Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 415

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 415 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228509--58968-3295454
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

415 ahrheit ber erst Glanze atheder werden e Aus. Zrundeigentn. Sie Chorus en Gelte ihre Das ist id Geschrillt, ou der rinfluß rgung. Kegner Aber ir be° e. Als r, als eu sie ßigen. Keine Deren. h ists, wir seines l sehr imert g da, enden oliken ragt; reiner ht ist llneu, oder Bei n zu den doch glich, ldisch sispiel i die -stellt 'einell entscheiden. Um 1892 kam dann der westfälische Gemeindeverband zu Stande, und diese Thatsache allein war ein verheißungsvolles Anzeichen des neuerwachten, jüdischen Interesses. Im Gegensatz zu ähnlichen Verbänden ging der westfälische zuerst an eine rein religiöse Aufgabe heran, an die Schaffung eines neuen, d.h.nach modernen Grundsätzenzu bearbeitenden Gebetbuchs. Die Ausführung mußte freilich einem auswärtigen Rabbiner übertragen werden; denn Rabbiner, und darin stand Westfalen allerdings allen übrigen deutschen Landestheileu nach, gab es damals in der ganzen Provinz keinen einzigen. Dr. Vogelstein von Stettin brachte den westfälischen Gemeinden nach Anhörung der Generalversammlungeil ein Gebetbuch, wie es Berlin durch Aub und Geiger, Breslau durch Joel, Glogau durch RiPPner, Hamburg durch seine Prediger längst erhalten hatten. Seitdeiil wandte sich der Verband anderen, mehr Humanitären Aufgaben zu, und seine Wirksamkeit hatte nichts Aufregendes mehr. Aber der Vorstoß auf das religiöse Gebiet hatte genügt, um ihn Allen am Alten Hängenden verhaßt zu »lachen. Obwohl das Gebetbuch Niemandem aufgedrängt wurde, und selbst die Verbandsgemeinden vollständig freie Verfügung über Einführung oder Ablehnung behielten, sah sich der Verband alsbald von Gegnern umringt, die sein Vorgehen für religivnswidrig ausschrien, lind ihm zuerst durch Gutachten gegen das Gebetbuch und anklägerische Flugblätter zu schaden suchten. Auch diese orthodoxen Gegner konnten ohne fremde Hilfe nichts ausrichten, und sahen sich nach Unterstützung um. Sie fanden sie bei der süddeutschen Orthodoxie, aber sie wußten sie — und das macht ihrer Energie alle Ehre — auch festzuhalten und auszunutzen. Während der freisinnige Rabbiner nach vollzogenem Auftrag mit Dank entlassen ward, setzte sich in Westfalen ein importirter jüdischer Katholizismus fest, der zu den sonderbarsteil Erscheinungen unseres neujüdischen Lebens gehört. In Frankfurt war's, wo ein sä live gegründeter Verein zur Wahrung der religiösen Interessen Westfalens zu Stande kam, der sich bald über die ganze Provinz verbreitete. Aehnlich, wie etwa der Dominikaner ins Land kommt, hier oder dort vorübergehend eine Niederlassung gründet, um der Kirchenzucht nachzuhelfen, den Abfall zu strafen und sich päpstlicher als der Papst aufzuspielen, so kamen die Frankfurter Sendboten ins Land, um den gefährdeten Glauben wieder aufzurichten und den Widerstand gegen freisinnige Gemeindevorstände zu organisiren. Besser sich separiren, so riefen sie den gefährdeten Minderheiten zu, als sich majorisiren zu lassen; ein Orthodoxer wiegt Zehiltausende von Liberalen ans, er hat im Grunde alleinigen Anspruch auf den Namen Jude und kann daher im Gemeindeleben die höchste Berücksichtigung fordern. Und zum Schluß präsentirten sie den Gläubigen einen orthodoxen Rabbiner, gleichsam als sichtbares Oberhaupt, der sie in allen großen und kleinen (ost sehr minutiösen) Dingen unterweisen würde. Jetzt galt es nur noch den rechten Hauptplatz für die neue Thätigkeit des Rabbiners zu finden, und bald war auch das geschehen. Schon rüstete man sich in dem kleinen Landstädtchen, dessen Name kein Heldenbuch nennt, zum Empfang des Rabbiners, schon