Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
Seite 431 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228510--58993-3295480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

4SI Lea blühte wieder auf. Ihre blassen Wangen rötheten ich, — ihr vergrämtes Gesicht rundete sich, — und ihre Augen «'lickten wieder klar und hell. Wenn sie am Bettchen ihres Kindes saß und die ersten Regungen seines erwachenden Bewußtseins mit zärtlichem Mutterauge beobachtete, dann fühlte sie sich wolkenlos glücklich wie in ihren Mädchentagen. Sie zrämte sich nicht mehr über das Benehmen ihres Gatten. — Mochte er seine eigenen Wege gehen, wenn sie nur ihr süßes Kind hatte! Als es älter wurde, brachte sie es oft zu ihren Eltern; sein krähendes Lachen, sein kindliches Lallen brachte Leben in die stille „Villa". Das Herz der Großmutter schwoll von stolz und Freude, der Großvater aber blickte meist nur flüchtig auf, streichelte zerstreut das Köpfchen des Kindes, das mit seinen, goldigen Seidenhärchen bedeckt war, und versank dann wieder in stummes Brüten. Oder er ging in sein Arbeitszimmer und kam nicht wieder zum Vorschein. „Er ist jetzt oft so sonderbar!" klagte die Kommerzieuäthin. „Wenn ich ihn frage, was ihm fehlt, sagt er, er sei ,anz gesund, — man solle ihn in Ruhe lassen... Und er ist w kurz, so unfreundlich, wie er früher nie war; er war tets der beste, zärtlichste Mann und Bater." „Laß ihn Mama, — es wird etwas im Geschäft sein, was hn verdrießlich macht; da ist's am besten. Niemand steckt sich «sinein, bis es wieder in Ordnung ist. Er will Dich mit seinen Heschäftssorgen verschonen, — drum sagt er Dir nicht den Srund... Er ist ja so rücksichtsvoll, — so gut! — Wenn ich agegen"-Sie brach ab — „meinen Mann mit ihm vergleiche," hatte sie sagen wollen. Die Mutter las es ihr vom -Gesicht ab. „Armes Kind!" „Laß doch, Mama!" sagte Lea heiter, „ich bin doch nicht bedauernswerth! Ich habe ja mein Bubi! — Er ist doch goldig, mein Bubi, — nicht wahr? - Und sieh mal, was er seit gestern wieder gelernt hat!" Und sie forderte Bubi auf, sein neuestes Kunststück zum 8esten zu geben; und wenn Bubi in der Laune war, sich u produziren, versetzte er die Frauen in das größte Entzücken. Durch das Zimmer scholl ihr frohes Lachen, in das Bubi krähend mit einstimmte. — In seinem Arbeitszimmer aber saß der Kommerzienrath m seinem Pult und hob lauschend den Kopf, als die fröh» sichen Klänge sein Ohr trafen. Muthlos ließ er ihn bald vieder sinken... „Großer Gott!" flüstert er. „Die Ahnungslosen! O Gott, — wende das Unheil noch einmal ab, — das ch herbeigeführt, — durch meine Schuld! Thu ein Wunder, 'armherziger Gott!" Er hatte lange nicht gebetet... Nun, in seiner tiefen Herzensqual, drängten sich Gebetworte auf seine Lippen . . . (Forts, folgt.) Fitteraturbericht. Von Dr. M. Kayserling. n der neueren Geschichte der Juden in England nimmt Menasse ben Israel unbestreitbar den ersten Platz ein. Seine Schriften, soweit sie die Wiederansiedelung der Juden aus der Halbinsel betreffen, neu herauszugeben, war von der „Jüdisch-Historischen Gesellschaft in England" schon vor mehreren Jahren beabsichtigt. Sie übertrug diese Arbeit Herrn Lucien Wolf, der der Zeit von der Vertreibung der Juden im Jahre 1290 bis zu ihrem Wiedereintritt als Marranen besonderen Fleiß zugewendet und über diese dunkle Epoche in mehreren kleinen Schriften und Journalartikeln Licht verbreitet hat. Die drei Abhandlungen Menasse ben Israels, nämlich die „Hoffnung Israels" nach der englischen Uebersetzung Moses Wells, die „Adresse all den Lord-Protektor" Oliver Cromwell und die bekannte „Rettung der Juden" liegen nunmehr gedruckt mit Typen, ähnlich denen des Originals, mit zwei Porträts Menasses nach den seltenen Originalen von Rembrandt und einem anderen von Salom Jtalia unter dem Titel: Uenassek den Israels Mission to Oliver Orom>vell. 6^ Imeion >Vo1k. kubliskeä lor tlie ^lewisk Historieal Loeiet^ ok LnAlanä Nae. inillan L Oo. I^onäon 1901 in Prachtvoller Ausstattung vor. Der Herausgeber