Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228510--58998-3295485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

4 genommene Antwortdepesche ein: „An die Vorstandschaft der Israelitischen Kultusgemeinde Altenstadt a. I. Ihre Königliche Hoheit der Prinzregent lassen der festlich versammelten israelitischen Kultus» gemeinde Altenstädt a. I. für die dargebrachte Huldigung Allerhöchst Ihren besten Dank entbieten. Lindei Hof, 18. August 1902: Im allerhöchsten Aufträge: Freiherr von Wiedcmann, Generaladjutant." Auch Stiftsdekan Schmidt-Regensburg, der in Altenstadt geboren ist, sandte ein Beglückwünschungstelegramm. So legte die wohlgelungene Feier ein in unseren Tagen doppelt erfreuliches Zengniß konfessioneller Eintracht ab. Oesterreich - Ungar». Wien, 1. September. Der „ A l l g e m er n e Oest erre i ch i sch - Israelitische Bund", den wir Alle längst eiugeschlasen geglaubt, und den ich erst kürzlich an seine Existenz bescheiden zu erinnern wagte, hat zum nicht geringen Erstaunen der betheiligten Kreise einen Rechenschaftsbericht über seine Thätigkeit herausgegeben! Er ist eben ein Veilchen, das im Verborgenen blüht. Er will auch nicht seine Thaten an die große Glocke hängen. Aber gethau hat er manches — wenigstens seiner Behauptung nach! Manche Gemeinden, verschiedene Einzelfälle, wie der Fall Araten, haben den Verein beschäftigt, lieber die Lage der Juden in Rumänien hat er eine Denkschrift an König Karol gerichtet. Die in Büchern, Broschüren. Flugschriften und Artikeln nachdrücklich und unausgesetzt geführte Kampagne gegen das ebenso alberne als nichtswürdige Nitualmordmärchen hat von dem Bunde in vielen Fällen die erste Anregung und immer thatkräftige Förderung und Unterstützung nach jeder Richtung hin empfangen. Anläßlich der im Parlament und in den antisemitischen Blättern betriebenen Hetze gegen die Inden hat der Vorstand des Bundes eine umfangreiche, durch ein reichhaltiges Material begründete Denkschrift ausgearbeitet und überreicht. In dieser wurde auch auf die Gefahren hingewiesen, die eine derartige ungehinderte, das Rechts- und Sittlichkeitsgefühl der Bevölkerung untergrabende Bewegung nicht nur für die Juden, sondern auch für den Staat zur Folge haben müsse und tatsächlich auch zur Folge habe. Der Bericht schließt mit der Erklärung: „Unsere Thätigkeit erstreckte sich sonach, wie sich aus obiger Darlegung ergiebt, vorwiegend auf allgemeine, die gesammte Judenschast in Oesterreich betreffende Angelegenheiten, Abwehr der ans den verschiedenen Gebieten gegen sie gerichteten Angriffe, Hilfeleistung in Fällen, in denen wir angerufen wurden rc. Wir sind uns aber dessen wohl bewußt, daß hiermit die statutarischen Aufgaben des Bundes lange nicht erschöpft sind, und ohne uns auf eine Aufzählung derselben an der Hand des Statuts einzulassen, fügen wir die Versicherung bei, daß wir sie im Auge behalten und uns, sowie es Zeit, Umstände und insbesondere die uns zur Verfügung stehenden Mittel gestatten, denselben nachzukommen bestrebt sein werden." Wir glauben dieser Versicherung gern — die Erfüllung des Versprechens wäre uns aber noch viel lieber! — Viel Aussehen erregt hier die Nachricht, daß auf den bekannten Kohlenwerksbesitzer Max Ritter von Guttmanu im Selzthal ein Bombenattentat unternommen worden ist, bei dem der Allgegriffene leicht verletzt, der nnbetheiligte Oberförster Sobotka aber getödtet wurde. — Aus Prag wird gemeldet: Am 18. d. M. langte die Bestätigung des Todesurtheils gegen den Raubmörder Jaros herab, welcher von dem Schwurgerichte in Königgrätz im Juni dieses Jahres abgeurtheilt wurde. Jaros hatte ein 16 jähriges Mädchen im Walde Peklo bei Hronov meuchlings überfallen, vergewaltigt und hieraus ermordet. Der Unhold zerstückelte die Leiche, verbrannte einen Theil der Gliedmaßen seines Opfers und warf deil Rest in die Moldau. Vor der Verhaftung des Mörders wurde dieser Mord bekanntlich zu Ritualmordzwecken ausznbeuten versucht, und Jaros erklärte auch, die Juden mögen es gethau haben, „wegen des Blutes". Der Mörder hatte aber von den Habseligkeiten seines Opfers einige Gegenstände zu verkaufen gesucht, und dies führte zu seiner Verhaftung, worauf die obigen Gerüchte verstummten. Non Nah und Fern. Der Stadtbauinspektor G. Matzdorff hat anläßlich der Anwesenheit des Königs von Italien in Berlin den Mauritiusorden erhalten. — Der Chemiker Geheimer Regierungsrath Professor Adolf P inner zu Berlin vollendete am 31. v. M. das 60. Lebensjahr. Seit 1871 lehrt er an der hiesigen Universität und an der Thierärztlichen Hochschule. — Zu Sanitätsräthen sind ernannt worden: Dr. Wilhelm Schnitzer, Dr. Hermann Rahm er, Dr. Salomon Friedmanu