Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
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Sind es denn etwa Menschen von wirklicher Bedeutung, die es sich herausnehmen, uns zurechtzuweisen und abzustrafen, und die die Politischen Völker ob unseres Daseins und Wirkens zu berathen für ihre Aufgabe halten — sind es wahrhafte Menschen von wissenschaftlicher oder künstlerischer Bedeutung? Oder aber lassen sie »uch in ihren eigenen Leistungen den Leichtsinn und den Uebermuth, die Oberflächlichkeit und die Ungewissenhaftigkeit als den Charakterzug erkennen, mit dem sie sich zu Weltcichtern gegen das Glaubensvolk der Weltgeschichte aufwerfen? Dieses litterarische Rezept möchte ich daher unseren Schriftstellern verschreiben: daß sie, so oft ein neuer Haman gegen uns auftritt, nicht zuerst aus die Nangstellung sehen mögen, die er im öffentlichen Leben eiunimmt, sondern nach dem wirklichen Werthe umsichtig und bedächtig sich erkundigen, auf den ein solcher Gelehrter oder Künstler pochen darf. Unbefangenste Genauigkeit und möglichste Fernhaltung von konventioneller Leichtgläubigkeit ist dabei empsehlenswerth. Es ist nicht alles Gold, was selbst in den höchsten Stellen glänzt. Man wende sich für solche Fragen an sehr zuverlässige Auskiinstsbüreaus. Auch ein wenig Verdacht ist dabei gar nicht oom Uebel. Man darf doch wohl getrost der Meinung Raum geben, daß z. B. die Humanitätsidee kein leerer Wahn sein uinne, es müßte denn auch eine allgemein giltige Sittlichkeit in solcher sein, und daß daher ein Mann von einem wahrhaft üefen Geiste sie nicht vorlaut zu verletzen sich anschicken werde. Man braucht auch den Gedanken nicht zurückzuweisen, daß die Frage der drei Ringe einen Markstein in der Geistesgeschichte es deutschen Volkes bildet. Und sollte man nicht auch be- 'enken dürfen, daß jeder beachtenswerthe Schriftsteller von oer Selbstkritik Notiz nehmen werde, welche heutzutage eine jede Konfession an sich zu üben beflissen ist, und zu der sie vollends durch den Kampf der Gegensätze aufgefordert wird? Oder steht es etwa anders um die Gesittung, wie sie sich in den verschiedenen Bevölkerungsschichten öffentlich darstellt? Fehlt es, nach dem Wort des deutschen Dichters, zum Verführen twa an getauften Stieren? Kann ein Schriftsteller von Saft und Kraft in solchen Fragen Blindekuh spielen wollen? Es trifft sich gut zusammen, daß in der Entwickelung des Antisemitismus die Rassenfrage in einer scheinbar wissenchastlichen Form die Führung übernommen hat. Aber gerade hier kann und muß die Prüfung der wissenschaftlichen Qualität den Wegweiser bilden. Der wissenschaftliche Anthropologe denkt bekanntlich anders über den Begriff der Rasse als der Publizist, der die Kultur und die Kunst aus dem Horizont von Bayreuth betrachtet. Endlich die Nationalität. Sie war der Gegenstand des politischen Enthusiasmus in der Blüthe des 19. Jahrhunderts. Sie ist himmelweit verschieden von dem Nationalismus, der mit dem Universalmonarchismus des absterbenden jesuitischen Mittelalters geistesverwandt ist. Man lerne nur erst jeden Antisemiten auf seine Unverdächtigkeit prüfen in Bezug auf die lebendigeil und fruchtbaren Ausgaben, Ziele und Mittel der wahrhaften Kultur und des Fortschritts der Menschheit. Jede Unklarheit in diesem Herzpunkte entlarvt den kleinen und den'gemeinen Schriftsteller, auch wenn er lange Zeit hindurch die zerstreute Lesewelt gefangen hält. Man gestatte sich keine kleinste Gleichgiltigkeit in dieser entscheidenden Rücksicht bei dem Gefecht mit einem solchen Goliath. Dieser tiefste Werth eines Schriftstellers, seine direkte oder indirekte Einwirkung auf die Grundrichtung der humanen Kultur, ist nun aber bekanntlich nicht ganz leicht zu ergründen; die größten Zeitungen gehen dabei, besonders unter dem Strich, ganz harmlos in die Falle. Und doch besteht darin eigentlich der historische Werth eines Schriftstellers, zumal auch das Talent selbst innerlichst mit dieser seiner Kulturtendenz zusammenhängt. Gewöhnlich gehen erst der nachfolgenden Generation darüber die richtigen Lichter auf. Freilich spiegelt sich diese historische Tendenz eines Schriftstellers auch in seiner ganzen sittlichen Haltung, in der Geradheit und Bestimmtheit seines Urtheils wie in der Besonnenheit und Ruhe seiner Ueberlegungen. Aber auch da giebt es mancherlei Masken für den falschen Propheten. Man kann in einem Athem ja ja und nein nein sagen und erregt damit den Schein kühler Objektivität. Soll denn aber oder darf die Objektivität kühl sein? Soll sie nicht vielmehr von den Strahlen der Gerechtigkeit und der Billigkeit erwärmt sein, und daher der Reflex der erleuchteten Persönlichkeit sein? Was thun wir nun aber gegen unsere Gegner, die uns aus ihrer Selbstgerechtigkeit heraus richten wollen? Wie fangen wir es an, das Falsche, das Gleißende, das Verderbliche, weil in der Richtung Verkehrte, an ihnen zu erkennen? Fern bleibe der litterarische« Kritik jede ausdrückliche, geschweige versteckte Anspielung auf die persönlichen Verhältnisse. Der Schriftsteller muß stets hinter sein Werk zurücktreten, und in diesem Hintergründe allein soll ihn auch der Kritiker betrachten. Besonders in religiösen Dingen ist diese Zurückhaltung geboten. Je vornehmer sie geübt wird, desto größer wird der Spielraum für eine stilvolle litterarische Bekämpfung. Es giebt nichts Geschmackloseres, als das Verfahren ist, dessen man sich unter uns bisweilen bedient hat, den Werth eines Schriftstellers, eines Gelehrten, einer öffentlichen Persönlichkeit überhaupt nach dem Grade seiner Judenfreundlichkeit zu. bemessen. Wohl wissen wir und können es begreifen und dulden, daß bei der allgemeinen Tendenz, die der menschliche Geist zur Verallgemeinerung hat, auch dem Größten und dem Würdigsten ein unbedachtes Wort und ein hartes Urtheil über uns entschlüpfen kann. In solcher Pedanterie dürfen wir die Jndenfrage nicht als das centrale Motiv des Kulturmenschen ansehen. Ein Anderes aber ist es, wenn Jemand das Strafgericht über uns sich zu seiner Aufgabe macht. Da giebt es nichts Abgeschmackteres und nichts Vergeblicheres, als die Manier ist, welche allgemein beliebt und bevorzugt wird: daß man nämlich eine fälschliche Objektivität sich anheuchelt, und um diese dem Leser zu produziren, den Gegner zuvörderst in einen Helden idealisirt, an dem nur zu bedauern sei, daß ihn diese kleinen Flecken verunzieren. Das ist eine falsche Sentimentalität. Und ihr gegenüber wäre der Humor ein wahrer Segen. Mau könnte nun aber glauben, wenn man den antisemitischen Schriftsteller auf seine Kulturkrast zu prüfen hat, daß dann der Humor sich anwenden ließe; denn der Humor ist die Satire der Weltanschauung. Und es handelt sich wahrlich