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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-05 · Heft 36 (5.9.1902) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
Seite 425 (sequence 7)
Language
German
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425 dem Titel „Lehrer und Prediger". Diese Herren hängen thatsächlich mir von der Gnade und Barmherzigkeit des Gemeindegewaltigen ab, und wenn die Sonne seiner Gnade untergeht, dann sind sie, nach dem Worte des Propheten „wie die Blunie des Feldes, wie ein verwelktes Blatt". Welche Achtung genießt ein vor seinem Gemeindegewaltigeil so schweifwedelnder Lehrer bei seinen Schülern, die außerdem noch besser deutsch sprechen als ihr Lehrer? Welche Charaktere kann ein solcher Charakter bilden? Welchen Eindruck machen solche Predigten bei der Gemeinde? Was denken die Andersgläubigen von dein Bildnngsstandpunkte einer jüdischen Gemeinde, die einen solchen Mann zu ihrem geistigen Führer erwählt? Diesem ganzen Unfug würde aber ein für allemal ein Ende gemacht werden durch Einrichtung der Bezirksrabbinate. Der Bezirksrabbiner wird es nicht dulden, daß ein Mann von solch geringer Bildung Kasnalreden hält; erwirb die Religionsschule einer häufigen und gründlichen Inspektion unterziehen, er wird auf die Einführung eines sachgemäßen Lehrplanes und entsprechender Lehrbücher dringen und der Kultusbeamte wird dann nur das sein, was seines Amtes ist, „Kantor und Schächter", nicht aber Prediger, und Lehrer des Hebräischen nur da, ivo kein geprüfter Lehrer am Orte ist. Der Bezirks-, rabbiner, der auch zu einigen Predigten im Laufe des Jahres verpflichtet ist, wird dann der geistige Führer sein, die Achtung vor dem Judenthum und seinen Bekennern, die Achtung der Schüler vor ihren Lehrern wird zunehmen, und die Charakterbildung wird gefördert werden. Daß die oben bezeichneten Kultusbeainten diese Folgen klar und deutlich erkennen, geht ans dem Widerstande hervor, den sie bei Gemeindemitgliedern und Vorstehern gegen diese Einrichtung schüren, ohne zu bedenken, daß ihre Stellung durch die höhere Instanz des Bezirksrabbiners eine gesichertere ist. wenn sie auch eine kleine materielle Einbuße durch diese Einrichtung erleiden. Freilich theilen die Herren Knltnsbeamten die letzten Gründe ihres Widerstandes den Gemeindemitgliedern nicht mit, sie weisen nur immer daraus hin, daß diese Einrichtung viel Geld kostet, und daß die kleine Genieinde nicht so viel Steuern aufbringen könnte. Mit solchen Gründen kann man aber in den meisten jüdischen Gemeinden alles durchsetzen, das heißt also hier alles ablehnen. So viele große Opfer unsere Glaubensgenossen auch freiwillig für alle mildthätigen Zwecke bringen, so wenig fügen sie sich dem Zwange, wenn es gilt, Gemeindeeinrichtungen zu verbessern, die Schule zu heben und den Beamten eine bessere Besoldung und eine feste Stellung zu geben. Darair scheitert auch die Einrichtung der Bezirksrabbinate, und das ist der einzige sachliche Grund, der gegenwärtig für die kleinen Gemeinden ausschlaggebend ist. Zwei Mittel giebt es, die Bezirksrabbinate trotz des Widerstandes der Gemeindegewaltigen und der ungeprüften Kultusbeamten einzuführen. Man setze die Kosten der Einführung herab und besteuere bei Festsetzung der Synagogenverbandsbeiträge die großen Gemeinden zu Gunsten der kleinen nach ihrer Kopfzahl. Alle verständigen Gemeindebehörden aber, alle Synagogenverbände, Rabbiner, Lehrer und verständigen Kultusbeainten mögen sich zuin ernsten Kampfe gegen die Gemeindegewaltigen der kleinen Gemeinden und deren Schleppenträger, die