Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- Seite 427 (sequence 9)
- Language
- German
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427 „Und hier müssen wir anmerken, daß Herr Sonnenfels, durch das Wort Vaterland verführt, durchaus zu sehr als Klebas acksorlptus diskurirt, und wirhalten's noch immer mit dem Themistokles: nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, deren zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervorpringen, bestimmen die Nation. So haben die Juden Nation und Patriotismus, mehr als hundert leibeigene Geschlechter." Daß das Urtheil über Goethe in jüdischen Kreisen von hellflammender Begeisterung in ausgesprochene Abneigung umgeschlagen, bis Berthold Auerbach ihm wieder zu seinem Recht oerhilft, ist aus dem Wandel der Zeiten zu erklären. Die Politiker mochten Goethe nicht, weil er durchaus kein „domo golitieus" war. Das Verhältniß des Mendelssohnflchen Kreises zu Goethe ist Geiger bekannt. Als David Friedländer, so erzählt Fürst lH. Herz, S. 98 f.), eines Tages mit der Bitte, ihm eine dunkle Stelle in einem Goethe'schen Gedichte zu erklären, und die stille Hoffnung im Herzen, er werde es nicht vermögen, zu Markus Herz kam, wies er ihn mit den Worten an Henriette: „Gehen Sie zu meiner Frau, die versteht die Kunst, Unsinn zu erklären!" Das Akrostichon auf Jette Herz, welches Geiger a. a. O. S. 349 anführt, ist nach Ludmilla Assing (Aus dem Nachlaß Varnhagens von Ense S. 20, s. auch S. 251: Varnhagen und Rahel über Goethe) 1803 von Ludwig Robert versaßt worden. Ueber Börnes Stellung zu Goethe hat M. Holzmann (Ludwig Börne, Berlin 1888, S. 113 ff.) richtig geurtheilt. Börne weiß Goethe, den Dichter, Wohl zu schätzen (124); ihn empört die Art, wie die Deutschen schon damals die Goethedenkmalsrage behandeln (118). Er läßt auch seine Urtheile über Goethe nicht ins Französische übersetzen (114). Nur Goethe, der Mensch, der Höfling, ärgert ihn. „Wie ein Adler," so sagt er von Goethe, „erschien er mir, der sich unter der Dachrinne eines Schneiders angenistet. Und ein solcher Mensch sollte doch ein fleischfressendes Thier sein und nicht wie ein Spatz Gerste essen, auch nicht aus der schönsten Hand." Jedenfalls behandelt er Goethe auch da, wo er mit ihm nicht einverstanden ist, weit glimpflicher als der Judenfeind Wolfgang Menzel. Menzel glaubte Goethe und die Juden zu treffen, indem er den Ersteren „den Messias der Juden" nannte. Hier stieß er jedoch auf einen Gegner, der ihm in jeder Hinsicht gewachsen war. Gabriel Rietzer war es, der sich wie sonst Goethes (Ges. Schriften IV. 188) so in diesem Falle der Juden gegen den „Franzosenfresser" annahm. Er sagt (a. a. O. 251): „Ich habe.unter meinen Glaubensgenossen immer sehr begeisterte Verehrer Schillers eher als einen einzigen von Goethe gefunden. Wenn der verschiedene Grad des Enthusiasmus für diese Dichter sich an eine Verschiedenheit der ästhetischen Grundansicht knüpft, so ist es wohl am ehesten die, die auf dem Grade der Werthschätzung der Form oder des Stoffes der Poesie, der bloßen Schönheit oder der sich kundgebenden Gesinnung und des die Dichtung durchdringenden und belebenden sittlichen Enthusiasmus für Freiheit, Menschenwürde und alle hohen Ideale der Menschenbrust beruht. In dieser Differenz nun neigen die Juden ihrer ganzen Art und Eeistesrichtuug nach weit eher auf die letztere Seite, das rein ästhetische Schwelgen an der schönen Form ohne alle Rücksicht auf den Inhalt wird mail