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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 437 (sequence 7)
Language
German
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Natürlicherweise hat man deshalb vielfach auf Auswege gesonnen, wie sich neue Quellen erschließen lassen, ohne daß dadurch sich Jemand mehr belastet fühlt. Von solchem Gedanken geleitet, kam man auf die Ablösung von Gratulationen beim Neujahrsfeste. Vielleicht ist es liier gestattet, einen mir von anderer Seite gemachten Vorschlag der weiteren Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Er betrifft die Ablösung von Hochzeitsdepeschen. Hundert, zweihundert Telegramme haben wir erhalten, danach bemißt ein junges Paar in unseren Tagen den Grad der Teilnahme von Seiten der Freunde und Bekannten. Es ist gewiß eine schöne, durchaus nicht zu unterschätzende Sitte, daß zur freudig-frohen Familienfeier auch Freunde und Bekannte sich mit ihren Herzenswünschen einstellen. Wer wollte sich wohl gegen diesen schönen, echt patriarchalischen Brauch wenden? werden aber, so fragen wir, jene wohlgemeinten Wünsche wohl dadurch inniger, daß die Worte, — durch den Kostenpunkt beschränkt, wie sie einmal sein müssen — gewogen und gemessen werden? Das wird wohl Niemand behaupten können. Welch schöneres Bewußtsein würde dagegen Jeder für die Dauer der Zeiten haben, wenn er sich sagen dürfte, daß sein Hochzeitstag einen wenn auch kleinen Stein in den Bau eines Humanitären Werkes hineingefügt habe. Darum hier folgender Borschlag: Von einer Centrale werden gleichartige (gefällige) Formulare versandt, die im Bedarfsfälle ein Jeder gegen den Betrag von einer halben Mark abnimmt und statt der üblichen bochzeitstelegramme verwendet, um auf ihnen seine Wünsche;n übermitteln. Die brauchen dann wenigstens nicht „ungezählt in gezählten Worten" zu sein, und Jeder übt hierbei ein äiebeswerk. Die einzige Schwierigkeit, die hierbei in Frage kommt, daß an Sonntagen, an denen jetzt häufig Hochzeiten »attfinden, jene Glückwünsche nicht rechtzeitig eintreffen könnten, »t beseitigt, wenn Jeder nur rechtzeitig seinen Wunschbrief ab-! endet. Ich zweifle auch nicht, daß sich in jeder jüdischen Gemeinde .jemand finden dürfte, der sich diesem philanthropischen Werke bereitwilligst widmete. Rabbiner, Lehrer, Kantoren, Gemeinde- 'ekretäre u. s. w., sie alle dürften sich freudig hierzu bereit finden lassen. Ob es wohl zu hoch tarirt ist, — mir fehlt leider ms statistische Material, um die Summe der alljährlich unter ms stattfindende» Hochzeiten beziffern zu können —, wenn wir daraus auf einen Ertrag von 5000 bis 6000 Mark rechnen? Die Sache hat aber noch einen ethischen Werth; es würde hierbei wieder zu seinem Rechte kommen, was immer in Israel Brauch gewesen, daßffjedes Hochzeitsfest auch Anlaß zum Wohlihun gab. Zudem würde damit auch die Klage verstummen, die nch sogar offen hervorgewagt hat, daß die Juden mit ihren Hochzeitstelegrammen am Sonntag die Postämter übermäßig behelligen. Möge dieser Vorschlag der eingehendsten Würdigung der Oeffentlichkeit für werth befunden werden. Insbesondere bitte ich unsere großen Humanitären Vereine, wie „Hilfsverein der deutschen Juden", „Esraverein", „Arbeiterkolonie in Weißensee" und dergleichen, unsere Wünsche zu prüfen und nach Möglichkeit zur Ausführung zu bringen. Damit, hoffen wir, ist ein Weg gefunden, von dem uns neue Mittel zufließen. Fürchten wir ja nicht mit alten Gewohnheiten zu brechen; die Zeit drängt, die Noth macht erfinderisch. Schade um jeden Groschen, der unnütz verbraucht wird, und doppelt und dreifach schade in unseren Tagen, wo von allen Seiten unsere Hilfe ersehnt und erwartet wird. Man Prüfe und erwäge und, wird unser Vorschlag für gut befunden, so handle man danach. Durchführbar ist er, und ein klingender Erfolg darf von ihm erwartet werden. Auffallend häufige Kranlcheitserschernungen der Juden. ^ährend in den östlichen Ländern die Erscheinung, daß die Juden gewissen Krankheiten mehr wie die anderen Bewohner ausgesetzt sind, auf das Ghetto und seine traurigen hygienischen Zustände zurückznführen ist, haben die Juden im Westen, welche im abgelaufenen Jahrhundert eine schwere Kulturarbeit an sich vollzogen haben, auch heute noch sehr unter dem nervenaufregenden Konkurrenzkampf um das materielle und geistige Dasein zu leiden, so daß auch bei ihnen gewisse dadurch bedingte Krankheitserscheinungen häufiger wie bei den anderen Mitbürgern anzutreffen sind. In Rußland ist die trostlose sozialökonomische Lage der Juden einzig und allein die Ursache ihrer schlechten Leibesbeschaffenheit, welche sich besonders darin äußert, daß durch Vererbung und Lebensweise der Schädelumfang der Juden im Durchschnitte bedeutender, der Brustumfang hingegen, absolut und relativ im Verhältniß zur Körperlänge genommeu, ein viel kleinerer als bei Nichtjuden ist. Der russische Sozialökonom Subbotin entwirft ein schauerliches Bild von den Wohnungsverhältnissen der Juden in Rußland mit den Worten: „Als wir uns zum ersten Male einer solchen Behausung näherten, da ahnten wir von letzterer nichts: wir sahen vor uns ein großes Loch, halb mit verfaulten Brettern bedeckt; ringsherum lagen Gemüseabfälle, Lumpen, Fischgräten rc. Anfangs glaubten wir, das sei eine Senkgrube, es ergab sich aber, daß dies der Eingang zur Behausung intelligenter Geschöpfe sei. Auf andere Weise konnte man aber in diese Behausung nicht gelangen. Wir mußten in gebückter Stellung rutschend hinuntersteigen, wobei unsere Kleider ganz schmutzig wurden. Nachdem wir 18 Stufen hiuuntergestiegen. wurden wir eine Höhle gewahr vou 5 Arschin (4 Meter) Länge, 3 Arschin <2'/i Meter) Breite, nur spärlich durch eine schorusteinähnliche Oeffnung, die bis zum Hofpflaster reichte, beleuchtet." Wenn auch diese Schilderung nicht vollinhaltlich von allen Ghettowohnungen gilt, so bleibt doch feststehend, was Anatole Leroh-Beaulieu über die Lage der russischen Juden schreibt: „Unter allen Völkerschaften des großen russischen Reiches habe ich nichts Elenderes gesehen als die armen Juden, die in ihren langen Röcken und hohen Stiefeln ohne Rast und Ruh durch die Straßen herumschwirren, auf der Suche nach irgend einer Arbeit. Man spricht jetzt viel von der Hebung des Proletariats und einer Aufbesserung der sozialen Lage; ich darf behaupten, daß in unserem Europa es nichts Aermeres giebt, nichts was sich

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