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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
Seite 430 (sequence 12)
Language
German
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4SV Sie schmückten die Häuser mit grünen Maien, streuten Birkenzweige auf den Flur und steckten duftige Frühlingssträuße in alle Vasendie im Hause aufzutreiben waren. Manchmal bestand die „Vase" nur aus einem alten Thonkrug, der so lang zu Wasser gegangen war. bis ihm der Henkel brach — was schadete das? — Die Frühlingsblumen überhauchten jeden armseligen Scherben mit Farbe und Duft. — Die Kinder schleppten Arme voll grünes Laub, Flieder und allerlei andere Blumen in die Synagoge und umwanden mit Kränzen die hohen silbernen Leuchter, die vor dem Altar standen, - die Seitenlehnen der Bänke, jeden Pfeiler des Gotteshauses. — So war es festlich geschmückt für das Fest des Frühlings, das „Schewuothfest".-So sonnenglänzend, blumenduftend, farbenleuchtend war die Welt, als Lea's Sohn sie zum ersten Mal erblickte. Aber durch di« festgeschlossenen Fenstervorhänge drang kein Sonnenstrahl in das Zimmer, in dem die junge Mutter lag, — so bleich fast wie die schneeweißen Kissen . . . Aerztliche Kunst hatte sie in heißem Bemühen dem Tode abgerungen. . . Tiefe Stille herschte iu dem Zimmer, wo die Wärterin nnr, lautlos wie ein Schatten, über den Teppich schritt ... Im ganzen Hause war der Schall der Schritte durch Teppiche gedämpft; — nur flüsternd klangen die Stimmen... Halblaut sprachen auch die beiden Männer, die sich in dem üppig ausgestatteten „Arbeitszimmer" des Grafen gegenüber saßen. Sie gebrauchten diese Rücksicht gegen die Kranke, obwohl iu beiden Männern die Erregung zitterte und jeden Augenblick ihre Fesseln zu sprengen drohte. Der Graf war es, der oft diese Rücksicht vergaß und die Stimme hob, bis des Schwiegervaters beschwichtigendes: „Denken Sie an Lea!" ihm für eine Zeitlaug wieder wenigstens äußerliche Zurückhaltung auferlegte. — Der Kommerzicnrath überflog mit verächtlichen Blicken das Zimmer . . . Das war also das „Arbeitszimmer" seines Schwiegersohnes! — — — Dieses üppige Polster, diese kostbaren Sessel, — diese weichen Teppiche und Portieren sprachen eher von behaglichem Faullenzen als von Arbeit . . . Aber sei es! — Er war ja Offizier! — Seine Arbeit brauchte nicht im Schreibzimmer gethan zu werden . . . Aber ein schönes Stück Geld steckte in all diesen Sächelchen, di« hier herumlagen und standen . . . Und dieser Schreibtisch! — War an ihm jemals eine ernsthafte Zeile geschrieben worden? — Liebesbriefe vielleicht! — Diese Masse von eleganten, unnützen Dingen, von kostbaren Nichtigkeiten! — Der Kommerzienrath warf mit unwilliger Bewegung eine Photographie um, die auf dem Schreibtischaufsatz stand. Sie stellte eine Varietesängerin in sehr gewagtem Kostüm vor. „Sie gestatten," sagte der Graf höflich, „daß ich das Bild wieder" . .. „Ich habe es absichtlich herabgeworfen!" unterbrach ihn der Kommerzienrath. „Wie können Sie es wagen, dies Bild hier im Hause meines Kindes aufzustellen?" „Es ist mein Haus!" sagte der Graf hohnvoll ... „Ich bin Herr in meinem Hause . . . Allerdings, — diese Möbel haben Sie bezahlt . . . Wenn Sie darauf anspielen" . . . „Das kommt mir nicht iu den Sinn — aber dieses Bild" - „Ah, Sie hätten vielleicht lieber gesehen, wenn ich Ihr Bild oder das der Frau Kommerzienräthin hier aufgestellt hätte. — Nun, Sie hängen Beide ganz groß in Oel gemalt im Salon." „Ihr Spott trifft mich nicht!" sagte der Kommerzienrath. „Meinetwegen entfernen Sie unsere Bilder aus dem Salon, — das ist mir gleich ... Es wäre richtiger, daS Bild Ihrer Gattin auf dem Schreibtisch zu haben . . . Aber das können Sie halten, wie Sie wollen . . . Ich verlange aber, daß Sie das Bild dieser Person hier entfernen! Es ist schamlos, daß Sie offen zur Schau zu tragen wagen, was man sich in der Stadt nur erst leise zuflüstert" . . . „So? — Und was flüstert man denn?" „Daß sie mit dieser Person ein Liebesverhältniß haben!" „Es scheint, daß Sie mir nachspioniren, Herr Kommerzienrath!" . . . „Das thue ich nicht. — Aber wenn ich es thäte, — hätte ich nicht ein Recht dazu? — Das Glück meines Kindes steht mir über allem!" „So suchen Sie es dauernd zu befestigen, indem Sie uns aus der Geldverlegenheit reißen!" sagte der Schwiegersohn... „Ich habe Ihnen die Sache schon vorhin auseinandergesetzt.. Kurz und gut, — ich brauche Geld." „Schon wieder!" murmelte der Kommerzienrath. „Ich habe erst vor vier Wochen eine so horrende Summe für Sie bezahlt!" „Sie haben Ihre Tochter nicht an einen Tagelöhner oder an einen Krämer verheirathet, sondern an einen Kavalier. Was sind die zwölftausend Mark, die Sie uns jährlich als Zuschuß geben? Die braucht Ihre Tochter beinahe allein für Hüte und Handschuhe." „Meine arme Tochter! — Ihr Sinn steht wahrlich nicht nach Putz und Tand . . . Doch wir wollen darüber nicht streiten. Ich würde Ihnen gern die Zulage erhöhen, besonders jetzt, da das Kind da ist, — aber — Sie spielen!" Der Graf fuhr auf. „Wollen Sie mir auch das verbieten? — Ein harmloses Spiel unter Kavalieren? — Und Sie? Sie spielen an der Börse." »Ja, — ich spekulire! — Niemals wäre es mir eingefallen, mich auf diesen gefährlichen Boden zu begeben . . . Aber ich muß mein Einkommen zu vergrößern suchen, — um Ihretwillen, — um meines Kindes willen ... Sie haben mich in diesem einen Jahr schon kolossale Summen gekostet — und mein Vermögen ist nicht unerschöpflich ... Ich habe auch geschäftliche Verluste gehabt . . . Und das alles muß ich versuchen wieder einzubringen . . . Mein Gott, ich hätte nicht gedacht, daß es ein so kostspieliges Vergnügen ist, einen gräflichen Schwiegersohn zu haben." „Das hätten Sie sich lieber früher überlegen sollen!" „Hätte ich's nur früher besser überlegt!" seufzte der Kommerzienrath... „Und ich. . ." Da wurde die Thür geöffnet. Die Wärterin steckte den Kopf herein. „Die gnädige Frau verlangt, ihren Herrn Vater zu sehen. Auf fünf Minuten darf ich's gestatten!" „Mein gutes Kind! — Ich komme sofort!" Die Wärterin war schon wieder draußen. Der Kommerzienrath trat zu seinem Schwiegersohn und bot ihm die Hand. „Um Leas Willen will ich für Sie thun, was Sie verlangen . . . Aber Sie versprechen mir, um des Kindes Willen, ein besserer Gatte zu sein, als Sie bisher waren!" Widerstrebend nahm der Graf die dargebotene Hand . . .

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