unter ihnen seltener finden, die Lieblingsdichter der Juden sind daher weit häufiger Schiller, Lessing, Jean Paul, Anastasius Grün u. s. w." Wir sehen, Rießer legt an Goethe einen ähnlichen Maßstab an wie Börne und Heine. Seiner Vorliebe für Schiller, wenn er auch gelegentlich Goethe citirt (a. a. 0.1.526. vergl. I. 226,291, 294, IV. 311), giebt er wiederholt öffentlich Ausdruck (IV. 328 f., 332). Er nennt ihn „den erhabensten Genius" der Deutschen. Ans dieser Schwärmerei erklärt es sich leicht, daß er Schiller aus dem Spiele läßt, wenn er sagt (I. 264): „Voltaire, Kant, Goethe, Paulus verhalten sich zum Christenthume wenig anders wie Lessing, des gläubigeren Herders gar nicht zu gedenken, und doch sind Jene gehässig oder eiskalt, wo diese Beiden warm und human sind." Doch hat sich gegen Börne für Goethe nach H. Zirndorf (Isaak Markus Jost, Cincinnati 1888 S. 176), der bekannte Geschichtsschreiber des Judenthums I. M. Io st entschieden. Eduard Simson, der erste Präsident des deutschen Reichstages, von dem Berthold Auerbach (Briefe II 59) sagt, er habe stets treu zu seinen Stammesgenossen gestanden, ist als Goethesorscher und vor allem als Förderer der Goethegesellschast bekannt geworden. Wenn nach anstrengenden Sitzungen die Kollegen zur Erholung ins Freie ausflogen, flüchtete er sich zu seinem Goethe. Den Namen Michael Be rnays nur zu erwähnen genügt, um an seine Bedeutung für die Goetheforschung zu erinnern. Spätere Biographen seien hier darauf hingewiesen, daß sich im hiesigen Privatbesitz Bernays Thorawimpel befindet. Sie zeigt ein Haus, aus dessen einem Fenster ein Kind stürzt, während eine Frau ihm jammernd die Hände nachstreckt. Bernays war nämlich als Kind bei einem Sturz aus dem Fenster wie durch ein Wunder ohne Schaden davongekommen. Ueber die Betheiligung der Juden an der neuesten Goetheforschung spricht I. Babad in „Pro- und Antisemitisches" (S. A. Wien 1890, S. 34). — Die Ansichten über Goethe hatten sich inzwischen wieder zu seinen Gunsten gewandelt. Julius Rodenberg giebt die Stimmung der Zeit getreu wieder, wenn er schreibt (Deutsche Rundschau 1880, S. 290ff.): „Man kann zugeben, daß Goethe nicht der denkbar größte Dichter sei. Doch unbestritten ist er der denkbar größte moderne Mensch." Er sollte „immer das letzte Wort haben, wo Deutsche zu Deutschen reden." Zu dieser Würdigung des Menschen Goethe hat nicht wenig Berthol d Auerbach beigetragen. Er, selbst eben noch „ganz in der Schillerstimmung" (Briefe an seinen Freund Jacob Auerbach I 121, 1. November 1859), wundert sich (134), wie „seit dem politischen Umschwünge der ehemalige Berliner Goethekultus fast ins Gegentheil umschlug." Auerbach soll (148, Dezember 60) zum Besten des Goethedenkmals eine öffentliche Vorlesung halten... „Ich glaube, ich lese Goethe zum erstenmal auf künstlerischem Standpunkt." Er begreift „die Narren" nicht, die Goethe einen Aristokraten nennen. Sein Goethevortrag findet des Freundes Beifall. Bald darauf liest er (Aug. 62) Goethes Briefe an Frau v. Stein: „Wie ein Duft aus einer Schüssel voll Erdbeeren" weht es ihm daraus entgegen. „Welche Kräfte hatte Goethe, die leisesten Regungen ins Gefäß der Worte zn fassen, und er hat schöne Schalen für alles!" Im Februar 64 liest Auerbach Goethes „Italienische Reise". Er ruft begeistert aus: „Solch einen vollen Menschen zu sehen, da vergißt inan sich selbst, und ich sehe und verstehe Goethe so klar und durchsichtig. Ach! wer sich so gesund und voll ent- -