Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Exzellenz haben in einer Zeit, in welcher besonders bejahrte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, welche vor 32 Jahren freudig dem stufe zu den Fahnen gefolgt sind, durch grundfalsche Urtheile über die Soldaten jüdischen Glaubens so häufig schmerzlich verletzt werden, kürzlich bei der Jubelfeier in Bonn Worte gesprochen, die von einer etzt leider seltenen Vorurtheilslosigkeit und ernstem Gerechtigkeitsgefühl zeugen. Wenn jene Worte weite Kreise, welche den Unsegen, per „konfessionellen Zänkereien" erkennen und verabscheuen, sympathisch ^rührten, mußte diese Wirkung in besonders hohem Grade bei unserem mehr als 100 000 deutsche Juden umfassenden Centralvereine eintreten, per sich seit neun Jahren erfolgreich bemüht, opferfreudige, vaterländische Gesinnung und unverbrüchliche Glaubenstreue zu pflegen, lnser Verein ist thatsächlich von dem Geiste beseelt, der eine Bürgchaft dafür bietet, daß die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens .ederzeit dem Rufe zu den Fahnen mindestens mit derselben Freudigkeit olgen werden wie Diejenigen anderer Bekenntnisse. Daß diese Gesinnung aber auch schon früher unter den deutschen Juden heimisch war, dafür bringt die hier beigefügte Schrift „Die Juden als Soldaten", welche wir uns gestatten, Ew. Excellenz ehrerbietigst zu widmen, zahleiche Belege. Die Nachkommen jener jüdischen Soldaten, die für das deutsche Vaterland kämpften und bluteten, werden sich, wenn das Vaterland wieder in Gefahr sein sollte, ihrer Vorfahren sicher würdig erweisen. Stets werden sie aber um so freudiger ihre Pflicht erfüllen, al.s die Worte Ew. Exzellenz ihnen die frohe Ueberzeugung einflößen, daß ruhmvoll bewährte Führer des deutschen Heeres völlig frei sind von der ,Unduldsamkeit zelotischer Eiferer". Genehmigen Ew. Exzellenz für diese uns so tröstliche „Soldatensprache" die Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung. 6. Berlin, 1. September. Das neueste Heft der „Zeitschrift des königlich Preußischen statistischen Büreaus" bringt in einem Aufsatz über Universitätsbesuch und Studentenschaft auf den preußischen resp. peutschen Hochschulen nicht uninteressante Ziffern über den Antheil der Juden daran. Die wichtigste und merkwürdigste Ziffer «ist der Rückgang der Zahl der jüdischen Studenten. Derselbe macht sich schon auf den höheren Lehranstalten geltend, denn nährend ans diesen im Jahre 1890 noch 8.94 Prozent Juden waren, sind es im Jahre 1900 nur noch 7,55 Prozent. Auf den Universitäten und die entsprechenden Zahlen 1890 jüdische Studenten 8,98, 1895 8,97, ^900 nur 8,11. Dieser Rückgang ist ganz ohne Zweifel auf die sinkende Geburtenziffer bei den Juden zurückzuführen, auf die wir iortwährend hingewiesen haben. Charakteristisch ist der Antheil der Inden an dem medizinischen Studium, denn sie liefern für diese Fakultät im Jahre 1890 18,55 Prozent, im Jahre 1895 17.07 Prozent, endlich im Jahre 1900 14,60 Prozent. Der schnelle Rückgang ist wohl ouf die schlechte wirthschaftliche Lage der Mediziner zurückzuführen, denn gerade der ärztliche Beruf ist besonders stark überfüllt. Was aber den speziellen Antheil der Juden an diesem Berufe angeht, so finden wir darüber in der amtlichen Veröffentlichung Worte, die zwar eine alltägliche Wahrheit enthalten, aber die man doch gerade an diesem Orte nicht zu finden erwartet hätte. Es heißt nämlichauf Seite 82 wie folgt: Ueberdies gewährt den Juden ihre Ansässigkeit in größeren und mittleren Städten, welche sie bevorzugen, bessere Gelegenheit, die Söhne ans höhere Lehranstalten zu schicken, wovon die Folge dann auch eine regere Betheiligung am Studium ist. Dazu kommt noch der Umstand, daß in Deutschland dem Juden das Eintreten in einige Berufe durch das herrschende Vorurtheil außerordentlich erschwert, ja mitunter unmöglich gemacht wird, so beispielsweise in den Osfiziersstand. