Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- Seite 435 (sequence 5)
- Language
- German
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435 »er Vermerken, det der rieben. Wahrheit ' werde, in selbst " außer on dem cade an gehoben enn der r einen >ie verrs thut im zum aus die en Bei- »rgehen, an der nanderntpunkt rmögen die Geberalen es eine a Antiin die er das anders, m nach es liegt, -stehen! a völlig Das iner zu n. Die ichteten am, sie md der th und Anforreinden gegenzerausus und unsere bbinerit Ente, den -der zu rs den l nicht r, wir Die Woche. Berlin, 9. September. s^8^ie Posen er Kaisertage voll Festesglanz und patrio- ^^2/ bischer Erhebung haben aufs Neue den Beweis erbracht, daß die Juden dieser Provinz einen wichtigen und werthvollen Faktor der deutschen Regierungspolitik bilden. Es yätte nicht erst der ausdrücklichen Meldung englischer Zeitungswrrespondcnten bedurft, um die Thatsache zu erhärten, daß Ne Juden in diesen Kaisertagen sich in hervorragender Weise an den allgemeinen Empfangsfeierlichkeiten betheiligt haben. Durch eine große Reihe von Auszeichnungen, die wir an anderer^Stelle registriren, ist dies auch ausdrücklich anerkannt worden. Wichtiger aber noch erscheint uns der Passus in der Rede des Kaisers, den wir auch auf uns zu beziehen wohl auch ein gutes Recht haben: „Wer behauptet, daß Meinen Unterthanen katholischer Konfession Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens gemacht oder sie gezwungen werden sollen, von demselben zu lassen, macht sich einer chweren Lüge schuldig. Meine ganze Regierungszeit und Meine Worte in Aachen beweisen, wie hoch JchReligion, >as heißt das persönliche Verhältniß jedes Mensche» zu einem Gott, achte, und er beleidigt durch eine solche Serleumdung den Nachfolger des großen Kö n igs, der rklärt hat, ein Jeder solle ans seine Fa^on selig o erden!" Daß die Antisemiten sich beeilten, dieses Passus nur auf die „beiden christlichen Konfessionen" zu beziehen und „Heiden and Juden" davon auszuschließen, ist ein längst abgegriffenes ^echterkunststück, das jedoch von dieser Seite immer von Neuem anzuwenden versucht wird. Aber „ein Kaiserwort soll man nicht arehn und deuteln!" r Die gesammte Kulturwelt betrauert in diesen Tagen den Heimgang Rudolf Virchows, und auch wir dürfen bei dieser Gelegenheit um so weniger bei Seite stehen, als dieser großer Forscher jeder Zeit muthig und entschieden für unser gutes Recht eingetreten ist. Man wird von Virchow sagen und ühmen, wo immer Kultur und Civilisation gewaltet haben, wo immer Herzen für Humanität und Freiheit schlagen; er war ein Mehrer des Reichs der Wissenschaft, wie das letzte Jahrhundert nur wenige gesehen, und voll seiner großen Lebensarbeit fällt auch ein Heller Strahl auf unser eigenes Geistesleben, das ja der Wissenschaft, der Virchow vor allem Rente, so viele Anregungen gegeben hat. Wir haben schon bei 'er großen Feier .zu Ehren seines 80. Geburtstages die Begehungen Virchows zu Juden und Judenthum, sein Eintreten ür unsere bürgerlichen Rechte, seinen Kampf gegen das antiemitische Treiben geschildert, und wir können uns für heute )amit begnügen, noch einen Punkt nachzutragen. Es erregte nicht geringes Aufsehen, da er, zum ersten und einzigen Male Rektor der Berliner Universität, mitten im wüstesten Treiben des Antisemitismus diesen von der höchsten wissenchaftlichen Stätte des Landes aus scharf verurtheilte. Virchow agte damals wörtlich: „Unsere Zeit, die in ihrem wissenschastlichen Gefühl so sicher und negesfroh ist, übersieht eben so leicht wie die frühere Zeit die mystischen Regungen, welche von einzelnen Abenteurern in die Volksseele genügen werden. Noch steht sie rathlos vor dem Räthsel des Antisemitismus, von dem Niemand weiß, was er eigentlich