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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 414 (sequence 8)
Language
German
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414 um nichts Geringeres als um Weltanschauungen in diesem Kampfe. Indessen haben wir ja schon gesehen, daß unserem Zeitalter die geistige Gesinnung für die ästhetische Behandlung der Religionen fehlt, wie sie bis zu einem gewissen Grade im 16. Jahrhundert vorhanden war. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als mit kleinen ästhetischen Mitteln uns zu behelfen und vor allein sichere Fehler zu vermeiden. Ein solcher aber ist es, dem Gegner sein Relief zu erhöhen. Ein großer Gelehrter kann natürlich viele kleine oder auch große Fehler- Haben; aber in plumper und dreister Selbstüberhebung ein schwieriges, eingewurzeltes, tiefernstes Problem anfassen und auf offenem Markte abschlachten, das ist nicht die Art eines wahrhaften Gelehrten. Wer so verfährt, der setzt sich selbst in den Verdacht, außerhalb der feinen, scharfen Grenzlinie zu stehen, die den Gelehrten von dem schnellfertigen Tagesschriftsteller abtrennt — und er fordert daher die Frage heraus, ob er überhaupt und wie weit als Gelehrter sich bewährt habe. So kommt zwar der Humor noch lange ,licht zu Tage, aber es kann doch einen Spaß geben, der mehr bedeutet als eine Lustbarkeit der Nächstbetheiligten. Es mag sein, daß es der Satire allein gelingen kann, das rechte Konterfei von einem Denker dieses Schlages zu entwerfen, der die Miene eines nationalen Stimmführers annimmt, ohne in irgend einer Sache ein Sachverständiger nnd ein ernsthafter Fachmann zu sein. Aus solcher Kritik zieht die Allgemeinheit ihren Vortheil. Falsche Größen werden entlarvt, und die Behutsamkeit und die Gewissenhaftigkeit der Journalistik wird verbessert. Aber zunächst erwächst uns, den maßlos und schamlos Angegriffenen, Vortheil und Hilfe daraus. Und diese Hilfe ist von einer ästhetischen Art, welche dem Humor verwandt ist. Wenn man sich erst jene Methode einer falschen Objektivität abgewöhnt haben wird, dann wird man sich unseren Gegnern gegenüber von dem Gedanken leiten lassen, daß große Menschen große Herzen in sich tragen, und daß ein großes Herz vor allen» für Gerechtigkeit und Humanität glüht, und daß es sich von diesen ewigen Leitsternen auch durch den wie immer edlen und fruchtbaren Gesichtspunkt der Nationalität nicht ablenken lassen kann. Die Nationalität ist ein Weg zum Kulturstaat, oder aber sie ist ein Stichwort, mit dem die Romantik ihr Blendwerk treibt, mit dem sie den Staat in seinen Grundlagen zerstört. Große Herzen lassen sich nicht zum Nationalismus verrenken. Wenn daher ein Schriftsteller die Kollision mit den Grundlagen der Humanität nicht scheut, wenn er in gelehrtem Halbwissen wissenschaftliche Verleumdungen ausstreut, Kränkung und Schimpf über seine Kulturgenossen bringt, die an der Kultur seines Vaterlandes einen redlichen, unverächtlichen Antheil haben, wenn er sie in Zweideutigkeiten, die ärger sind als Gift und Dolch, dem Haß und der Verfolgung preisgiebt, dann wird die Voraussetzung hinfällig, daß der Gegner eine literarische Größe sei. Und in dieser Einsicht liegt ein Trost, auch rein menschlich; aber unseren jüdischen Blättern insbesondere wird er ein anderes Ansehen geben. Dieser Trost ist ein Ersatz des Humors, und ein besserer als der Witz. Wenn wir auch nicht hoffen dürfen, daß der Betrübnis; und der Entrüstung über jene ungerechten Angriffe