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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 35. L-rlm. 29. Ängust 1902 Dev Gemeindebote. Weikage zur „AUgemeinen Zeitung des Zuöenthums". Ksrresponderr^en und Nachrichten. Arntschland. BrkV Berlin, 26. August. Kurz vor Redaktionsschlnß erhalten wir die traurige Kunde von dem am Sonnabend, den 23. d. M. erfolgten Ableben des Justizraths Dr. Engen Apolant. Als Mensch wie als Jude in den weitesten Kreisen der Berliner Bevölkerung hochgeachtet, war der Verblichene seit einer Reihe von Jahren Mitglied und seit Anfang dieses Jahres Vorsitzender der Repräsentanten- Versammlung unserer Gemeinde. Sein liebenswürdiges Wesen, sein biederer Charakter und sein edler Sinn sür alle gemeinnützigen Bestrebungen sichern ihm innerhalb unserer Gemeinde ein dauerndes, ehrendes Andenken. Ueber das morgen stattfindende Leichenbegängnis; werden wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten. 8. Berlin, 24. August. Herr Leopold Minden, der, wie sich unsere Leser erinnern werden, vor einigen Monaten wegen seines hohen Alters ans dem Vorstande der hiesigen Neformgemeinde, dem er mit nie versagendem Eifer und in seltener Pflichttreue viele Jahre angehört hatte, ausgeschieden ist und bei seinem Scheiden zum Ehrenmitgliede der Neformgemeinde ernannt wurde, konnte in der vorigen Woche die Feier seines 80. Geburtstages begehen. Seitens der Neformgemeinde brachte eine Deputation unter Führung des Herrn Justizrath Stern Glückwünsche und ein prächtiges Blumenarrangement. Vom Präses des Vorstandes, Herrn Rudolf Mosse. traf ebenfalls ein kostbares Blumenarrangement zum Feste ein. Persönlich erschienen noch die drei Prediger der Gemeinde, die Herren Dr. Levin. Dr. Klemperer und Dr. Jelski, außer den zahlreichen Freunden und Verehrern des Minden'schen Hauses, die es sich nicht nehmen lassen wollten, dem greisen Jubilar selbst ihre herzlichen Glückwünsche abstatten zu können. In großer Zahl trafen von Nah und Fern briefliche und telegraphische Glückwünsche ein, und der Blumen und Geschenke Fülle und Pracht wollte schier kein Ende nehmen. Möge der allverehrte, treffliche Jubilar sich noch lange der körperlichen und geistigen Frische erfreuen, in der es ihm vergönnt war, seinen Ehrentag zu begehen. Berlin, 25. August. Die Aerztekammer sür Berlin-Brandenburg hat den Aerzten des Kammerbezirks aufgegeben, ihre Verträge mit sogenannten Humanitäts- und Sanitätsvereinen der Vertragskommission der Kammer zur Prüfung vorzulegen, zu dem Zwecke, durchzusetzen, daß derlei Vereine die ärztliche Hilfe nach den Sätzen der Gebührenordnung bezahlen. Degen diese Anordnung der Kammer wandte sich der Verband der jüdischen Humanitätsvereine mit einer Eingabe an den Oberpräsidenten, worin die Aufsichtsbehörde gebeten wurde, dem Vorgehen der Aerztekammer Einhalt zu thun. Auf diese Beschwerde ist dem Verbände der jüdischen Humanitätsvereine der „Berl. Aerzte-Korresp." zufolge der folgende abschlägige Bescheid zu Theil geworden: „Auf die Vorstellung vom 25. Mai d. I. erwidere ich dem Verbände der jüdischen Humanitätsvereine von Berlin und Vororten ergebenst, daß die von der Aerztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis in der Sitzung vom 10. Februar 1900 gefaßten und dortseits bemängelten Beschlüsse die durch § 2 der königlichen Verordnung vom 25. Mai 1887 begrenzte Zuständigkeit der Aerztekammer nicht überschreiten. Im Uebrigen wurde die Frage, ob die Vereinbarung von Honorarsätzen, welche von der Gebührenordnung abweichen, oder ob die Weigerung, die hierüber sprechenden Verträge vorzulegen, ein standesunwürdiges Verhalten des betreffenden Arztes in sich schließt, nur von den berufenen, lediglich nach ihrer freien Ueberzeugung urtheilenden Ehrengerichten zu entscheiden sein." ----- Berlin, 24. August. In antisemitischen Blättern findet sich folgende Parallele zwischen dem Fall Löhning und — dem Fall Baltin: „In Posen ist es sür den kommandirenden General und die Spitzen der Behörden unmöglich, mit einem hohen Beamten zu verkehren, dessen Schwiegervater einmal Feldwebel war. Im Berliner Stadtschloß ist sehr häufig ein Mann wohlgelittener Frühstücksgast der