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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
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428 wickeln könnte!" Zur Pfingstfeier (Madbr.) liest er „etwas Goethesche Gedichte". „Ich las erst jetzt", schreibt er August 66. „Eckermanns Gespräche mit Goethe und kann gar nicht davon loS; ich lebe mit Goethe, und alles, was Goethe sagt, das Naturwissenschaftliche ausgenommen, ist mir so gegenwärtig, so stimulant, so bis in den letzten Hintergrund durchsichtig daß ich mich unsäglich glücklich fühle, das alles so voll zu haben und tausend Bestätigung meines Denkens darin zu finden... Ich sehe die Dinge der Welt, vor allem das dichterische Schaffen mit Goethes Auge... Es ist eine Grobheit und Wahrhaftigkeit in jedem Worte Goethes, daß ich oft mich umschaue, ob ich ihm nicht die Hände küssen könne. Es wird noch lange dauern, bis die intelligente Welt gvethereif ist und man erkennen wird, daß wirklich der I omo über im eminentesten Sinne erschienen war. .. Freilich, und darin läßt er uns wieder frei, indem sich seine Endlichkeit offenbart, ein politischer Mensch war er nicht, er war der absolute Privatmensch, kein Staatsmensch; das brachte seine Zeit und seine Frankfurter Geburt mit sich . . . Goethe-Aussprüche sind mir der heilige Strom, in dem ich nieine Seele bade." Um so mehr überrascht es ihn und ist ihm „tief erschreckend" (I 338), „den gemeinen Judenhaß Zelters ungerügt von Goethe zu lesen." Ein Jahrhundert nach dem Erscheinen des „Weither" (März 74) findet Auerbach, daß diese empfindsame Zeit sich nun gründlich überlebt hat. „Ein Weither, der sein Jahrunter den Waffen abdienen mußte, nnd der das allgemeine Wahlrecht hat, ist eine Undenkbarkeit. Wir sind keine Epigonen, weder ethisch noch dichterisch." Ueber Stella urtheilt er (II.. 274): „Das Stück ist widerlich . . . eine Partikel Kvtzebue'scher Halbschlächtigkeit." Sv zeigt sich denn Auerbach bei aller abgöttischen Belehrung für Goethe, neben dem sich in seinem Herzen höchstens noch Spinoza behauptet (II., 75, 302), gegen dessen Schwächen durchaus nicht blind. Eine gewisse Verwandtschaft zwischen Goethe und ihm stellt sein Freund Kausler fest (II., 232): „Du hast den Goethe'schen Gemüthsmagen, Du verdaust auch schnell." Und Rückert zielst (Dezember 61, I., 207) eine Parallele zwischen Hermann und Dorothea und Auerbachs Barfüßele. „Goethe führe Dorothea als gewordene ein, und man glaube ihr. daß sie so sei. Auerbach gebe die Genesis einer solchen Natur." Das Verhältniß Auerbachs zu Goethe ist in dieser Ausführlichkeit, welche sich noch durch weitere Stellen ergänzen ließe, darum behandelt, weil Hehn („Gedanken über Goethe") auch ihn für seine These der Goethefeindlichkeit aller Juden ins Feld geführt hat. Wie Auerbach erweist sich auch Mosenthal (vergl. Auerbachs Briefe II., 312) von Goethe beeinflußt. Eine Episode aus Goethes Leben hat Emma Lazarus 1874 (s. Kayserling, M., „Die jüdischen Frauen" 304) in ihrer „Alida" behandelt. * * * Und nun ein Wort über den Einfluß des Judenthums auf Goethes Dichtung. Die Bedeutung der Bibel, insbesondere des Hohen Liedes und des Hiob, für Goethe ist bereits von Pniower u.A. ziemlich gebührend gewürdigt worden. Hingegen hat man das spätere jüdische Schriftthum bisher so gut wie gar nicht in den Rahmen dieser Betrachtung gezogen. Höchstens auf die „Judenpredigt" wurde (so von Geiger 