und Dr. Samuel Fabian. — Gegen den Grafen Pückler ist von der Berliner Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeiteu eingeleitet worden. Diese wird in der Rede des Grafen über den angeblich in der Schweiz gegen ihn verübten Vergiftungsversnch gefunden. Ferner hat die Staatsanwaltschaft gegen den Grasen Anklage wegen Beleidigung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Reumann erhoben. Der Termin wegen der Herausforderung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Neumann zum Duell ist, wie wir bereits meldeten, auf den 4. September dieses Jahres, Vormittags 9 Uhr vertagt worden. — Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Posen ist auch der Stadtrath und Provinziallandtagsdeputirte Jakubowski in Lissa für den 4. September zur kaiserlichen Tafel befohlen worden. — Dr. Julius Grüuthal vom jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, ist als Rabbiner nach Lauenburg i. Pommern berufen worden. — Dem Hofzahnarzt Hirschfeld in Dessau wurden die Nitterinsignien zweiter Klasse des Anhalt-Hausordens verliehen, aus Anlaß der 25 jährigen ehrenamtlichen Wirksamkeit desselben als Friedensrichter. — Nach den Veröffentlichungen des statistischen Bureaus sind bei der letzten Volkszählung in Dresden 3059, in Leipzig 6314, in Chemnitz 1137, in Plauen 208, in Annaberg 116 und in Zittau 114 Juden festgestellt worden. Während bei der Volkszählung im Jahre 1895 in Dresden die Zahl der Juden sich gegen die Volkszählung von 1890 um 69 verringert hatte, weist die letzte Zählnug eine Zunahme von 512 auf. Diese Zunahme des letzten Jahrzehnts steht aber noch bei Weitem nicht im Verhältniß zu dem Anwachsen der Gesammtbevölkerung, das im Jahre 1890 0.95 Prozent betrug, im Jahre 1895 auf 0,75 Prozent zurückging und im Jahre 1900 sich nur auf 0,77 Prozent erhöht hat. — Aus Lechenich wird gemeldet: In der Nacht vom 21. aus den 22. d. M. wurde das kürzlich dem Baron v. Bleichröder von seinen Angehörigen an der Stelle, wo er mit seinem Automobil verunglückt ist, errichtete Denkmal von ruchloser Hand zertrümmert. In Lechenich herrscht große Empörung über diese rohe That. — In Forbach in Lothringen wurde in der am 6. v. M. abgehaltenen Gemeinderathssitzung der jüdische Hotelbesitzer Marx- Haas mit 20 gegen 2 Stimmen zu dem Amte des Bürgermeisters vorgeschlagen. — Vitalis Franco Essen di ist zum zweiten Sekretär der türkischen Gesandtschaft im Haag ernannt worden. — Der Oberst Dr. Mente che Beh hat den Rang eines Brigadegenerals und den Titel „Pascha" erhalten. — Der „Daily Expreß" meldet aus Wien folgende Episode aus der Unterredung des Dr. Theodor Herzl mit dem Sultan. Das Gespräch kam auf die Unterdrückung und die Angriffe, denen die Inden in einigen Staaten Europas ausgesetzt seieu. Da bemerkte der Sultan: „Diejenigen, welche über das Unrecht schreien, das angeblich den Armeniern, den Macedoniern und anderen meiner Unterthanen widerfährt, würden gut thun, ihre Aufmerksamkeit aus die Verfolgung der Juden in Rußland, Rumänien und sogar in Oesterreich zu richten. — Frau Max Goldschmidt, die Tochter des sel. Baron Willy von Rothschild, hat der Gemeinde St. Moritz 60 000 Francs zu wohlthätigen Zwecken geschenkt, da sie zum sünfundzwanzigsten Male das Bad besucht. — Der Schah empfing am 31. v. M. in Paris den Assyriologen Julius Oppert und ließ sich von ihm einen mehr als einstündigen Vortrag über eine von ihm eben entzifferte Keilschrift über einen bisher unbekannten Achämenidenkönig Sogdian, der die Lücke zwischen Xerxes II. und Darms II. ausfüllt, halten. — Der „Morning Leader" schreibt: Die Gesetze gegen die Juden in Rußland sind so drastisch geworden, daß eine Spezialverordnnug ihnen den Besuch der Mineralbäder verbietet. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde, welchen das Reisen außerhalb des Ansiedelungsbezirkes erlaubt ist, dürfen die Badeorte nur besuchen, wenn ihre Püffe den Vermerk tragen: „Ohne das Recht, vom Mineralwasser zu trinken". — Im East-End von New York wird jetzt der Plan ernstlich ventilirt, eine Art jüdischer Miliz zur Selbstvertheidiguug im Nothfalle zu bilden. Nachdem die Vorfälle beim Leichenbegängnisse des Oberrabbiners Joseph bewiesen haben, daß die Jude», bei der Polizei im Falle eines Angriffes keinen Schutz finden, sondern im Gegentheile diese sich den Angreifern anschließt. wollen die Juden rechtzeitig zur Organisation der Selbstvertheidiguug schreiten. — Nathaniel Nathan, der bisherige Generalstaatsanwalt von Trinidad, ist zum Richter am obersten Gerichtshof der Kolonie ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBauchwitzin Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.