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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 440 (sequence 10)
Language
German
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440 Es gilt also hier mit den Zahlen von 1 bis 10 an der Hand des Hexeneinmaleins zu operiren und für die Ziffern die Buchstabenwerthe zu finden. Wie heißt es da? Aus Eins mach' Zehn, Und Zwei laß gehn, Und Drei mach' gleich. So bist du reich. Verlier' die Vier! Aus Fünf und Sechs. So sagt die Hex', Mach' Sieben und Acht, So ist's vollbracht! Und Neun ist Eins, Und zehn ist keins. Das ist das Hexeu-Einmal-Eins! Also: „Aus 1 mach' 10", „und 10 ist keins" (0), folglich ist auch 1 0, d. h. ich lasse vorläufig 1 und 10 aus dem Spiel. „9 ist 1", so heißt es weiter. 1 ist aber -- 0, somit ist auch 9-^0, also auch 9 fällt weg. „Und 2 laß gehn", laß passiren, laß stehen. „Und 3 mach' gleich". Wem gleich? Offenbar, da keine andere Möglichkeit vorliegt, sich selbst. Welches sind nun die beiden Buchstaben, die ich für 2 und 3 zu setzen habe? Wir hören: nach diesem Rechenexempel, wenn du 2 stehen läßt und 3 sich selbst gleich machst, „so bist du reich", d. h. so sind a l l deine Wünsche erfüllt, a und 1 sind die beiden Buchstaben, die, den zweiten verdoppelt, sich selbst gleich gemacht, all!) ergeben. Ich setze daher für 2 u und für 3 1 ein. „Verlier die 4!" Lasse sie zunächst außer acht! „Aus 5 und 6 mach' 7 und 8." 7 und 8 bilden nach Wegfall der 9 und 10 das L näo. Aus 5 und 6 soll also lo) ml (e) werden; diese beiden Buchstaben lesen wir ja als en—cw. Nun mache ich aus ihnen omlo, indem ich sie mit dem vorn und hinten in unsere Reihe eintrage. „So ist's vollbracht!" In der That habe ich nun nur noch im „Faust" ein Wort mit 10 Buchstaben zu suchen, dessen 2. —a, 3. —l, 4. —o, 5. —n, 6. —<l, 7. —e ist. Dieses Wort ist: Calenderei! Im Ganzen und Groszen läßt sich von den Beziehungen Goethes zu Juden und Judenthuin sagen: Goethe zeigt in seinen Urtheilen über die Juden sich stets frei von eigentlichem Judenhaß. Daß er das Wort „Jude" wie der Franzose sein ,,.juit'" anwendet, ist auf Kosten des Sprachgebrauchs zu setzen. Sein Widerwille gegen die Emanzipationsbcstrebungen und die damit Hand in Hand gehenden Reformversuche der Juden findet ein Seitenstück in seiner Geringschätzung der deutschen Erhebung gegen das Joch der Franzosenherrschaft. Wie Goethe aber darum noch kein schlechter Deutscher war lvergl. Ecker-marin, Gespr. sReclamjs III., 221 s186üj u. ä.), so verweist ihn jene Gegnerschaft noch nicht in die Reihen der Judenfeinde. Weder die Zeit noch die Juden schienen ihm für eine solche Umwälzung reif genug. Die Juden hatten in seinen Augen ihre Mission als das Volk der Schrift, „den Namen Gottes" zu allen Zeiten zu verherrlichen. Im persönlichen Umgang mit Inden zeigt er sich über jedes Bvrnrtheil erhaben. Als die wichtigsten Momente in Goethes Bildung nennt man mit Recht die Bibel, die er — das alte Testament, wohlverstanden! — schwärmerisch verehrt, die Naturwissenschaften,! Spinoza und das klassische Alterthnm. Die Bibel dankt Goethe selbst in begeisterten Worten dem Volke Israel, zu den Naturstudien führt ihn die Beschäftigung mit der Alchimie, die in letzter Reihe mit auf die Kabbalisten zurückgeht. Will man nun auch Spinoza als Juden gelten lassen, so darf man ohne Uebertreibung sagen: in diesen drei Punkten hat das Judenthum Antheil an dem größten Genius des deutschen Volkes. VIll.L70N Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. XUI. Ms^uch zu Tante Blümchen brachte Lea oft ihr Kind. Die Alte, die ihre eigenen Enkelkinder der großen Entfernung ^0 wegen nur selten sehen konnte, brachte dem kleinen Grafensohn großmütterliche Liebe entgegen. Es waren Stunden des reinsten Glückes für die alte und die junge Frau, die sie in Gemeinschaft mit dem Kinde in dem einfachen Stübchen verlebten. — Einmal traf Lea, als sie zu ungewohnter Stunde kam, noch einen Gast bei der Tante an: Sally Silberstein. Sie erröthete, — sie zögerte auf der Schwelle. Sallh war aufgesprungen, als ob er flüchten wollte . . . Und doch blieb er wie festgewurzelt stehen . . . Das Bild, das sich seinen Blicken bot, war so überraschend lieblich . . . Lea, zu holdester Weiblichkeit und Mütterlichkeit erblüht, das Kind auf dem Arm. — Sie Pflegte das Kindermädchen stets schon draußen fortzuschicken. — Das Tändelnde, Oberflächliche der Mädchenzeit Warans dem schönen Gesicht verschwunden. Das Leid hatte seine Schrift hineingegraben, und es verlieh dem Gesicht eine neue, ernste Schönheit. . . . Lea stand zögernd an der Thür, Sally in der Mitte des Stübchens . . . Aber schon hatten sie Beide ihre Scheu tapferüberwunden. Sie traten auf einander zu und reichten sich die Hände .... Sie sprachen nicht von der Vergangenheit mit ihrem Hoffnungsglück, — nicht von der Gegenwart mit ihrem Leid — aber sie verstanden sich auch ohne Worte. Sie fühlten Beide, daß sie sich in dem einen stummen Augenblick seelisch näher getreten waren als früher in langen Gesprächen . . . . -k- » Als König David sich schwer versündigt hatte, indem er den Uria in den Tod sandte, um dessen Weib zu gewinnen, kam der Prophet Nathan zu ihm und erzählte ihm das Gleichniß von dem Armen, dem sein einziges Schaf geraubt wurde. . . Lea war wie der arme Mann in dem Gleichniß. Sie hatte nur ihr Kind, — und es wurde ihr genommen.... Erkrankung und Tod folgten so rasch hinter einander, daß die junge Mutter kaum zur Besinnung, kaum zum Bewußtsein des furchtbaren Schlages kam, der sie getroffen. . . Allmälig erst erwachte sie aus ihrer dumpfen Betäubung, — erwachte — zur Verzweiflung. . . Alles, — alles hatte das Schicksal ihr geranbt, das unerbittliche, grausame Schicksal. . . . Alles?-Eine Woche nach dem Begräbniß ihres Kindes ward es ihr klar, daß sie noch mehr zu verlieren hatte

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