will, und der trotzdem, vielleicht auch deshalb, fascinirend selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Bis jetzt hat man noch keine Professur des Antisemitismus gefordert aber es wird erzählt, daß es schon antisemitische Professoren giebt. Wer die Geschichte der Naturphilosophie in ihren radikalsten Ausläufern kennt, der wird über solche Erscheinungen nicht erstaunen. Der menschliche Geist ist nur zu sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnungsmäßigen Denkens zu verlassen und sich in träumerisches Sinnen zu versenken. Davor schützt nur, um mit Schuckmann zu reden, der gesunde Menschenverstand, und wer diesen durch eine fehlerhafte Beziehung verloren hat, der kann sich nur retten durch Gewöhnung an strenge empirische Arbeit. Man muß sich eben daran gewöhnen, das Unerkannte von dem Erkannten aus zu erklären, aber nicht umgekehrt das Dunkle und Unerkannte, gleichsam als wäre es eine neue Wahrheit, zum Ausgangspunkt phantastischer Schlußfolgerungen zu wählen." Unvergessen bleibt es auch, wie Virchow in Petersburg, wo er seinerzeit in ganz außerordentlicher Weise gefeiert wurde, dem Interviewer des größten antisemitischen Blattes „Nowoje Wremja" in seiner kaustischen Weise Bescheid sagte, als dieser sich eine Bemerkung gegen die Juden erlaubte. Mit Recht konnte er Freunden und Feinden an seinem Lebensabend erklären, daß er „weder am Leichentisch noch hinter dem Mikroskop, weder am Krankenbett noch im öffentlichen Leben über der Mannigfaltigkeit des Einzelnen das Streben nach höheren einheitlichen Prinzipien vergessen habe". Und darum wird sein Andenken als ein gesegnetes fortleben in der Kulturgeschichte der Menschheit. r Am Tage des Einzugs des deutschen Kaisers in Posen brachte der dort erscheinende polnische „Kurher Poznanski", der als Organ des Erzbischofs v. Stablewski gilt, einen scharfen Angriff auf die Juden der Provinz Posen. War man mit der Loyalität der Juden unzufrieden, oder wollte man die Aufmerksamkeit ans den alten geschichtlichen Prügelknaben ableuken? Es widerstrebt uns, den Polen, die jetzt in Rußland und Preußen Amboß sind und nicht Hammer, mit gleicher Bitterkeit zu antworten. Aber es verlohnte sich wohl, eine Betrachtung über den in der Provinz Posen mit Hilfe der Juden vollzogenen wirthschaftlichen Aufschwung anzustellen und einen Vergleich mit den Verhältnissen zu ziehen, wie sie etwa noch vor 80 Jahren gewesen sind. Inzwischen ist es anders geworden. Auch in Russisch-Polen ist es besser geworden. Es besteht zwar noch ein zahlreiches jüdisches Proletariat, aber die Kultur und Bildung dringen auch in die Massen durch den Aufschwung, den dort die neuhebräische Sprache und Volkslitteratnr nehmen. Ein lithauischer Jude (Antokolsky stammt ans Wilna, wo die auf bergigem Terrain belegene Vorstadt Antokol heißt) ist kürzlich mit fast fürstlichen Ehren von der russischen Intelligenz und voll unseren Glaubensgenossen ausgezeichnet worden, allerdings erst, als er todt war, was ja auch hierzulande vorkommt. Wenn das Rischuß in den „Kulturländern durch die Presse angefacht wird, wundert sich Niemand mehr. In der That auffallend aber ist, daß auch unter dem seit 500 Jahren den Polen ungegliederten Völkchen der Lithaner sich (wenigstens litterarisch vom schreiblustigen Kaplan angefacht) der Judenhaß nach außen zu dokmnentiren begonnen hat. In vierter Austage erschien (angeblich in Wilna, in Wirklichkeit mit gefälschter Censurerlaubniß in Tilsit gedruckt) dort bereits eine Schmähschrift „Unsere Talmndjuden" (lalmnä 2^clu), und zwar ist die vierte Auflage gleichzeitig in zwei Ausgaben verbreitet worden. Das beweist, daß die Hetzschrift unter den sehr armen Lithauern Verbreitung findet. Es ist noch gut, daß die Lithauer keine Kroaten sind.