist ein schweres Unrecht, Lea! — Aber es giebt kein Zurück mehr. . . . Und nun darf ich Dir sagen, was ich sonst für mich behalten hätte: daß ich Dich geliebt habe, so heiß und innig, wie nur je ein Mann ein Weib liebte. . . . Lebewohl, Lea, — mein letzter Gedanke bist Du!"- Er hielt inne. . . Sollte er den Brief kuvertiren und an Gräfin Winterfeld, geb. Lilienthal, adressiren? — Es kam ihm plötzlich so theatralisch vor, — diese Geschwätzigkeit vor dem Tode. . . Warum ihr das Geheimnis; seiner Liebe verrathen, ihr das Herz noch mehr damit beschweren? Warum es nicht mit in das Grab nehmen?-Aber war es ihr denn ein Geheimniß? Ahnte, — wußte sie nicht, daß er sie, seit sie eine unglückliche Frau war, nur noch heißer liebte als früher? — Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn, ohne Adresse und ohne Unterschrift, in die Brusttasche. * * »

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