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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
Seite 434 (sequence 4)
Language
German
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verweigert?" So lautete der eine Punkt der Tagesordnung und der andere: „Wie hat der Rabbiner sich zu Verhalten, wenn ein Jabam den Akt der Chaliza vorzunehmen nicht gestatten will, oder wenn der Jabam nicht zu ermitteln oder zu erreichen ist?" Beide Fragen riesen eine lebhafte Debatte hervor. Bei der ersten wurde bezüglich der Weigerung einer gerichtlich geschiedenen Frau, den rituellen Scheldebrief in Empfang zu nehmen, wenigstens ei» Ausweg gefunden. Der Weigerung des Ehemannes aber, einen Scheidebrief auszustellen, wußte man kein Mittel entgegenzusetzen, um die Ehe nach dem Gesetz Moses und Israels anszulösen und der Ehefrau die Wiederverheirathung zu ermöglichen. Noch ungünstiger war der Ausgang der Debatte über die zweite Frage. Zwar wurde von allen Seiten die Reformbedürftigkeit der jüdischen Ehegesetzgebung anerkannt, leider aber begnügte man sich damit, „auf die Schwierigkeiten einer derartigen Reform, die leicht eine Spaltung im Judenthum Hervorrufen könne, aufmerksam zu machen". Außerdem begnügten sich einige mit der Aussicht, „daß wie in so vielen anderen religiösen Fragen auch auf diesem Gebiete sich die Dinge von selbst entwickeln werden, daß diejenigen rabbinischen Bestimmungen, die aus dem lebendigen Bewußtsein des Judenthums geschwunden seien, allmälig außer Uebung kommen werden". Wir aber können uns mit einer solchen Aussicht nicht einverstandenerklären, und wir glauben, daß auch die fortschrittlichen Gemeinden mit einer solchen kaum zufrieden sein werden. Wir geben gern zu, daß eine derartige Reform auf große Schwierigkeiten stoßen würde, wir glauben aber nie und nimmer, daß sie heute noch eine Spaltung im Judenthum Hervorrufen könnte. Die starre Orthodoxie, die in keinem Punkte nachgeben will, ist bei uns in Deutschland nur noch wenig vertreten, und soweit sie vertreten ist, hat sie bereits selbst die Spaltung durch Separatgemeinden hervorgerufen. Der sogenannte Konservatismus aber denkt nicht an eine Spaltung. Er wird in den meisten Fällen selbst sehr liberal, sobald er persönlich in einen solchen Konflikt zwischen Lehre und Leben gestellt wird. Wir haben einen solchen Fall ja erlebt, wo ein Mann, der Jahrzehntelang als eine Säule der sogenannten konservativen Partei galt, die ganze Gemeinde in Bewegung setzte, weil der Rabbiner sich weigerte, innerhalb seiner Familie den Akt der Chaliza vorzunehmen, da die vorschriftsmäßigen Bedingungen nicht in vollem Umfange erfüllt waren. Darauf zu warten, daß sich die Dinge von selbst entwickeln, und daß die Bestimmungen, die nicht mit dem Leben in Einklang zu bringen sind, allmälig außer Uebung kommen werden, das kann Niemand von uns verlangen. Wir wollen den Fortschritt auch auf religiösem Gebiete wie auf jedem andere»; wir wollen jeden Versuch, das jüdische Leben in die Leichen, arme längst verblichener, mittelalterlicher Anschauungen zurückzudrängen, mit aller Entschiedenheit zurückweisen, wir wollen bei aller Achtung vor den Autoritäten der Vergangenheit und auf dem historischen Boden des Judenthums feststehend, doch gewisse Auffassungen der Gesetzlichkeit für eine überwundene Stufe der religiösen Erkenntniß erklären, ohne darum die Bedeutung jener Anschauungen für ihre Zeit zu verkennen, oder die reiche Fülle religiösen