Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- Seite 416 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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416 tüchtige, theologische Bildung vor Mißgriffen und Uebereilungen geschützt sind. Die Noth der Zeit ist groß, da muß man sich zur Arbeitsteilung bekennen und nicht z. B. von einem vielgeplagten Lehrer verlangen, wozu er schon aus purer Arbeitsüberlastung keine genügende Zeit finden kann. Manche besonders strebsamen Lehrer gehen heute in Erkenntniß ihrer mangelhaften Ausrüstung für die erhöhten Forderungen der Zeit noch als Familienväter zur Universität, um sich wenigstens den philosophischen Doktorgrad zu erwerben. Der hat nun aber mit der Vermehrung jüdischen Wissens herzlich wenig zu thun, und so dient er mehr zur Vermehrung, als zur Heilung der Schäden. Wo aber nicht anerkannt tüchtige Lehrer und Prediger den Rabbiner bis zu einem gewissen Grade ersetzen, da sollte diesem der ihm zustehende Wirkungskreis eröffnet werden, damit er sich mit ungeteilten Kräften den religiösen, Interessen der Gemeinde widmen und einen Mittel- und Ausstrahlungspunkt derselben bilde. Sonst könnten die Gemeinden schließlich sagen: Besser ein orthodoxer, noch dazu von opferfreudigen Leuten in der Ferne besoldeter Rabbiner, der kraft seiner Autorisation unsere Lehre vertritt, als gar keiner. Daß die Rabbinerlosigkeit der Orthodoxie in die Hände arbeitet, beweist das benachbarte Rheinland. Da wohnen 50 000 Inden mit nur 12 Rabbinern, während z. B. Schlesien mit 47 000 Juden 20 und Westpreußen mit nur 18 000 Juden 12 Rabbiner hat. Wirklich hat sich jüngst von der orthodoxen Separatgemeinde in Köln aus, ein Verein zur Wahrung der religiösen Interessen im Rheinland gebildet, der gerade so wie der westfälische im flachen Lande und in rabbinerloseil Gemeinden Mission zu treiben versucht. Wie viel er damit erreichen wird, steht noch dahin. Jedenfalls müssen sich die Gemeindevorstände in Westfalen und anderswo die Frage vorlegen, ob sie die Auslieferung ganzer Gemeinden oder Theilgemeinden all die Orthodoxie ruhig geschehen lassen wollen. Mancher freisinnige Vorsteher glaubt vielleicht gar, der Rabbiner darf oder muß orthodox sein, oder wie man sich unübertrefflich treffend ausgedrückt zu haben meint: Der Kutscher muß nüchtern sein! Das ist aber ein kläglicher Standpunkt. Als ob ein Droschkenkutscher, der nach meiner Weisung zu fahren hat, mit einem Führer zu vergleichen wäre, der noch ein Verdienst darin sehen kann, mich rechter statt Linker Hand abzusetzen, und als ob er füralle aus der Ueberraschung sich ergebenden Folgen aufkommen könnte! Und ob die Kutsche nicht Plötzlich über dem Zanken der Insassen in Stücke geht? Oder wird der Kutscher nicht vielleicht davonfahren, die Gäste aber, wie weiland Till Eulenspiegel, freilich gegen seine Absicht, hinter sich lassen? Genug, es ist wirklich besser, wenn auch die Insassen nüchtern sind. Ohne Bild gesprochen: Wohin würden wir unter orthodoxer Führung steuern? In ein religiöses Ghetto hinein, das wir im Innern überwunden haben, und für das wir weder unsere Gebildeten, noch unsere Jugend je wieder zurückgewinnen können. Ohne unsere Schuld haben wir uns in ein neues soziales und politisches Ghetto drängen lassen; seit wir uns energisch dagegen wehren, ist es übrigens erträglicher geworden. Durch eigenes Verschulden würden wir ins religiöse Ghetto zurückkehren und damit auch die innere Freiheit