Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Am vergangenen Sonntag Morgen starb ganz plötzlich sozusagen mitten in der Arbeit der Inhaber des renommirten Etablissements Rose L Komp., Herr Jacob Rose, im noch nicht vollendeten 59. Lebensjahre, während sein im Geschäfte mitthätiger Bruder, Herr Max Rose — und dadurch wird der Todesfall noch tragischer — feit Wochen erkrankt darnieder liegt. Die Anteilnahme an dem Schmerzenssalle ist in der ganzen Stadt eine allgemeine. Sämmtliche hiesige Zeitungen widmeten dein so plötzlich aus dem Dasein Gerufenen warme Nachrufe, in denen sie den edlen Charakter, den Biedersinn, die kaufmännische Begabung, die Redlichkeit und Rechtlichkeit und daneben den Wohlthätigkeitssinn sowie das bescheidene Wesen, das er trotz seiner bedeutenden Erfolge sich hatte zu erhalten gewußt, würdigten. — Heute haben wir den Men Mann draußen auf den Gottesacker gebettet. Selten sahen wir ein so großes Gefolge, das die Hochschätzung bekundete, deren sich der Verstorbene in allen Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen hatte. Vor dem Trauerhause staute sich die Menge. Der lange Weg bis zum Friedhofe war von Menschenmassen, die gleichsam Spalier bildeten, dicht besetzt, und manches thränenschwere Auge gewahrten wir in der Menge, ein untrügliches Zeichen, daß nicht bloße Schaulust sie alle angelockt hatte. Der Verkehr stockte vollständig in den Straßen, durch die sich der Leichenzug bewegte. Am Grabe schilderte unser Prediger, Herr Rothschild, in angemessenen Worten die Thätigkeit des Entschlafenen, der ein arbeitsreiches Leben gelebt. — Vor 30 Jahren hatte Derselbe ein Geschäft von bescheidenem Umfange in hiesiger Stadt etablirt. Sein rastloses, ehrenhaftes Streben und seine Kulanz erwarben ihm Freunde zu Freunden; der Kundenkreis erweiterte sich mehr und mehr. Baustein wurde nun auf Baustein getragen, bis der stolzragende Bau als ein achtunggebietendes Zeichen so vielen redlichen Mähens und so ernster Arbeit vor unseren Augen erstand, gleichsam die Dichterworte verkündend: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen st der Mühe Preis!" So hat es der Heimgegangene verstanden, sein ms kleinen Anfängen hervorgegangenes Geschäft zum ersten Geschäftshaus in ganz Rheinland-Westfalen zu erheben, und zwar nicht blos in Bezug auf äußere Einrichtung, sondern vor allem auch hinsichtlich der inneren Verwaltung; mit Recht erfreut sich das Etablissement des wohlverdienten Rufes strengster Reellität. In ergreifender Weise wies Herr Rothschild nach, wie der Verblichene trotz mancher befriedigenden Erfolge das Ziel, das alle Menschen erstreben, dennoch nicht erreichte. Im Begriffe, sich von den aufopfernden Strapazen des Geschäftes so viel wie möglich zurückzuziehen, um au der Seite verliebenden Gattin und im Schoße der Familie ruhigere Tage zu verleben, legte der Tod plötzlich seine eisige Hand auf ihn, ihm zurufend 2*^ „Es ist nun genug!" So hat auch er nur — wie unser Wochenabschnitt von Moses berichtet — das Land der Ruhe und Erholung nach des Lebens mühseliger und schaffellsreicher Wanderung voll Ferne gesehen, aber dorthin — zu der wahren Ruhe im Alter — gelangte er nicht. Mit erhebenden Trostesworten an die schluchzenden noch jugendlichen Söhne, mit beherzigenswerthen Ermahnungen an die Angestellten des Hauses, denen der Verstorbene Chef und Lehrer, Vorbild und Erzieher, Freund und Berather zugleich war, schloß unser Prediger seine zu Herzen gegangene Rede. Der Name Jacob Rose aber wird noch lange im Munde und Herzen Aller leben, die ihn gekannt. o. Frankfurt a. M., 20. August. Am Sonntag Vormittag tagte hier im Philanthropin die Generalversammlung des israelitischen Lehrervereins im Großherzogthum Hessen. Den Vorsitz führte Lehrer Wertheimer-Heldenbergen, der u. a. ausführte, daß die soziale und wirtschaftliche Lage der israelitischen Lehrer unbedingt einer Aenderung bedürfe. Bisher wurden die Lehrer von den Gemeinden angestellt und bezahlt, dies soll nunmehr vom Staat erfolgen. Obmann Backes vom hessischen Landeslehrerverein richtete als Landtagsabgeordneter einen entsprechenden Wunsch an die Negierung. Der Antrag Backes wurde von der ersten nnd zweiten Kammer genehmigt, und man versprach, nach dem Wunsch des Antragstellers ein Gesetz auszuarbeiten. Wie es ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Lehrer Marx trat für die Gründung einer Pellsions- und Wittwenkasse für die israelitischen Lehrer ein. Die Vorstände der Großgemeinden sollten für die Sache der Lehrer mehr interessirt und gewonnen werden. Ueber „Die Psalmen im Religionsunterricht" referirte Volksschullehrer Rothschild-Worms. Im Anschluß all seine