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe der Juden für das Studium der Medizin. Schon als Jurist kann der Jude ein gutes Fortkommen vorzugsweise nur in der freien Berufstätigkeit des Rechtsanwaltes, im Bank-, Versichernngs- und Industrie- Wesen finden, was nicht jedes Fähigkeit und Neigung entspricht; als Einzelrichter wenigstens werden Juden in der Regel nicht bestellt. In der philosophischen Fakultät wird er auch nicht häufig aus eine Lehrtätigkeit an einer höheren Schule hinstreben. Es bleibt ihm für uneingeschränkte wissenschaftliche Betätigung meist nur die Medizin. Allerdings ist wohl anzunehmen, daß dieser Neigung zum Studium der Medizin eine besondere Veranlagung der israelitischen Rasse für dieses Gebiet entgegenkommt; es ist auch Thatsache, daß unter unseren berühmten Aerzten sich nicht wenig Juden befinden. Auffällig ist der Rückgang der Zahl der jüdischen Studirenden. Der Grund dafür ist nicht in einem sinkenden Interesse für das Studium zu suchen, sondern wohl ausschließlich in der Abnahme der jüdischeu Bevölkerung Preußens überhaupt. Nicht uninteressant ist auch ein Vergleich der Stipendien, welche die Studenten der verschiedenen Religionsbekenntnisse genießen. Von je 1000 Studenten standen im Genuß von Stipendien von Freitischen bezw. Erlaß des Honorars: Preußen evangelische: andere Deutsche Preußen andere Deutsche Preußen andere Deutsche 1886 87-1891 190 181 96 44 212 60 1891/92—1895/96 202 180 105 58 182 62 1899-1899 1900 164 katholische: 164 81 40 125 46 1886/87—1891 170 62 74 12 303 52 1891/92-1895/96 165 78 86 18 297 67 1899—1899 1900 137 jüdische: 36 42 5 290 30 1886/87-1891 126 96 18 1 270 13 1891/92—1895/96 123 121 17 1 216 38 1899-1899 1900 97 sonstige: 59 9 138 17 1886/87-1891 92 — 42 — 164 30 1891/92-1895/96 64 49 17 — 106 12 1899-1899 1900 122 80 10 — 82 120 Wie man sieht, ist die Zahl der jüdischen Studenten, die Stipendien und Honorarstundungen in Anspruch nehmen müssen, sehr groß, und dabei sind nur die öffentlichen Vergünstigungen gezählt, nicht die privaten Stipendien! Berlin, 1. September. Der „Verein selbstständiger Handwerker jüdischen Glaubens", hier, eröffnete am27. v. M. im Vereinslokal, Draesels Festsäle, Nene Friedrichstraße 35, seine diesjährige Wintersaison mit einer überaus zahlreich besuchten Propagandaversammlung, in welcher Herr Dr. Julius Moses in einem kurzen Vortrage über die von ihm vorgeschlagene Agitation berichtete. Es sollen zunächst die hiesigen jüdischen Handwerker in dem Rahmen des obigen Vereins in umfassender Weise organisirt werden. Es sollen ferner alle hier bestehenden Handwerkervereine gleichzeitig mit dem Verein für Arbeitsnachweis an einen neu zu gründenden Centralverband jüdischer Handwerkervereine angeschlossen, dann aber auch die Agitation in die großen Städte und Gemeinden: Breslau, Posen Hamburg, Frankfurt a. M.. Köln, München u. s. w. Hineingelragen werden. Die Vorarbeiten zu diesem letzteren Schritte sind bereits in vollem Gange, überall hat der Verein Vertrauenspersonen zu gewinnen gesucht, so daß diese auswärtige Agitation mit der einheimischen gleichen Schritt hält, und unmittelbar nach den hohen Festtagen die erste große auswärtige Propagandaversammlung in Breslau eiuberufen werden wird. Im Laufe des Winters wird dann hierin Berlin ein Delegirtentag der jüdischen Handwerkervereine aus ganz Deutschland stattfinden, auf dem daun über einen ganz Deutschland umfassenden Centralverband berathen werden soll. Die Versammlung erklärt sich nach lebhafter Diskussion allseitig einverstanden