Bildungsstoffes und vortrefflicher Institutionen, die das Judenthum auch in jener Phase seiner Entwickelung zu Tage förderte, auch nur im entferntesten herabzusetzen. Auch wir schätzen den Frieden in Israel als ein hohes Gut, allein derselbe darf nicht um den Preis der Verkümmerung unserer eigenen religiösen Güter erkauft werden. „Liebet die Wahrheit und den Frieden!" so verkündet der Prophet; aber erst die Wahrheit und dann den Frieden. Sorgen wir dafür, daß das, was wir für religiöse Wahrheit erkannt haben, auch in seinem vollen Umfange erfüllt werde, und warten wir nicht darauf, daß sich die Dinge von selbst entwickeln, und daß veraltete Institutionen „allmälig" außer Uebung kommen werden. Bei diesem Warten geht zu viel, ach nur zu viel von dem jüdischen Leben zu Grunde. Man kann sich das gerade an den beiden Beispielen, die wir aus dem Bericht hervorgehoben haben, vergegenwärtigen. Was thut eine Ehefrau, wenn der landesgesetzlich geschiedene Ehemann sich weigert, ihr einen Scheidebrief auszustellen, in den meisten Fällen? Sie verheirathet sich ohne religiöse Trauung wieder. Und was thut heutzutage eine Frau, der es nicht gelingt, den Jabam zum Akt der Chaliza zu veranlassen? Sie verzichtet einfach auf die Chaliza. Welche Konsequenzen aber aus diesen beiden Beispielen gerade auf religionsgesetzlichem Gebiete hervorgehen, das brauchen wir den ehrwürdigen Männern, die an der Spitze unseres religiösen Lebens stehen, nicht erst aus einanderzusetzen. Man wende uns nicht ein, daß gegenwärtig der Zeitpunkt für derartige Reformen ein ungünstiger sei. Wir vermögen das nicht einzusehen. Man wende uns nicht ein, daß die Gemeinden selbst der Aufforderung oder Anregung der liberalen Rabbiner nicht Folge leisten würden. Wohl schien es eine Zeitlang, wenigstens in der Periode des schlimmsten Antisemitismus, als ob in unsere Gemeinden, auch selbst in die fortschrittlichen, eine Art Reaktion eingezogen sei, aber das schien nur so; in Wahrheit verhielt sich die Sache ganz anders, und heute geht ein tiefes Sehnen durch die Gemüther nach religiöser Neubelebung. Möchten Diejenigen, an denen es liegt, diese Neubelebung zu erwecken, die Zeichen der Zeit verstehen! Die Gefahren, die uns drohen, wenn das religiöse Leben völlig in Versumpfung geräth, sind größer als alle anderen. Das wurde ja auch in der Versammlung liberaler Rabbiner zu Frankfurt a. M. klar erkannt und scharf hervorgehoben. Die Männer, welche jene Vereinigung bilden, sind erleuchteten Geistes, sie sind erfüllt von tiefer Liebe zum Judenthum, sie sind begeistert für den Fortschritt des Judenthums und der Menschheit. Von ihnen erwarten wir, daß sie mit Muth und Thatkraft uns der Entwickelung zuführen, die den Anforderungen der Religion und den Bedürfnissen der Gemeinden in gleicher Weise entspricht. Aus der Anarchie der gegenwärtigen Lage müssen wir aber unter allen Umständen herauskommen, denn diese ist der Herd des Jndiffereutismus und des Abfalls. Die Aufgabe, vvranzuschreiten, haben unsere Rabbiner, und iu Deutschland vor allem die liberale Rabbinervereinigung. Diese Aufgabe besteht darin, daß sie mit Entschiedenheit und Muth nach dem hohen Ziele strebe, den deutschen Juden einen Weg zu bahnen, welcher sie wieder zu einem durch die Religion geregelten Leben führt, das den klaffenden Widerspruch zwischen Religion und Leben nicht mehr kennt. Schreitet voran, ihr Männer der Lehre, wir folgen Euch!

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