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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 419 (sequence 13)
Language
German
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419 Das Gebet wird ausgesprochen: „an dem heutigen Tage, an dem sich jegliche Seele demüthigt." Dieser Tag ist nicht ein Bußtag, der etwa der Mordthat wegen ausgeschrieben worden wäre — dieser hätte ja nicht für „jegliche Seele" Bedeutung — sondern, wie wieder Deißmann, der namentlich Lev. 23, 29 und Ps. 34, 13 zum Vergleich heranzieht, nachgewiesen hat, es ist dieser Festtag kein anderer als der Versöhnnngstag, .jom iiakkipnrim, der heiligste Tag des Jahres. Am Versöhnungstag haben sich die Juden von Delos an Gott mit dem Gebete gewendet, den Tod der beiden unschuldig getödteten Frauen an ihren Mördern zu vergelten, lieber die That selbst schwebt tiefes Dunkel. Man wird kaum annehmen dürfen, daß Heraklea und Marthine etwa als Opfer einer Judenverfolgung gefallen wären, denn eine solche schließt wohl der Ausdruck „welche sie mit Hinterlist ermordeten oder vergifteten" aus, da dieser auf eine heimliche Art des Mordes zu deuten scheint. MI.t.Ll'ON Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. XI. Blümchen zündete wieder Chanuckalichtchen an. Sie stellte den niedrigen Zinnleuchter nach frommer Sitte an das Fenster, das auf die Gasse führte, damit alles Volk das Licht sähe, das heute über Israel leuchtete. Sinnend schaute sie in die Flammchen der Wachskerzchen. Sie dachte daran, wie sie das letzte Mal die Chanuckaflämmchen entzündet hatte. . . Ein Jahr war seitdem vergangen. . . Was hatte es alles gebracht! Leas Verlobung, Leas Taufe und Hochzeit, und — die Gerüchte waren auch bis zu ihr gedrungen — Leas Erwachen aus dem kurzen Glückstraum, ... Arme Lea! Ihre Mädchenthorheit hatte sich bitter gerächt!- Es klopfte leise an die Thür.. .. „Herein!" sagte die Alte, Ihre vom Schein der Chanuckalichter geblendeten Augen konnten nicht gleich erkennen, wer zur Thür hereinkam. „Jch bin's, Tante Blümchen!" sagte die Eintretende, „kennst Du mich nicht mehr?" Tante Blümchen horchte auf. Die Stimme war ihr wohlbekannt, — und doch — sie klang so anders, als sie sonst geklungen! War's wirklich Leas Stimme? Dieser traurige, müde Ton? — Und wie kam Lea dazu, nach all den Jahren des Fernseins auf einmal wieder die Schwelle der Tante zu übertreten?- „Ich bin's, Tante Blümchen, kein Geist!" sagte Lea nähertretend. Freilich, — Du hast ein Recht, Dich zu wundern.. Ich bin lange nicht hier gewesen... Aber Du wirst mich nicht von Deiner Schwelle weisen!" „Gottbehüte! Nein!" sagte die alte Tante. „Nimm Platz!" Sie hatte bis jetzt darüber nachgedacht, ob sie Lea „Frau Gräfin" anreden sollte, hatte sich aber schließlich für das altgewohnte „Du" entschlossen. Lea ließ sich behaglich in dem alten Lehnstuhl nieder. „Wie schön es bei Dir ist, — wie behaglich! Alles athmet Frieden und Zufriedenheit!" „Du scherzest!" sagte die Tante. „Oder willst mir mir was Freundliches sagen?" ... „Wenn man solch ein kostbares Heim hat, wie Du unzweifelhaft." . . . „Ich wünschte, mein Heim wäre weniger kostbar — und mehr. . ." Sie brach ab. . . . „Weißt Du, was mich zu Dir heraufgeführt hat?" fragte sie dann. „Ich ging vorüber und sah die Lichtchen an Deinem Fenster stehen. — Und da erwachten die Kindheitserinnernngen so mächtig! Ein Gefühl, — süß und wehmüthig zugleich, kam über mich. . . . Und das trieb mich hier herauf. . . Ich will mir das Herz an den Flammen der Chanuckalichtchen wärmen; vielleicht empfinde ich es dann noch einmal, das selige Glück der Kindheit, — wenn auch nur aus wenige Augenblicke." . . . Ihre Stimme brach. „Armes Kind!" dachte Tante Blümchen, „sie ist sehr unglücklich!" — Und in tiefem Mitgefühl schlang sie den Arm um die junge Frau. ... Da begann diese plötzlich heftig zu weinen. . . Tante Blümchen war ganz rathlos. . . Was sollte sie nur thun? — Trösten? — Davon wurde es vielleicht noch schlimmer. . . . Oder einfach darüber hinweggehen und von etwas anderem reden, als ob gar nichts geschehen wäre? Mit einem Scherzwort alles abthun? — Dann hörte sie vielleicht zu weinen auf, — aber, — war es nicht besser, wenn sie sich answeinte? — So sagte sie nichts, sondern drückte das junge Weib herzlich an sich, bis dieses Plötzlich mit einem mühsamen Lächeln sagte: „Was mußt Du von mir denken? — Ich bin so nervös manchmal; — dann weine ich so schnell — ohne Grnnd-" „Weine nur, mein Kind, — Stimmungen haben wir Alle mal, über die wir uns keine Rechenschaft zu geben vermögen" — — „Nein, Tante Blümchen!" sagte die junge Frau, ihre Thränen trocknend; — „wozu soll ich versuchen, Dich zu belügen?. . . Du siehst nur doch mit Deinen klaren Augen in den Grund der Seele..." Ich habe Dich lange nicht gesehen, — so lange ich glücklich war, — oder wenigstens glücklich zu sein glaubte. . . Nun, da ich so tief unglücklich bin, da verlangt es mich wieder nach dem stillen Frieden Deines Stübchens und nach Deiner theilnahmsvollen Seele. . . Die Chanuckalichter haben mir den Weg gezeigt, denn sieh', — zu Jemandem muß man sich doch aussprechen. .. Und den Eltern kann ich's doch nicht sagen... Die Armen! Wenn sie wüßten!" „Armes Kind!" sagte Tante Blümchen. — Am Fenster erlosch knisternd ein herabgebranntes Wachslicht. Lea blickte hin. „Früher, in meinen ersten Kinderjahren, wurden bei uns zu Hause auch Chanuckalichtchen angezündet," sagte sie sinnend. „Später hat man damit aufgehört... Wir haben auch dann keine „Mazzoth" mehr an Ostern gegessen, — und als wir in die Villa übersiedelten, wurden keine „Mesusahs" mehr an die Thürpfosten genagelt... Es wäre besser für uns gewesen, wenn wir das alles beibehälten hätten ... Dann hätten wir uns immer erinnert, daß wir Juden sind, und hätten Vielleich nie den Ehrgeiz gehabt, in die vornehme christliche Gesellschaft ausgenommen zu werden; — denn dieser Ehrgeiz, Tante Blümchen, war unser Verderben." „Aber nun ist es einmal geschehen," sagte Tante Blümchen begütigend, „und Dein Mann ist gewiß lieb und gut, wenn auch manches .. "

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