Ausführungell befaßte man sich auf Anregung des Rabbiners Dr. Goldschmidt-Offenbach mit der Einführung einer noch festzulegenden und auszuarbeitenden Methode, die beim hebräischen Gebetunterricht angewandt werden soll. — Das Israelitische Gemeindehospital veröffentlicht einen Bericht über die Zeit vom 1. April 1896 bis dahin 1902. Die Leitung hatte Dr. Kirchheim, als konsultirender Chirurg fungirte Dr. Hirschberg, als Spezialärzte Dr. Rosenmeyer. Dr. Seligmann, Dr. Ludwig Wolfs und Dr. Julius Kohn. Die Poliklinik stand unter Leitung des Armenarztes der Gemeinde Dr. Deutsch. In der abgelaufenen Periode wurde eine umfassende Verbesserung fast aller baulichen Einrichtungen der Anstalt vorgenommen. Verpflegt wurden im Jahre 1896/97 500 Personell, im Jahre 1901 02 625, Operationen wurden ausgesührt im Jahre 1896/97 122, 1901/02 297, in der Poliklinit. behandelt 1896/1897 2144. 1901/02 2623 Personen. Das jährliche Betriebsdefizit wird von der Gemeindeverwaltung gedeckt; in den Berichtsjahren betrug dasselbe 33 378, 39 984, 43 949, 47 430, 36 914, 61 160 Mark. Au Freibettstiftungen gingen 193 171 Mark ein. -t. München, 31. August. Im Jahre 1650, aus Anlaß des Abschlusses des westfälischen Friedens, ließ der Nath der Stadt Nürnberg durch eine Reihe von damaligell Künstlern, die zehn Jahre daran arbeiteten, einen kunstvollen Neptun brnn nen Herstellen, der in der Mitte des Marktplatzes aufgestellt werden sollte; wahrscheinlich aus Mangel an Wasser und au Geld ist es jedoch nie zur Aufstellung des großartigen Kunstwerkes gekommen, weshalb der Brunnen in der Pennt, dem damaligen Bauamt, in einem hölzernen Hause aufbewahrt wurde. 1798 verkaufte der Rath der Stadt Nürnberg, als die Stadt verarmt und durch die Kriegsverluste in schwere Schulden gerathen war, für 66 000 Gulden den Brunnen an den Kaiser Paul von Rußland, und heute noch bildet der Brunnen eine Zierde des Schloßgartens im Peterhof. Der Wunsch der Nürnberger, ihren Brunnen wieder zu haben, ist selbstverständlich nicht erfüllbar gewesen. Der Kaiser von Rußland hat aber auf diplomatisches Ersuchen die Erlaubniß zur Herstellung eines Gipsabgusses zum Zwecke der Nachbildung für Nürnberg gegeben, und nunmehr wird eitle Nachbildung des Brunnens auf dem Markt zu Nürnberg aufgestellt werden; dem Wassermangel ist jetzt abgeholfen und dem Geldmangel dadurch, daß ein Nürnberger Bürger die Kosten der Nachbildung und Aufstellung mit 80000 Mark hergab, auch. Der Bürger heißt Ludwig G erngroß, war oder ist ein Hopsenhändler und Kommerzienrath, israelitischer Religion und wohnt in Nürnberg, wo voll 1499 bis 1848, also auch zur Zeit der Herstellung des Brunnenoriginals, kein Jude wohnen durste. Die „Münchener Neueste Nachrichten", welche seinen Namen nennen, ader nicht im Gerüche übertriebener Judenfreundlichkeit stehen, berichten den Sachverhalt und sagen: „Die hochherzige Spende ist eine nationale That, die im ganzen Vaterlande als solche gewürdigt zu werden verdient." Ludwig Gerngroß, der schon manche andere hochherzige Spende seiner heutigen Vaterstadt zuwendete, ist zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg vor längerer Zeit schon von den gemeindlichen Kollegien einstimmig ernannt worden. 0. Altenstadt, 29. August. Am letzten Sonnabend und Sonntag feierte die hiesige israelitische Kultusgemeinde ihr hundertjähriges Bestehen mit einer Reihe festlicher Veranstaltungen, an denen auch die christliche Bevölkerung lebhaften Antheil nahm. Sämmtliche Häuser des Ortes prangten in Flaggen- und Guirlandenschmuck. Der Sabbathgottesdienst in der vollständig renovirten Synagoge gestaltete sich durch die Predigt des Distriktsrabbiners Dr. Cohn-Jchenhausen zu einer besonderen Feierlichkeit. Am Sonntag Morgen bewegte sich unter Vorantritt einer Militärkapelle ein Festzug nach der Synagoge, in welchem neben sämmtlichen Ortsbehörden u. A. Herr Bezirksamtmann Schwab-Jllertissen und der katholische Pfarrer Küble sich befanden. Der Gesang des Nu tauvvu, von einem Männerchor wirksam vorgetragen, begrüßte die in das Gotteshaus Einrretenden. Den Mittelpunkt der synagogalen Feier bildete die Festpredigt des Rabbiners Dr. Cohn, welche, anknüpfend an den Vers Jesaj. 40, 8, die Bedeutung des Tages darlegte. Die sich anschließende Schulfeier wurde mit einer Begrüßung der Gäste durch Kultnsvorsteher Weiß eröffnet, woraus Mädchen und Knaben Dichtungen religiösen und patriotischen Inhalts vortrugen. Den Abschluß der Feierlichkeiten bildete ein Festbankett, bei welchem u. A. Herr Pfarrer Hetzel die Glückwünsche der katholischen Kirchengemeinde überbrachte. Auf ein Huldigungstelegramm an Se. Königliche Hoheit den Prinzregenten ging folgende jubelnd auf-