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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 417 (sequence 11)
Language
German
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4l7 5663" zugeschickt worden. Sein Inhalt unterscheidet sich wenig von dem der Druckwerke ähnlicher Art. Zuerst, fast hätte ich gesagt schandenhalber das Kalendarium. Dann ein etwas unverständliches „Geleitwort", in dem viel von „Verwesung, Pöbel, Kriechern, Helden, Blutströmen, hündischen Tröstern, zerschlagenen Märtyrertheilen, muckerischen Schwachköpfen", und was dergleichen Liebenswürdigkeiten noch mehr sind, die Rede ist. Es wird in dem Kalender viel vvn jüdischen Bauern, hebräischer Sprache, russischen Bettlern, palästinenschen Eisenbahnen, Vorläufern des Zionismus, Autoemanzipation, jüdischem Theater gesprochen. Von den jüdischen Nervenkrankheiten und einem Schutzmittel gegen Sumpffieber wird in gelehrter Weise abgehandelt. Der Kalender ist mit Bildlein geziert. Deborah, Moses auf dem Awarim, Arbeiter der Kolonie Rechoboth, Drescher und Ackersleute werden uns bildlich vorgeführt. Auch der „jüdische Straßenkehrer in Litthauen" fehlt nicht. Alles schön und recht. Manches nicht allzuschön, ob ganz recht, wollen wir nicht entscheiden. Aber wenn wir wieder zu unserm Thema zurückkehren und so recht die Gegensätze im Judenthum beleuchten wollen, dann müssen wir nur einen wirklich interessanten Bries, ein vergessenes „offenes Schreiben" lesen, welches der Kalender veröffentlicht, einen Brief, im Jahre 1863, also vor nahezu 40 Jahren, gerichtet von einem der Väter des jüdischen Nationalismus an den Hauptvertreter der deutschen Reformbewegung im Judenthum, gerichtet von Moses Heß an Abraham Geiger. Moses Heß' Buch „Rom und Jerusalem" ist sicherlich ein gedankenreiches, originelles Werk, das sich zu seinem Vortheile von dem phrasendreschenden Jargon moderner jüdischer Litteraturartikel unterscheidet, indem es, allerdings in oft etwas verhüllter Sprache, bedeutende Wahrheiten auszusprechen wagt und zeigt, daß sein Verfasser den Muth hatte, einer ganzen Welt von Vorurtheilen und Lügen entgegenzutreten. Aber Abraham Geiger ist doch auch ein Mann, über de» das Judenthum nicht zur Tagesordnung übergehen kann; «in Mann, den, was in unserer Zeit viel sagen will, selbst christliche Gelehrte hoch schätzen und in ihren Werken anführen, ein Manu, der auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft bahnbrechend gewirkt hat, einer der geistvollsten und gelehrtesten Kenner unserer Geschichte; ein solcher Mann darf doch wahrlich nicht in der Weise abgethan werden, wie dies Heß in dem angeführten Briefe thut. Freilich Geiger hatte starke Worte Heß gegenüber gebraucht, er hatte von dem „Kommunistenrabbi Moses", vvn „bankerott gewordenem Schwindel" gesprochen, aber Heß bleibt ihm nichts schuldig und spricht von dem „gelehrten und geistlichen Mummenschanz treibenden Neformdoktor, der nicht nur das Kleid, sondern auch die Haut eines Pfaffen hat". Man glaubt ein sozialdemokratisches Blättchen mit seinem nicht in Rosenwasser getauchten Jargon zu lesen, wenn einem dieseWorte entgegentreten. Wir glauben, sowie Himmel und Erde einander nicht nähern, wird man auch die Gegensätze, welche uns Heß und Geiger darstellen, und die nach 40 Jahren, in unserer Zeit merkwürdig genug, uns überall im Judenthum wieder begegnen, vereinigen, ja nur versöhnen können. Die letzte Rabbinerversammlung in Frankfurt hat dies deutlich gezeigt. Vom „Mädchenhandel" war hier viel die Rede, der Zionismus durfte nicht einmal gestreift werden. Fehler hüben, Fehler drüben. Das eben ist unser Jammer. Nicht die Zerstörung Jerusalems betrauern wir, sondern die immer mehr fortschreitende Zerstörung des Judenthums. Wo ist der jüdische Harnack, der, alle Gegensätze überbrückend, uns über das wahre „Wesen des Judenthums" belehrte und uns den Weg der Rettung zeigte! Es ist ja schön, über das sittliche Moment im Judenthum zu schreiben, und wie dieses die wahre Religion der Moral und Vernunft sei, aber was soll man von allen diesen Apologeten des Judenthums sagen,welche ein „Gesetz" darin sehen, am Sabbath sich mit keinem Regenschirm zu bewaffnen. Und dann kommen wieder die Jungen. Die haben sich ganz dem sozialistischen Stil angepaßt, wettern gegen Millionäre und Pfaffen, gegen jüdische Finanzbarone und jüdische Klerikale, und heben den litthauischen jüdischen Straßenkehrer, den atheistischen jüdischen Journalisten, der ihnen irgend ein utopistisches Zukunftsstaatswesen vor die Augen zaubert, den galizischen Landarbeiter der Zukunft, der vorläufig „schnorren" geht, auf das Piedestal des Judenthums. Verworrenheit innerhalb, Verworrenheit außerhalb unserer Mauern. Ueberlassen wir doch ganz unpaffende Schimpfworte, die wir ans fremdem Lager holen, getrost den betreffenden Parteien, denen sie ganz gut anstehen. Gegensätze hat es im Judenthuin immer gegeben, wie solche das heilige Land der Väter in reicher Fülle aufweist, wozu sie noch verschärfen? Durch solche unübersteigbaren Gegensätze fiel unser Staatswesen, glaubt man ein solches aufrichten zu können, wenn man zu den alten Streitigkeiten neue schafft? Nun weiß ich, warum ich am vergangenen Tischah-be-Aw die Klagen des alten Jeremias inmitten der Pracht einer herrlich schönen Gegend mit besonderer Andacht wieder anhörte. Der alte Prophet wettert zwar gegen den Feind, der Jerusalem, die herrlichste der Städte, zur Wittwe machte, aber aus allen seinen Klagen hört man es immer und immer wieder heraus, es ist auch der „innere Feind", über den er weint, und wegen dessen er wünscht, daß „sein Auge ein Thränenquell werde, damit er beweine den tiefen, unanfrichtbaren Zusammenbruch seines Volkes". Was nützen alle die schönen, idealen Aufsätze in Kalendern und Broschüren, die Schilderungen der Jammergestalten der Russen und Polen, die erbaulichen und nicht erbaulichen im modernen sezessionistischen (also fremden) Stile gehaltenen Novellen, Skizzen und Erzählungen, die thränenreichcn Gedichte und blutdürstigen Geleitworte, was nützen alle Bildlein und alles Geschimpfe, wenn der Friede in Israel fehlt? „Darob weine ich." I^vri. Jüdische Inschristen aus hellenistischerZeit. Vo» Ernst Georgen. (7^ m Museum zu Bukarest befindet sich ein Stein mit griechischer Inschrift, die auf Vorder- und Rückseite OV wiederholt ist; oberhalb der Schriftzeilen sind je zwei nach außen geöffnete, aufwärts gerichtete Hände in Relief angebracht. Die Inschrift lautet im Originaltext und in Uebertragung folgendermaßen: 7r/'k(7rl)x, ror? 7kr.<r- M l-r r;/ rttTr/kxoxrc?? 775? 7/7,-

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