Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Inschrift zu lesen. Wolfs dankte in bewegten Worten für diese -Ovation. Sodann fand ein gemächliches Belsammensein statt. -- Ahlem, ini August. Einige Mitteilungen über die jetzt im zehnten Jahre bestehende Knabenabtheilung der hiesigen Anstalt werden sicher das Interesse unserer Leser finden. Ein im Ausland lebender reicher Kasseler Herr hat seiner Vaterstadt zur Errichtung eines interkonfessionellen und internationalen Waisenhauses ein Kapital von fünf Millionen Mark überwiesen und ausdrücklich die Bestimmung getroffen, daß dieses Waisenhaus nach dem Muster der Ahlemer Anstalt, die ihn: bekannt war, gegründet und gesührt werden sollte. Infolge dessen waren vor einigen Wochen die Herren Oberbürgermeister, Stadtshndikus und Stadtbaumeister voll Kassel in Ahlem, um die Anstalt einer gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Die Herren haben sich sämmtlich sehr zufrieden geäußert und es nur natürlich gefunden, daß der Geber gerade Ahlem ihnen als Muster bezeichnet hat. Gegenwärtig sind in Ahlem zwei Lehrer der Baron Hirsch-Stistung aus Galizien, welche die hier geübte praktische Erziehungsweise kennen lernen sollen, um sie später in den Baron Hirsch-Schulen in Galizien einzuführeu. Voraussichtlich werden in der Folge auch noch aus anderen außerdeutschen Ländern Lehrer und Lehrerinnen sich zu dem gleichen Zwecke dort aufhalten. Es handelt sich eben in Ahlem nicht mehr um Experimente, sondern um Praktisch erprobte Erziehungsmethoden, deren Resultate höchst erfreuliche sind. Die normal veranlagten Knaben, welche nach Vollendung ihrer Lehrzeit die Anstalt verlassen, haben nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande ein gutes Unterkommen gefunden. Die t-uUural null Industrial ^id Society, welche verschiedene junge Leute, die in der Nähe von New-Uork Stellung gefunden haben, kennen gelernt hat, hat der Anstalt geschrieben, daß nach derartigen Gärtnern mehr Nachfrage als Angebot ist. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß die die Anstalt besuchenden Ausländer später einmal den Kern von Kolonien in den Vereinigten Staaten bilden werden, und daß darin ein Theil ihrer Landsleute, angereizt durch den Erfolg, sich veranlaßt sieht, ihrem Beispiel zu folgen, und dadurch am besten das Elend dieser gemildert und das Vorurtheil gegen die jüdische Einwanderung beseitigt wird. Es wäre wünschenswert!), wenn recht viele unserer Glaubensgenossen, namentlich während der jetzigen Reisezeit, die Anstalt zu Ahlem in Augenschein nehmen wollten. Die Allstalt ist vom Bahnhof Hannover in einer halben Stunde zu erreichen, und es lohnt sich wohl der Mühe, auf der Sommerreise einen kleinen Umweg zu machen, der bei der centralen Lage Hannovers in vielen Fällen nur unbedeutend sein wird. Noch einem anderen Wunsche möchten wir schließlich Ausdruck geben: Durch die Erweiterung des Erziehungswerkes hat die Anstalt eine nicht unerhebliche Schuldenlast und Verpflichtungen übernommen, die in der Folge bedeutend größere laufende Ausgaben als bisher erfordern; wir wünschen, daß in allen Kreisel», die Herz und Verstäudniß für derartige Erziehungsbestrebungen haben — und wo wäre solches mehr vorhanden als in jüdischen Kreisen — auch der Wohlthätigkeitssinn sich regen möge, so daß es der Anstalt ermöglicht wird, den neuen Allforderungen Ln jeder Beziehung auch gerecht zu werden. II. Bremen, 26. August. In Nr. 34 Ihres Blattes lese ich eine Notiz über die den jüdischen Passagieren gewährte rituelle Küche aus dem Dampfer „Breslau". Ich gestatte mir darauf hinzuweisen, daß diese Einrichtung nicht erst, wie es in der betreffenden Notiz heißt, vom 11. Juni d. I. datirt, sondern daß es den Bemühungen des Herrn Rabbiner Dr. Rosenak, hier, bereits vor zwei Jahren gelungen ist, diese Vergünstigung beim „Norddeutschen Llohd" zu erwirken. Seit dieser Zeit ist es zur Regel geworden, daß auf sämmtlichen Schiffen den jüdischen Passagieren Gelegenheit geboten ist, rituell verpflegt zu werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich besonders hervorheben, daß die Direktion des „Norddeutschen Llohd" in dieser Beziehung außerordentlich entgegenkommend ist und allen Wünschen nachkommt. Der erste Dampfer, auf dem es rituelle Verpflegung gab, war der Dampfer „Frankfurt". In einem Herrn Dr. Nosenak von den Auswanderern damals zugegaugenen Dankschreiben heißt es: „Hiermit theilen wir mit, daß wir in vollkommener Zufriedenheit seien wegen das Essen von der jüdischen Küche. Und schicken alle einen herzlicheil Dank an den werthen Herrn Doktor Rabbiner Nosenak. .." Derselbe besitzt bereits eine ganze Sammlung solcher Briefe, aus denen hervorgeht, das; diese Einrichtung als ein wirklicher Segen von den Auswanderern