kaiserlichen Familie, dessen Vater ein kleiner jüdischer Auswanderungsagent in Hamburg war. Der Mann, der Generaldirektor Ballin von der Hamburg-Amerika-Packetfahrt, hatte ursprünglich das kleine Geschäft des Vaters übernommen und kam dabei eines Tages auf den klugen Gedanken, sich als Agent für koschere Auswandererschiffe auszuthun. Das heißt, er sorgte dafür, daß die durch ihn expedirten russischen und polnischen Juden, die bisher schlankweg die allgemeine Schiffsküche mit Speck und Schweinefleisch bekamen, fortan koscher zubereitete Speisen erhielten. Dadurch gelangte schließlich das ganze jüdische Auswanderergeschäst in seine Hand. Tausende und Abertausende strenggläubiger Juden, die ganze Massenauswanderuug. die eine Zeit lang aus dem Osten Europas losbrach, bediente sich seiner, und aus dem kleinen Agenten wurde so allmälig ein wichtiger Herr, eine Macht gegenüber den großen Nhedereien. Das war, so erzählen die Bremer, welche die Hamburger im Stillen nicht recht leiden können, der Anfang von Ballins Laufbahn, auf welcher er durch Thatkrast und Geschicklichkeit schließlich bis zum allgewaltigen General- Direktor der Hamburg-Amerika-Packetgesellschaft aufstieg. die er zur größten der Welt machte." Es braucht wohl nicht erst ausdrücklich hervorgehoben zu werden, daß die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erfunden ist. Nawitsch, 17. August. Am 15. er. verstarb in der Blüthe ihrer Jahre nach kurzem, schwerem Leiden die Gemahlin unseres hochverehrten Rabbiners, Frau Dr. Cohn, geb. Goldstein. Die außerordentliche Liebe und Verehrung, welche die Verstorbene in den weitesten Kreisen unserer Stadt infolge ihres einfachen, edlen Charakters genoß, gab sich so recht in der starken Betheiligung bei der heute stattgefundenen Beerdigung knnd. Trauerte doch an ihrer Bahre nicht nur ein tiefgebeugter Gatte, sieben verwaiste Kinder, schmerzersüllte Eltern und Verwandte, sondern beklagte doch auch die ganze Gemeinde in ihrem Hinscheiden den Heimgang einer Frau, durch deren mildthätiges Wirken viele Thränen getrocknet, viele Schmerzen gelindert worden sind. Während Rabbiner Dr. Theodor ans der Nachbargemeinde Bojanowo im Trauer-Hause selbst zuerst das Wort ergriff, rührte Rabbiner Dr. Koppstein aus Beuthen O.-S. durch seine ergreifenden Worte auf dem Friedhofe, in denen er die Verblichene als echte Priesterin und Nabbinersgattin hinstellte, alle Anwesenden zu Thränen. Ihm folgte als dritter Redner Rabbiner Dr. Margolis aus Florenz, der an Stelle des verhinderten Rabbiners Dr. Nosenthal aus Breslau erschienen war. Als dann zum Schluß der ergreifenden Feier Rabbiner Dr. Cohn selbst seiner Gattin das letzte Lebewohl zurief, da gab es wohl Keinen unter den Hunderten von Zuhörern, denen sich nicht, von Rührung überwältigt, die Augen mit Thränen gefüllt hätten. Hat uns auch so für diese Welt der unerbittliche Tod die hochverehrte Frau entrissen, so wird doch ihr Andenken in hiesiger Gemeinde und Stadt stets gesegnet erhalten bleiben. 1. Jnowrazlaw, 17. August. Ein seltenes Jubiläum wurde heute in dem jüdischen Brüderverein Geulat Achim gefeiert. Am heutigen Tage beging der Rentier Joseph Wolfs sein 25 jähriges Jubiläum als Vorleser aus der Thora. Wolfs, der auch zugleich erster Vorsitzender des Brüdervereins ist, hat ein Vierteljahr-Hundert dem Verein unentgeltliche Dienste als Thoravorleser geleistet. Er hat dieses Ehrenamt mit seltener Opferfreudigkeit und musterhafter Pflichttreue ununterbrochen verwaltet. Um den tiefen Empfindungen der Hochschätzung und Dankbarkeit zu dem Jubiläum beredtesten Ausdruck zu geben, begaben sich am Sonntag die Vereinsmitglieder sowie der stellvertretende Vorsitzende Kaufmann S. Schaie zur Beglückwünschung in die Wohnung des Jubilars. Hier richtete derselbe herzliche Worte an den Jubilar, indem er auf die großen Verdienste, die sich Wolfs um das Gedeihen des Vereins erworben habe, hinwies, und sprach ihm den Dank des Vereins aus. Alsdann überreichte er zum Andenken an diesen Festtag dem Jubilar ein kunstvoll ansgestattetes Ehrendiplom. Ans demselben ist eine auf die Bedeutung des Tages angemessene

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