war die Jugend in höchster Spannung, weil sie solch einen Mann noch niemals gesehen, die Frauen wurden ängstlich angesichts des streng rituell geschlichteten Fleisches, das von auswärts für den Rabbiner ankam und die eigene, bis dahin nnbezweifelt fromme Küche verdächtig machte, schon hofften die Großväter freudig auf die Wiederbelebung ihrer frühesten Kindheitserinnerungen, da kam es mit einem Male anders. Die höheren Organe in Frankfurt hatten inzwischen Marburg zur Wartburg der Religionsunfreiheit erkoren, lind dorthin zog der Rabbiner wirklich. Er kam wohl, aber er sah nicht, und er siegte nicht- Er sah nicht, daß ihm ein großer Theil seiner Gemeinde immer fremd gegenüberstehen und sich dem Gotteshause noch mehr als früher entfremden würde; daß er die Kinder im Gegensatz zu den Eltern und den Lehrer im Gegensatz zu den Schülern bringen müßte; er sah nicht einmal, daß das Für und Wider der Parteien, das mit ihm eingezogen war, sogar Privatfeindschasten im Gefolge haben müßte. Und er siegte nicht — nicht einmal bei seinen Anhängern; denn diese erkannten immer deutlicher, daß ihre schlichte Frömmigkeit mit all dem Eifern und Schelten nichts zu thun habe. — Nicht besser stand es mit der Wirksamkeit im flachen Lande. Er machte weite Inspektionsreisen zu den Synagogen und Schulen, ungebetene Besuche in den Schlacht- und Badehäusern, und vielleicht ist wirklich hier und da ein nicht ordnungsmäßig geprüfter Schochet wieder an seine Pflicht gemahnt worden. Er selber wird sich sicher in dem gottlosen Westfalen wie im zwiefachen „Golus" vorgekommen sein, und am meisten wird ihn die ablehnende Haltung aller irgendwie bedeutenderen Städte gekränkt haben, darunter Gelsenkirchen, wo ihn Freunde mit heißem Bemühen einzuführen trachteten. Schneller, als man gedacht, kam die Abberufung nach Frankfurt an eine Lehrstätte, und Westfalen hatte seinen ersten Parteirabbiner verloren. Inzwischen ist ihm ein Nachfolger erstanden, der seinen Amtssitz nach Recklinghausen im Münsterlande verlegt hat. Dort sollen bessere Vorbedingungen für ein gedeihliches Wirken des frommen Herrn vorhanden sein, und nur wünschen von Herzen, daß er sie ausnütze. Möge er seine Abhängigkeit von Frankfurt möglichst lose gestalten und sich streng auf seinen Amtssitz beschränken, wie es nun einmal in Altpreußen Sitte ist. Die Gemeinden aber, und besonders die Vorstände in Westfalen, werden gut daran thun, den Katholizismus in ihrer Provinz auch von einer anderen als von der heiteren Seite anfzufassen. Es klingt ja sehr zuversichtlich, wenn sie sagen: An größere Gemeinden wagt er sich gar nicht heran. Aber es kann ihnen nicht wohl geworden sein bei der Frage: Was haben wir an positivem Judenthum jener Orthodoxie entgegenzusetzen? Um nur ein Beispiel zu erwähnen: der orthodoxe Rabbiner konnte in ganz Westfalen nicht koscher speisen, bis er nicht seinen eigenen Schochet approbirt und ein rituelles Gasthaus in der Großstadt Dortmund eingerichtet hatte. Das letztere aber, das sagen auch Nichtorthodoxe, war ein Bedürfniß und eine Wohlthat besonders für die vielen, aus allen Weltgegendeu durchreisenden Fremden. Es darf eben kein westfälisches Judenthum geben, sondern die westfälischen Gemeinden müssen geradeso wie alle anderen die Schechita als als öffentliches Institut anerkennen und unter sachgemäßer Kontrole stellen. Dazu wie zu so manchem anderen religiösen Institut gehören aber Rabbiner, und die Gemeinden dürfen sich nicht ans kleinlichen, finanziellen Bedenken darum drücken, solche nach und nach anzustellen. Das müssen Männer sein, die einem besonnenen Fortschritt huldigen, d. h. Ehrfurcht vor dem Hergebrachten, aber auch Verständniß für die Forderungen der Gegenwart haben, und vor allem durch eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.