Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 436

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 436 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228511--59007-3295495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

436 Ueber die neueste Phase der Behandlung der rumänischen Judenfrage durch die rumänische Negierung meldet der Budapester Korrespondent des „Berliner Tageblatt" in einem Privat- Telegramm: „Wie 'ich aus gut unterrichteter Quelle erfahre, bereitet die rumänische Negierung einen Gesetzentwurf betreffend die Naturalisation einer kleinen Anzahl von rumänischen Juden," wie es heißt einige Hundert, vor. Es schweben mit einzelnen jüdischen Persönlichkeiten Verhandlungen bezüglich der Auswahl der zur Naturalisation vorzuschlagenden Persönlichkeiten." Dieser Schachzug der rumänischen Negierung erinnert lebhaft an die Winkelzüge, mit denen sie 1879 die klaren Bestimmungen des Berliner Vertrages zu umgehen wußte. Auch damals versuchte sie durch die Naturalisation von 200 Juden, von denen freilich^die Hälfte auf den Schlachtfeldern Bulgariens gefallen war, das Ausland zu blenden, und sie hatte damit leider nur zu guten Erfolg. Zum zweiten Male wird ihr dies allerdings nicht gelingen. Man weiß jetzt nur zu genau, was von solchen Winkelzügen zu halten ist. Derartige Begünstigungen einzelner Individuen sind zwar für die Betreffenden sehr angenehm, aber weder für die rumänischen Juden noch für das Land von Bedeutung. Die ungeheure Mehrheit der rumänischen Juden schmachtet nach wie vor unter dem Druck von wirthschaftlichen und politischen Ausnahmegesetzen und sieht ihr Heil einzig in der Auswanderung, und diese Auswanderung schädigt, wie der König selbst anerkannt hat, das Land außerordentlich schwer. Der einzige Zweck einer solchen Maßregel könnte nur darin bestehen, eine Anzahl einflußreicher Israeliten dem gemeinsamen Interesse der großen Masse ihrer Glaubensgenossen zu entfremden: ein Ziel, dessen Erreichung ebenso zweifelhaft ist, wie es andererseits außer allem Zweifel liegt, daß die rumänische Judenfrage nicht durch vereinzelte Gunstbezeigungen, sondern nur durch ein allgemein giltiges Gesetz aus der Welt geschafft werden kann. * Inzwischen verlautet, daß der vom Ministerpräsidenten Sturdza durchgesehene und abgeänderte Entwurf desVollzngs - reglements zum Gewerbegesetze dem Könige zur Genehmigung in das Ausland nachgesendet worden sei. Wie ferner aus einer Erklärung des Ministerpräsidenten einer Abordnung Bukarester Gewerbetreibender gegenüber hervorgeht, wird das Gewerbegesetz, das bekanntlich bei seiner ersten Verlautbarung zahlreichen Widersprüchen im In- und Auslande begegnete, noch im Laufe des September unter Berücksichtigung der von den fremden Staaten gegen das neue Gesetz geltend gemachten Bedenken in Kraft treten. Da Abänderungen am Gesetze selbst nur durch die gesetzgebenden Körperschaften vorgenommen werden können, so müssen also in das von der Regierung ausgearbeitete Vollzugsreglement Bestimmungen ausgenommen worden sein, durch welchen die aus denr Wortlaute des Gesetzes 'sich ergebenden vielfachen Benachtheiligungen der fremden Gewerbetreibenden aufgehoben werden. Das soll in der Weise geschehen sein, wie offiziös gemeldet wird, daß als rumänische Gewerbetreibende im Sinne des Gesetzes alle Angehörigen einer rumänischen Gewerbegenossenschaft ohne Rücksicht auf Abstammung und Staatsangehörigkeit erklärt werden, und daß alle auch die im Verbände einer solchen Genossenschaft stehenden Fremden oder nichtnaturalisirten einheimischen Israeliten in Bezug auf ihre Erwerbsthätigkeit dieselben Rechte genießen sollen wie ihre im Besitze des rumänischen Bürgerrechts befindlichen Konkurrenten. Abwarten! Der Generalgouverneur von Algier, Herr Revoil, der vorübergehend in Paris weilte, ist gegenwärtig das Objekt der politischen Tagesdebatte. Von nationalistischer Seite wird das Gerücht verbreitet, daß die republikanischen Vertreter Algeriens in der Kammer und im Senat mit Herrn Revoil sehr un zufrieden sind, weil dieser angeblich die nationalistischen und antisemitischen Elemente unter der Hand begünstigt. In der Umgebung des Generalgouverneurs wird diese Meldung des Entschiedensten dementirt, allerdings ohne großen Erfolg, zumal auch von radikalen Blättern Beschwerden nicht gegen den Gouverneur selbst, als vielmehr gegen dessen Umgebung, geäußert werden. Diese verweisen darauf, daß die Republikaner und Radikalen im Verein mit den Sozialisten Algerien vor der Tyrannei der Antisemiten befreit haben, und zwar mit dem Aufgebot all ihrer Kräfte, daß daher der Generalgouverneur Unrecht hat, diesen Elementen gegenüber eine versöhnliche Haltung anzunehmen, die diese leicht als Schwäche ansehev und ausbeuten könnten. Nach den Unterredungen, die Herr Revoil mit den verschiedenen Ministern und namentlich mit dem Ministerpräsidenten haben wird, dürfte der General gouverneur sich wahrscheinlich bestimmt sehen, allen falschen Deutungen seiner Politik vorzubeugen, zumal die ehemaligen Söldlinge Drumonts nicht übel Lust zeigen, ihre Heldenthaten von ehedem wieder zu beginnen. Und das muß unter allen Umständen vereitelt werden. Eine wichtige Nachricht kommt auf telegraphischem Wegr aus Transvaal. In einer jüdischen Versammlung zu Johannesburg wurde am 7. d. M. ein Brief Lord Milners vorgelesen, in dem dieser den vorzüglichen Eigenschaften, welche die Juden als Kolonisten hätten, hohe Anerkennung zollt, und sagt, daß die Bedingungen für die Naturalisation durch das für Transvaal bestehende Gesetz festgelegt seien. Er erklärt, in diesem Gesetz bestehe keine Unterscheidung zwischen den Juden der verschiedenen Länder, auch werde kein Unterschied gemach! hinsichtlich der Religion und der Nationalität bei der Ge Währung des Wahlrechts. Nach dieser Erklärung werden alle falschen Gerüchte wohl endlich verstummen, die über diese Frage — allerdings meist in ganz oder halb antisemitischen Blättern — bisher auftauchten. Gin Vorschlag. Von Dr. M. Lelvi» in Wreschen. /^^hne uns der Ueberhebung schuldig zu machen, wagen wir die Behauptung, daß unsere zeitgenössische Juden heit in den Werken der Humanität keiner Zeit und keinem Geschlechts etwas nachgiebt. Auf allen Gebieten sehen wir Tausende von Händen sich regen, um das wett zu machen, was die Ungunst der Verhältnisse an uns verschuldet. Ueberall wird der Kampf der Liebe und Menschenfreundlichkeit gegen jedwedes Leid und Uebel aufgeboten. Die wichtigste und bedeutsamste Waffe in diesem Kampfe ist und bleibt das Beschaffen von Geldmitteln. Und weil diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.