kurzsichtigen ungeprüften Gemeindebeamten, vereinigen und mit allen Kräften die Einführung der Bezirksrabbinate erstreben. Brief aus England. Vo» Rev. Dr. Chotzner. n Nr. 28 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" bespricht Dr. Eckstein Chamberlains Buch, das sich mit Juden und Judenthum beschäftigt, und in einigen früheren Nummern desselben Blattes wurde ein Vortrag von Delitzsch, der vor einiger Zeit unter dem Titel: „Bibel und Babel" inDentschland erschienen ist. von anderen Mitarbeitern einer weitläufigen Kritik unterzogen. Dieser Kritik zufolge haben die beiden fraglichen Bücher die Tendenz, hauptsächlich nachznweisen, daß die Juden des Alterthums — die Propheten und Psalmisten mit eingeschlossen — keinen wahren religiösen Instinkt besessen haben, und daß ihr vorzüglichstes Werk, die Bibel, nichts Neues und Originelles enthält, da vieles davon babylonischen Quellen entnommen worden ist. Wären nun diese und ähnliche Argumente unumstößlich richtig, so hätten ja die modernen Antisemiten Recht, wenn sie sagen, daß das jüdische Volk niemals etwas Werthvolles und Gemeinnütziges auf dem Gebiete der Religion, der Ethik und der Litteratur geschaffen habe, und daß es daher verdiene, daß man mit Verachtung darauf herabsieht. In nachstehenden Zeilen möchte ich jedoch, der Kürze wegen, eine einzige Thatsache nur erwähnen, woraus klar und deutlich hervorgeht, daß die Bibel (ich meine das Alte Testament) auch in der Gegenwart, und jedenfalls im britischen Weltreiche, einen praktischen und daher hochzuschätzenden Werth hat. Während der letzten paar Wochen haben sich hier geschichtliche Ereignisse zugetragen, welche die Aufmerksamkeit der ganzen civilisirten Welt auf sich gezogen haben. Ich spreche hier hauptsächlich von der jüngst stattgefundenen Friedeusstiftung der Engländer mit den Buren, der plötzlichen Erkrankung des englischen Königs vor seiner Krönung und der Krönung selber. Nun hat in allen diesen Fällen das alte Testament, die jüdische Bibel, eine hochbedeutende Rolle gespielt, indem größere oder kleinere Theile derselben fast von der gesammten Geistlichkeit des englischen Weltreiches bei den betreffenden religiösen Feierlichkeiten benutzt wurden. Und dies mit Recht. Denn schwerlich giebt es in der ganzen Weltlitteratur ein Buch, das, wie die Bibel, Sätze enthält, die für alle Wechselfälle des menschlichen Lebens Paffen, und in Freude oder Schmerz den Betenden zu inniger, tiefgefühlter Andacht stimmen. Dies ist also ein hochwichtiger Punkt, der ganz deutlich zeigt, daß die jüdische Bibel selbst in moderner Zeit ein raison ck'etre hat, und daß daher auch Diejenigen, die sie seit Jahrtausenden für den Nutzen und Gebrauch der gesammten Menschheit ausbewahrt, etwas wenigstens zum geistigen Wohle der Letzteren beigetragen haben. — Der zweite Band der „^o>vislt Lnoxolopoäia", an der auch einige der bedeutendsten jüdischen Gelehrten in Deutschland Mitarbeiten, ist soeben in Newhork erschienen, und einige Bemerkungen darüber dürften daher hier am Platze sein. Wie sein Vorgänger, so ist auch der fragliche zweite Band reich an interessanten Artikeln, die eine Uebersicht von einem Theil der Arbeiten verschaffen, welche die Juden aller Zeiten ans dem Gebiete der Religion und der Philosophie und überhaupt in allen Zweigen menschlichen Wirkens und Schaffens zu Stande gebracht haben. Auch manche ihrer Leiden und Erniedrigungen werden daselbst mit geschichtlicher Genauigkeit beschrieben und durch Abbildungen noch viel klarer gemacht. Unter letzteren

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