323) hingewiesen, wobei wir bemerken, daß die dort angeführte Messiassage noch heute lebendig ist (Mitthl. d. Ges. f. jüd. Volkskunde I., 65 Nr. f.) und wahrscheinlich dem Gegenstand der Darstellung in Müller-Schlosser, Die Haggadah von Sarajevo, Textband Tafel XXX, nicht fernsteht. Und doch verräth schon ein flüchtiger Blick auf den „Faust" Entlehnungen aus dem Judeuthum, vor allem aus dem jüdischen, oder genauer dem in jüdischen Schriften überlieferten Volksglauben. An dieser Stelle sei auch hervorgehobeu, daß Goethe — auf sein günstiges Urtheil über die Gebrüder Henschel, jüdische Künstler in Berlin, weist Alb. Wolf im Kaufmanngedenkbuch hin — zweimal (Eckermann I., 227, II., 44) den Wunsch ausspricht, sein Hauptwerk von Meyerbeer kompouirt zu sehen. Er kannte — man denke an seine geradezu väterliche Liebe für Felix Mendelssohn-Bartholdy — offenbar noch kein Judenthnm in der Musik! Elemente, welche, wenn auch nicht unmittelbar jüdischen Ueberliesernngen entnommen, so doch unverkennbare Verwandtschaft damit verbindet, lassen sich durch den ganzen „Faust" verfolgen. Der Szene in Auerbachs Keller entspricht derber Glaube (s. Mittheil. d. Gesellsch. f. jüd. Volkskunde V., S. 30), man könne mit Hilfe eines Messers, dessen Griff aus einer Fischgräte hergestellt ist, und einer bestimmten Formel Wein ans der Wand hervorzaubern. Schon Schudt, Jüd. Merkwnrd. II., 198, weiß von dieser Kunst, welche u. a. auch dem Propheten Elia nachgerühmt wird. Der Besenritt und der Mantelflug gehen auf den schon dem Talmud bekannten „Wegspruug" (Kepitsat Ir-r-äsrolr) zurück. Im Traktat Chulin 911» bedient sich der Patriarch Jakob dieser Beförderungsweise, und als Vehikel wird bereits von einem älteren Erklärer der Stelle ein Engel vermuthet. Dieselbe Nolle spielt Mephisto. Eine genaue Anleitung zum Besenritt finden wir Mittheil. a. a. O„ S. 24; gewöhnlich diente eine Wolke als Beförderungsmittel. Ein solche stand nach mandäischer, arabischer und jüdischer Ueberlieferung (s. Brandt, die mandäische Religion 154 und Mittheil u. s. w. VI, 108), deni Köllig Salomo für seine Reisen beständig zur Verfügung. Als Wolkenreiter werden außer ihm noch Chanina (Midrasch, rabb. Cant. Anfang), Elasar Rokeach (Mittheil II, 13), der „hohe Rabbi Löw" (das. V. 10), ein Großinquisitor (das.) u. A. genannt. Den Zaubermantel hat wohl die Erinnerung an Elias' Mantel an die Stelle der Wolke gesetzt. Ueber den Zauberspiegel, den Salamander, den Zauberkreis, das Besprechen des Feuers, über Todtenbeschwörung. fahrende Schüler, die Meerkatze, über Wünschelruthen, Liebesmittel, Kalenderei (Astrologie), Mittel gegen Sommersprossen, das Pentagramm, die Bedeutung des abnehmenden Mondes in der Volksheilkunde, über „die schöne Lilit", Adams erste Frau, und Helena und ihre Identität mit der „Königin von Saba" des Volksglaubens, über alle diese Einzelheiten und ihre jüdischen Beziehungen findet man das Nähere in den genannten Mittheilungen V, 10 und VII, 100 ff. Ariel vertritt im „Faust" den Engel Demuel (Mittel. V, 39), den taktfesten Leiter der himmlischen Chöre. „Die Mütter" erklärt Goethe selbst bis auf den Namen, den er dem Plutarch entnommen, aus eigener Erfindung geschaffen zu haben. Läge nicht diese Erklärung vor, so würden wir ohne Bedenken an das Grundbuch der jüdischen Geheimwissenschaft, „das Buch der Schöpfung", erinnert haben, welches

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