damit schlechterdings ein Ende gemacht würde, so werden wir doch allmälig lernen, zwischendurch zu lächeln, wenn in immer wieder neuen Auslagen das Näthsel unseres Daseins und Fortbestandes aufgeworfen wird. Große Menschen haben noch immer Respekt bezeugt vor dieser weltgeschichtlichen Existenz ohne Gleichen. Für die falschen Propheten freilich giebt es keine Wahrheit und kein weltgeschichtliches Recht. Erkennen wir sie aber erst als falsche Publizisten, lassen wir uns voll ihrem falschen Glanze nicht blenden, auch wenn sie Jahrzehnte lang das Katheder oder die Bühne oder den Büchermarkt beherrschen, so werden wir einen leichteren Kampf mit ihnen führen. Unsere Auseinandersetzung mit ihnen wird alsdann aus der Grundstimmung heraus erfolgen, daß wir es in höherem und eigentlichem Sinne gar nicht mit Individuen zu thun haben. Sie sind nicht die Helden des Dramas, sondern lediglich der Chorus in seiner ganzen Unselbständigkeit und wetterwendischen Gefügigkeit. Je lauter sie sprechen, und je vordringlicher sie ihre Stimme abgebcn, desto schneller verfliegt ihr Wort. Das ist der höhere Spaß im Weltgetriebe, daß alles Unklare und Gemeine zwar eine gewaltthätige Wirksamkeit auszuüben scheint, daß es aber durch die Gesellschaft und die Komplikation der gemeinschädlichen Motive sich selbst vereitelt und seinen Einfluß aufhebt. Bleiben wir nur fest in der geschichtlichen Ueberzeugung, daß wir eine gute, eine ewige Sache vertreten. Unsere Gegner müssen diese unsere Einsicht nicht auch selbst besitzen. Aber wenn sie uns als Nichtsnutzige in der modernen Kultur behandeln. so sind sie kurzsichtige, unreife, verirrte Subjekte. Als solche müssen wir von und zu ihnen reden, nicht aber, als wären sie Männer von Werth und Gewicht. Wir wollen sie nach dem Verdienste behandeln, dessen wir uns befleißigen, damit sie dem Schicksal des ihrigen entgehen. Kein Frieden, sagt der Prophet, mit den Bösen. Keine falsche, gekünstelte litterarische Hochachtung vor den Verleumdern unseres weltgeschichtlichen Berufes. Jüdischer Katholizismus in Westfalen. olamen miseriZ, bnbuisso matoriim, Tröstlich ists, Genossen im Unglück zu haben. Da glauben wir immer, nur der Jude schäme sich gelegentlich seines Religionsbekenntnisses. Aber auch der Katholik ist oft sehr peinvoll davon berührt, wenn er an seine Konfession erinnert wird, und diese steht doch sicher achtunggebietend genug da. Man kann es besonders in gemischt-konfessionellen Gegenden täglich erfahren, daß sonst gute, überzeugungstreue Katholiken fast beleidigt sind, wenn man sie nach ihrem Glauben fragt; offenbar, weil ihnen manches mißfällt, was nach allgemeiner Ansicht unlösbar mit demselben verbunden ist. Vielleicht ist das der Dogmenzwang, die Bevormundung des Einzelnen, vielleicht auch der Gegensatz zur strengen Wissenschaft, oder das ausgebreitete Ordenswesen. Was hat das nun mit dem Judenthum zu thun? Bei uns giebt es keinen Gewissenszwang; einen freien, Vielen zu freien Wissenschaftsbetrieb, keinen Orden, es sei denn den harmlosesten der Welt, den der Bnei Beriß. Und doch wird vielen Juden bei gewissen Erscheinungen unbehaglich, die man als jüdisch ausgiebt, und die doch ganz unjüdisch und eher katholisch sind. Westfalen giebt ein gutes Beispiel dafür. Dort mag es in den 70 er und 80 er Jahren um die religiösen Angelegenheiten in mancher Hinsicht übet bestellt gewesen sein, ob aber schlechter als wo anders, kann Keines

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