empfunden wird. Denn während sie früher während der ganzen Reise nur auf trockenes Brod und Heringe angewiesen waren, bekommen sie jetzt rituelle Speisen, wenn auch bisher nur Milchspeisen und Fische in Betracht kamen. Bei dem Entgegenkommen des „Norddeutschen Lloyd" würde es allerdings nicht schwer fallen, auf allen Dampfern auch Fleischspeisen zu verabfolgen — wenn die nöthigen Geldmittel zur Verfügung ständen, um die naturgemäß erforderliche weitgehendste Aufsicht zu bestreiten. Die Fürsorge, deren sich die jüdischen Auswanderer hier erfreuen, erstreckt sich übrigens auch auf den Aufenthalt in Bremen. Zn diesem Zwecke ist hier vor etwa zwei Jahren eine jüdische Küche von Herrn Dr. Nosenak begründet worden, wo die Auswanderer (schon bis zu 500 Personen täglich) gespeist worden sind. Außerdem giebt es hier eine Bekleidungsanstalt für die armen Auswanderer. ad. Grünstadt, 17. August. Ein seltener Fall, nämlich der Verkauf eines Gotteshauses, hat in dem nahe gelegenen Dorfe Neu-Leinin g en sich ereignet. Die dortige Synagoge ist jetzt käuflich in den Besitz der Gemeinde Neu-Leiningen übergegangen, die das Gotteshaus in ein Gemeindehaus umzuwaudeln beabsichtigt. Der Verkauf wurde durch die neuerdings erfolgte Auflösung der ehemals ziemlich starken Neu-Leininger israelitischen Gemeinde hervorgeruseu, die infolge der Uebersiedelung vieler Eemeiudemitglieder nach größeren Orten im Laufe der Zeit auf nur eine Familie zusammeugeschmolzen ist. Da sich diese der Grünstadter israelitischen Gemeinde angeschlossen hat, so ist letztere Nechtsnachsolgerin und gleichsam Erbin der aufgelösten Gemeinde geworden. Es wird daher nicht nur die erzielte Kaufsumme, sondern auch das vorhandene Mobiliar u. s. w. an sie übergehen. Das jetzt verkaufte Gotteshaus hat vor vielen Jahren schon einmal einen bedeutungsvollen Besitzwechsel erfahren. Es war ursprünglich ein evangelisches Kirchlein und wurde erst nach Zerstreuung und Auflösung der damals in Neu-Leiningen bestandenen evangelischen Gemeinde von der israelitischen Gemeinde erworben. Darmstadt, im August. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet voll hier: „Man theilt uns mit, d§ß am 21. d. M., Abends, auf dem Bahnhof in Darmstadt die Herren Rechtsanwalt Dr. Geßner, Amtsrichter Dr. Mahr, Oberrechnungsrevisor Neitzel und Ho sbu chhän dler Neitzel. sämmtlich aus Darmstadt, von der Bahnpolizeibehörde aus telegraphisches Ersuchen von Groß-Gerau aus sistirt werden mußten, um sie zu zwingen, sich zu legitimsten. Sie sollen auf der Fahrt voll Mainz bis Groß-Gerau einem Mitreisenden gegenüber ihre antisemitische Gesinnung derart bethätigt haben, daß dieser, ein junger Kaufmann aus Groß-Gerau, halb ohnmächtig in Groß-Gerau aukam. Die Herren, die der Bahnpolizeibehörde Groß-Gerau die Angabe ihrer Namen verweigerten, mußten in Darmstadt dazu gezwungen werden. Da Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet ist, und jedenfalls daraufhin eine Untersuchung eingeleitet werden wird, wollen wir von einer Wiedergabe der uns übermittelten Einzelheiten zunächst absehen." Bemerkenswerth erscheint dazu, daß die bei der Affäre angeblich aktiv gewesenen Gebrüder Neitzel jüdischer Abkunft sind. Ihr in Darmstadt lebender Vater stammt nach der „Kl. Pr." aus Dieburg; er hat sich taufen lassen und dabei den Namen seiner Ehefrau, einer geborenen Neitzel, angenommen. — München, 20. August. Am vergangenen Sonntag wurde hier vr. zur. Michael Martin Köhler zur letzten Ruhe bestattet. Die zahlreiche Trauerversammlung, unter welcher sich nicht nur Angehörige hoher Gesellschaftsklassen, Vertreter der Wissenschaft, Beamte und Kollegen des im Alter von 27 Jahren verblichenen jungen Juristen, sondern auch eine Anzahl schlichter Leute aus dem Volke befanden, bewies, welch innige Theilnahme dem tragischen Schicksal des Verstorbenen entgegeugebracht wurde. In seiner Gedächtnißrede hob Rabbinatssubstitut Dr. Finkelscherer hervor, die Bahre umschließe ein Menschenkind, das sich trotz seiner jungen Jahre in der Wissenschaftschaftlichen Welt bereits einen Nus erworben habe. In ergreifenden Worten schilderte Herr Oberlehrer Friedmann am Grabe den Lebenslauf des Verblichenen. Er betonte, daß er auf besonderen Wunsch des Verstorbenen es übernommen habe, diesen letzten Liebesdienst seinem jungen Freunde zu erweisen, der, von sittlichem Ernste und dem Streben nach Erkenntnis; erfüllt, von der Volksschule angefangen bis zur Hochschule glänzende Geistesgaben entfaltet und überall die Palme errungen habe. Im Jahre 1899 habe die Iuristenfakultüt der hiesigen Universität das Werk des Vierundzwanzigjährigen über den unlauteren Wettbewerb mit den; Iakultätspreis gekrönt und auf Grund dieser Schrift ihm den Doktorgrad mit Auszeichnung verliehen; aus dem