Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- Seite 426 (sequence 8)
- Language
- German
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426 befinden sich auch die berüchtigten Huto 6a k'vs und die schmählichen Abzeichen, welche die Juden Hunderte von Jahren in verschiedenen Ländern zu tragen hatten. Was aber dabei besonders hervorzuheben ist, das sind die kurzen oder längeren Biographien von verschiedenen Heimgegangenen jüdischen Gelehrten, die in dem neuen Bande enthalten sind, und die Jenen ein wohlverdientes, bleibendes Andenken sichern. Die Existenz und die mehr oder weniger werthvollen Leistungen mancher dieser Gelehrten auf jüdischem Gebiete wären sicherlich der Mit- und Nachwelt ganz unbekannt geblieben, hätte sie nicht die erwähnte „Encyclopedia" durch eine kleine oder größere Erwähnung der völligen Vergessenheit entrissen. Selbstverständlich verdient ein solches gemeinnütziges Werk eine allgemeine günstige Ausnahme. — Vor Kurzem hat sich in London ein Verein unter dem Namen: „-lorvisli keliKions Union" gebildet, dessen Mitglieder es sich zur Aufgabe gestellt, am Sabbathnachmittag in verschiedenen Theilen der Stadt einen kurzen Gottesdienst abhalten zu lassen, um dadurch Vielen Gelegenheit zu verschaffen, einer jüdisch-religiösen Funktion beizuwohnen, die den längeren Morgengottesdienst in der Regel nicht besuchen. Der fragliche Gottesdienst soll nach dem Muster der äußersten Reform gebildet sein, und da drei orthodoxe Prediger nebst verschiedenen angesehenen Mitgliedern der orthodoxen Partei sich dem Vereine angeschlossen haben, so hat das ganze Unternehmen eine nicht zu übersehende Bedeutsamkeit. Ob ein solcher Gottesdienst mit dem gewünschten Erfolg gekrönt sein wird, das wird die Zukunft lehren, (jui vivora vorra. — In Nummer 27 dieser Zeitung preist Dr. Simon Stern das Drama „(llnlckren ok tke Oüotto" und verdammt zugleich auch das dramatisirte„8en-Hur", obschon, wie er selbst eingesteht, er keines dieser beiden Dramen als Theaterstück auf der Bühne aufgeführt gesehen hat. Nun möchte ich diesem Herrn, falls er Rabbiner ist, auf den Talmud aufmerksam machen, worin es heißt: „llo roüm one klozssi", zu Deutsch: „Was man nicht gesehen, kann man nicht als Beweis brauchen oder anführen." Das Drama „Csiilckron ok tsio Olletto" wurde vor einigen Jahren in einem Londoner Theater nur recht kurze Zeit, und zwar aus allzugroßem Mangel an Theilnahme, aufgeführt, da weder Juden noch Christen es im Geringsten anziehend fanden. Daß Zangwill ein bedeutender Schriftsteller ist, will ja Niemand in Frage stellen, aber Schiller war ja auch ein großer Dichter, und doch hat er „Die Sendung Mosis" geschrieben, welche litterarische Produktion, trotzdem sie ins Hebräische übersetzt worden ist, keineswegs den Juden Ehre und Ruhm verschafft. Was das Drama „Len-Hur" anbelangt, so hat es mit der ursprünglichen Novelle gleichen Namens nur wenig Gemeinsames. Es wird schon seit Monaten bei stets gefülltem Hause in London gespielt, und die Thatsache, daß viele jüdische Zuschauer häufig anwesend sind, beweist zur Genüge, daß dieses Drama mehr anziehend und weniger verletzend ist als das andere. — Das laufende Juliheft der „.lonsissi Onorlerlv keview". enthält verschiedene lesbare litterarische Beiträge, worunter Professor Goldzihers „Bemerkungen zur neuhebräischen Poesie" für die Freunde von Dichtungen der hebräisch-spanischen Schule von besonderem Interesse sein dürften. Nachtrags;rr ».Goethe und die Juden". Von Dr. M. Gru» Wold-Hamburg. I. ach der trefflichen Darstellung des Verhältnisses Goethes zu den Juden, welche von Professor L. Geiger im ersten Bande der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" geliefert, konnte dieser Gegenstand als erschöpft erscheinen. Doch hat Geiger selbst durch Nachträge in späteren Heften der genannten Zeitschrift sowie in Vorträgen und in Nr. 13 v. I. dieser Wochenschrift weiteren Ergänzungen die Thür offen gehalten. Zunächst sind durch Brann im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur" 1899 Seite 163 die Beziehungen Sal. Munks zu Goethe bekannt geworden. Letzterem stellt sich nun, wie er auch ei» Zeuge gegen die Blutlüge und als solcher in neuerer Zeit oft citirt, der Wiener Kanonikus Johann Emanuel Veith, ein getaufter Jude, an die Seite. Veith wurde, so berichtet sein Biograph Vidmar (I. E. Veith, Wien 1887, S. 5) wenn er sein Talmudpensum nicht zur Zufriedenheit des Vaters erledigt hatte, zur Strafe oft tagelang ohne Nahrung in eine Kammer gesperrt. Der kleine Sträfling kletterte jedoch in seiner Langeweile über den Verschlag, der die Kammer abtheilte, und fand jenseits ein Sammelsurium von Büchern aller Art, darunter auch die Schriften Goethes. „Der Knabe war von der Lektüre Goethes derartig begeistert worden, daß er seine Studentenreise nach Pilsen eigens über Karlsbad machte, um Goethe zu sehen, der eben damals an diesem Kurorte verweilte. Selbstverständlich hat sich Goethe nicht um den kleinen Veith bekümmert, der vor dem großen Mann hin- und herrannte und ihm scharf ins Gesicht sah, um die Züge des gefeierten Dichters ja recht fest seinem Gedächtniß einzuprägen. So erzählte Veith selbst noch zwei Jahre vor seinem Tode." Von dein Freiherrn von Lämel, dem Goethe (s. Geiger, Zeitschrift, Band 2, 304 f. und Nr. 13 dieser Wochenschrift) den wichtigen Ausschluß über sein Verhältniß zu den Juden giebt, hören wir in Fürsts Orient, 1845, S. 140, daß Goethe in Karlsbad bei ihm und er in Weimar bei Schiller zu Gast gewesen. Daß Goethe in Straßburg mit Juden nicht in Berührung gekommen ist (Geiger a. a. O. 325), erklärt sich wohl daraus, daß, nach Grätz, Geschichte der Juden XI, S. 63, daselbst kein Jude über Nacht bleiben durfte. lieber die Verhältnisse der Juden in Sachsen-Weimar zu Goethes Zeit berichtet Sulamith, 6. Jahrgang, Band 2, S. 248 ff. In Weimar selbst wohnten in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts außer den von Geiger erwähnten Gebrüdern Elkan, einem Bankier Ulmann und — einem Tanzlehrer keine Juden. Durch seine alttestamentlichen Studien angeregt, verfaßte Goethe, etwas über 20 Jahre alt, fünfzehn Parabeln, welche C. G. Carus, auf den wir von sachkundiger Seite hingewiesen wurden, in seinem „Goethe, dessen Bedeutung für unsere und die kommende Zeit" (Wien, 1868) veröffentlicht hat. Ein beachtenswerthes Urtheil Goethes über die Juden, welches man bisher übersehen, findet sich im fünften Band der Cotta'schen Ausgabe S. 540. Goethe bespricht dort das Buch „Die Liebe des Vaterlandes" von I. v. Sonnenfels, dem bekannten Nikolsburger Apostaten, und bemerkt hierbei über ihn: