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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 439 (sequence 9)
Language
German
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Die Zahlen sprechen deutlich, und sollten Eltern veranlassen, ihre nervös veranlagten Kinder lieber der Landwirtschaft zuzuführen, anstatt sie durchweg gelehrten, künstlerischen und kaufmännischen Berufen zuzuführen. 1^. ->O<- Nachträge;» „Gorthe «nd die Juden". Vo» Dr. M. Gru» w c, ld-Hamburg. II. in oielumstrittener Punkt in der Faustforschung ist die Herkunft des Namens Mephistopheles. Schon Rapaport hat (Erech Millin) das Urbild des Paares Faust-Mephisto in Salomo—Aschmedaj vermuthet. Das jüdische Mittelalter kennt ein ähnliches Verhältniß zwischen David und Achitofel, dessen Name an Mephistofel anklingt. Wenn jedoch schon in der Bibel dessen Ursprung gesucht werden soll, so ließe sich eher an Mephiboschet, den Sohn Jonathans, denken. Dieser Name ist wahrscheinlich aus Meribaal, so nennt ihn die Chronik, entstanden. Aus dem „Streiter Baals" (?) machte man, nach der Analogie zahlreicher ähnlicher Namensänderungen, Einen „der auf den Balg Pfeift". Wie, wenn so der Mephistopheles aus einem Christopheles sich gewandelt hätte? In einer schwäbischen Bearbeitung des Doktor Faustus in Scheifeles Gedichten (Heilbronn 1863, S. 293) heißt es: I mach scho' i» der dritte W»ch All Tag iatz en Christofelspruch Und hoff heut' Nacht bey'r Kreutzstrauß dnß A Hits vom Mephistofilns. Hier wird der Mephistopheles durch «inen Spruch beschworen, den man an den Christophel richtet. Weitere Belege für diese Annahme, daß aus dem Christophel ein Mephistophel geworden, liefert Jsaia von Arendal (Pseudonym eines bekannten Juristen) „Ueber die Kosenamen auf eles" in der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" vom 11. April 1900. Hier wird auch die Behauptung zurückgewiesen, als habe Goethe durch die Endung „eles" seinem Teufel ein jüdisches Gepräge geben wollen, wie wir es aus der romanischen Dichtung gewohnt sind. Goethe selbst wehrt sich gegen die Ableitung der Namens aus einer orientalischen Sprache (Briefw. zw. Goethe und Zelter V S. 329). Faust und Mephisto sind die echt schwäbischen FLustle und Stoffel des 16. Jahrhundert. Gerade die Endung „eles" charakterisirt den Namen als deutsch. Aus zahlreichen Beispielen sei nur eines hervorgehoben: Jesseles (uh Jesseles! bei Rosegger, Idyllen ans einer untergehenden Welt 1899 S. 159). Hier ist von vornherein jeder Verdacht einer judaisirenden Absicht ausgeschlossen. Außer den an Ort und Stelle angeführten Namen verdanken wir der Güte des Verfassers noch die folgenden: Wolfelesbotele (Wolfenbüttel), Vecchezesaha (die Vöckla), Windelesores (Windsor), Wetcles-, Wetilis- Wetilinsbach (Wittelsbach), sämmtlich aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, ferner Taglesberg (bei Pnrkersdvrf), Handles berg (hinter dem eisernen Thor bei Baden), Hecelesdvrf (Hetschdorf) und die Ortschaften Satteles und Töppeles im Böhmerwald, die diesmal deutschnational gewählt haben. Diese Namenbildung haben nun die Juden, wie die deutschen Namen überhaupt, mit der deutschen Sprache übernommen. Im 18. Jahrhundert finden wir in Prag (Zeitschrift f. Gesch. d. Juden in Deutschland V) einen Wol- Thorwartels, daneben einen Taubeles u. s. w. Wenn also ein „Taubeles" (bei Hock-Kaufmann, Die Familien Prags) diesen „jüdischen" Namen in einen „christlichen", etwa „Johannsen" (Sohn des Jochanan, hebr. -- Gott hat begnadigt) umtauft, so ist das nur eine Szene in der Tragikomödie des modernen Judenthums. * * -K Galt der „Faust" von jeher selbst der Umgebung Goethes als etwas völlig „Jncommensurables", so gilt noch den neuesten Fausterklärern das „Hexeneinmaleins" geradezu als Unsinn. Vor wenigen Monaten ist nun hier der Mann gestorben, der, von aller Welt verlacht, von manchen „Autoritäten" für verrückt erklärt, von Niemandem ernst genommen, eine neue Methode in die Faustsorschung eingesührt hat: F. Louvier, der Faust zum „Kabbalisten" stempeln wollte. Nach der tollen Leipziger Zeit hat Goethe bekanntlich, wie er uns selbst erzählt, im Verein mit seiner Mutter und dein Fräulein von Klettenberg Welling, Paracelsus, Helmont und andere Mystiker und Theosophen studirt. Und daß im Faust mitunter „die Charaktere auf einmal zu kabbalistischen Ziffern mit ganz anderer Bedeutung werden" (Gottschall, Nationalliteratur II I 124), braucht nicht im Einzelnen erwiesen zu werde». An einem einzigen Beispiel, dem Hexeneinmaleins, wollen wir nun mit Louvier Goethe als Kabbalisten zu erklären versuchen. Was ist denn „das Hexeneinmaleins"? Es ist die Knust, mit Hilfe unserer Rechenoperationen zauberische Resultate zu erzielen, „Paläste. Gärtlein, Brüstlein, rothe Wangen" herbeizuhexeu, die Ereignisse des Jahres vorauszusehen, kurzum, es ist die Kunst der Astrologen, der Kalendermacher. Von dieser Kunst spricht der Astrolog Fanst II Vers 367, Und seinen Worten folgt „Gemurmel. Was soll uns das? — Gedroschner Spaß- Calenderei — Chymisterei" u. s. w. Dieses Wort Calenderei bedeutet offenbar neben Chymisterei, die Alchimie, und in diesem Zusammenhang nichts anderes, als das Kalendermachen der Astrologen, von der noch ein Kepler sagt: „Wenn Gott einem jeden Thier die Mittel zur Erhaltung seines Lebens verlieh, warum sollte es nicht sein, daß er in gleicher Absicht dem Astronomen die Astrologie verliehen?" Nun Pflegt Goethe im „Faust" die Stelle, wo er ein Eeheimniß verbirgt, durch ein „Eieb Acht" oder ähnlich anzudenten, den Schlüssel zu dem Geheimniß aber durch auffallende Interpunktion oder Wortbildung u. s. w. kenntlich zn machen. Wie, wenn nun die seltsame Bildung „Kalenderei" den Schlüssel bildete zu dem „Hexeneinmaleins" mit dem „du mußt verstehen!" an der Spitze? Das Wort Calenderei besteht aus zehn Buchstaben, C-a-l-e-n-d-e-r-e-i, entsprechend der ersten Dekade 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10. Die Kabbala gebraucht nun die Zahlen als Buchstaben, sowie umgekehrt, die Buchstaben als Zahlen. In dem aus den letzteren gewonnenen Resultat setzt man dann statt der Ziffern die entsprechenden Buchstaben.

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