schickt den Schriften eine gelehrte Einleitung voraus, in der er die Bahnbrecher der Toleranz in England vorführt, die Politik Cromwells sowie die Parlamentsverhandlungen über die von Menasse ben Israel angeregte Zulassung der Juden in England eingehend behandelt und zu der Biographie Menasses aus ungedruckten Quellen und seltenen Druckschriften neues Material herbeischafft. Die Lage Menasses gestaltete sich, nachdem er seinen Zweck erreicht, und Cromwell wenn auch vorerst nur einzelnen Juden die Niederlassung bewilligt hatte, sehr traurig. Seine Stelle in Amsterdam konnte er nicht wieder antreten, die Inden seiner früheren Gemeinde, welche von seiner Mission nichts zu erwarten hatten, knüpften auf eigene Faust mit König Carl II. über Einwanderung in England Unterhandlungen an. Seine Hoffnung, Rabbiner der neuen Gemeinde in London zu werden, war vereitelt; er hatte sich mit den dortigen Marranen und den ersten Gründern der spanisch-portugiesischen Gemeinde, mit Carvajal, De Eaceres, wohl auch mit seinem Neffen David Abravanel Dormido, überworfen. Infolge der Aufregung und des Kummers verfiel er in eine schwere Krankheit. Kaum genesen, starb ihm am 2. Tage Rosch Haschanah. den 9. September 1657, sein einziger Sohn Samuel. Der unerschrockene Kämpfer für die Rechte seiner Glaubensgenossen stand da verlassen und mittellos in einem fremden Lande. In seiner Bedrängniß nahm er seine Zuflucht zu dem Lord-Protektor. In dem an ihn gerichteten Gesuche, das vom 10. oder 11. September 1857 zu datiren ist, stellte er ihm vor, daß er den Leichnam seines Sohnes dessen letztem Wunsche gemäß nach Holland führen müsse, daß er aber aller Mittel entblößt sei und sich an Niemand zu wenden wisse. Er bat ihn, ihm mit dreihundert Pfund zu helfen; er versprach ihm, auf die ihm zugesicherte Pension von jährlich hundert Pfund für immer zu verzichten und ihn nie mehr zu belästigen. (S. S. L.XXXVII). Zweihundert Pfund wurden ihm bewilligt, aber nicht ausbezahlt. Dennoch wurde es ihm ermöglicht, mit dem Leichnam seines Sohnes abzureisen. Er erreichte Middelburg, wo er am 20. November 1657 im Hause seines Schwagers Ephraim Abravanel starb. Die arme Wittwe, schrieb einige Male an Richard Cromwell, des Protektors Sohn, wegen der ihrem verstorbenen Gatten bewilligten 200 Pfund, aber immer vergebens. Bevor wir die neuedirten Schriften selbst näher betrachten, haben wir noch ein Wort über das S. XXVH gerügte Mißverständlich mit Lord Middlesex zu bemerken. Herr Wolf meint, daß ich am Ende der lateinischen Ausgabe der Schrift: 8pos Israelis den eigentlichen Namen leicht hätte finden können. Ich habe in der von mir benutzten, übrigens auch einzigen lateinischen 8po» Israelis weder den Namen noch die Anfangsbuchstaben desselben gefunden, aber auch Herr Wolf konnte dort weder das eine noch das andere finden, weil nichts von beiden steht; die drei Seiten umfassende Schrift schließt mit den Worten: Xomon voi sit beneäietum in aeterrmw. Meine Quelle für Middlesex war die von mir S. 55 Note 154 angegebenen Oarol. Nomor. Leelos. Die betreffende Stelle lautet: „Ilisee Oommoutis rekertissimum eonäiäit librum, eumguo parlamento ^nAlwano äeäieavit, aäeo benevolo aeeeplum ut L.. (8.) Nettelsox?ai1amento Assessor per epistolom peeuliarem pro esta äeäieatione ma^nas aderet lluäaeo gratias eumguo elarissilni tratris nomine cki^uarotur. Die Initialen des Namens Eduard Spencer finden sich erst in einem Schreiben, das an Moses Well, den englischen Uebersetzer, gerichtet war, und das dieser seiner Uebersetzung hinzugesügt hat. Diese seltene englische Uebersetzung wurde von Herrn Wolf neu edirt; für die beiden anderen Schriften lagen ihm die ersten Ausgaben vor. Etwas mehr Sorgfalt wäre bei der Herausgabe wohl zu wünschen gewesen- So ist zu lesen S. 10 statt Schilkardus Gchickardus, statt Facinus Ficinus, statt de Cleza de Cieza, S. 17 statt Americus Vespacius Vespucius, S. 21 statt de la Voga Vega, S. 22 statt Gregorius

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.