verlieren. So gefährlich für unsere bürgerliche Vollemanzipation der Zionismus, wenigstens in seiner ursprünglichen polltischen Tendenz, werden konnte, so gebührlich müßte einer gedeihlichen, innerreligiösen Entwickelung der jüdische Katholizismus werden. Wer gleich uns dieser Meinung ist, wer nicht im gesehestreuenJudenthum allein, sondern eher un gesinnungstreuen Heil und Gedeihen erblickt, der begegne allen orthodoxen Aspirationen durch ein Wirken im Geiste des Fortschritts. Das duldet aber kein 1ai886ikaue, keine Gleichgiltigkeit und kein Verfallenlaffen, sondern erfordert ein Bauen, d. h. ein Erneuern des gesunden Alten, ein Veredeln des Verbesserungsfühigen und ein Durchgeistigen der nothwendigen äußeren Formen. Dazu gehören Fühlung nnt der jüdischen Wissenschaft und ihren Vertretern, Berufung der rechten Männer an die rechten Plätze und größte Aufmerksamkeit auf die wahren Bedürfnisse der Gemeinden. Dann wird der Fortschritt die Zukunft haben, und schnell, wie sie gekommen, wird die Pflanze des jüdischen Katholizismus auch wieder vergehen. 2. Brief aus Oesterreich. Mitte August 1902. s giebt kaum eiuen größere» Gegensatz als den. der sich aufdrängt, wenn wir in einem unserer Badeorte am Gedenktage der Zerstörung Jerusalems einem Gottesdienste beiwohnen, einen Gegensatz, der uns so recht Vergangenheit und Gegenwart des Judeuthums ins rechte Licht setzt. Draußen in der herrlichen Natur, vorbei an Gesundheit spendenden Quellen, in den süßduftenden Wäldern, an Seen und an der See wandeln die schön geschmückten Töchter Judas, da wird „geflirtet" und intriguirt, selbst der behäbigste Killah- Paschah vergißt hier seine Würde und läßt sich dazu herab, einem gleichfalls Gesundheit suchenden Rabbiner gnädiglich seine Cigarrentasche anzubieteu, aus welcher dieser den Glimmstengel, dieses unvermeidliche Requisit unserer Zeit, unterthänigst entnimmt, die Frau des Rosch-hakohol bemüht sich, ihre leutseligste Miene zu zeigen, kurz, Alles athmet die balsamischen Lüfte und freut sich, vorausgesetzt daß sie scheint, des Lichtes der Sonne, ein nivellirender Trieb hat sich Aller bemächtigt, und man möchte darob jauchzen, Mensch unter Menschen zu sein, - und drinnen in der oft sehr Primitiven Synagoge, mit ihren antediluvianischen Einrichtungen und verdrossen dreinschauenden Funktionären, mit ihren Besuchern, die, manchmal nur der Ueberlieferung gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, sich recht spärlich — zur Noth wurde ein Minjan zusammengebracht - eingefunden haben, und nun die Klagelieder des alten Jeremias anstimmen, und die Kinnot eines Eleasar birabbi Kalir, eines Jehuda Halevi, eines Rabbi Meir von Rotenburg, Klagelieder, welche die Zerstörung des Tempels, die Märtyrer, den Untergang unseres Staatswesens betrauern und beweinen. Es ist ein Jammer, das gestehen wir gern zu, ein Jammer, wenn wir erwägen, wie eigentlich so vieles in unserem Judenthum zur leeren Form, zum hohlen Gebrauche herabgesunken ist. Wie eng stoßen doch in diesem Raume die Gegensätze auf einander! Wie Viele oder besser gesagt wie Wenige von allen diesen, welche scheinbar herzzerreißende Klagen am Tischah-be-Aw ausstoßen wegen der Vernichtung des alten Heiligthums, siud sich dessen bewußt, welche Schwierigkeiten und Hindernisse sich der Ausrichtung eines jüdischen Staatswesens in den Weg stellen würden. Da ist mir in diesen Tagen ein von Zionisten herausgegebener „Jüdischer Volkskalender für das Jahr der Welt