Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- Seite 412 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Ueber die Utterarische Behandlung unserer Gegner. Von Prof. Dr. Hermann Cohen. nsere Gegner sind unsere Feinde. Wenn irgendwo der Begriff des Feindes außerhalb des erklärten Kriegszustandes zutrifft, so ist es leider hier der Fall. Denn mehr noch als im Kriege zielt der Kampf hier auf die Vernichtung ab, auf die Vernichtung unserer Eigenart, welche in unserer Religion besteht und Bestand haben soll. Nicht die Grausamkeit der Kriegführung oder die Milde der Gegnerschaft entscheidet über den Begriff des Feindes, sondern allein das Ziel des Kampfes. Dieses aber ist hier im letzten Grunde die Ueberwindnng, die Auflösung, also die Vernichtung der jüdischen Religion. Man könnte bei unserer Ueberschrift denken: Gegner sind Feinde. Also tritt das Gebot der Feindesliebe in Kraft. Indessen jede Art des menschlichen Verkehrs hat ihre eigenen Verkehrsmittel, ihre eigene Rüstung und ihre eigenen Waffen. Für die Verkehrswege der Litteratnr würde die Feindesliebe eine sehr schwierige stilistische Aufgabe bedeuten. Der Stachel der Satire würde dabei außer Kraft gesetzt, das Gift des Spottes und des Hohns verpönt werden: womit soll man dann aber die Rede salzen? Es kann als ein stilistisches Glück bezeichnet werden, daß Humor in der Weltliteratur aufgetaucht ist, allerdings nur selten, denn er ist eine köstliche Gabe, die nur den seltenen Geistern eigen ist. Wäre denn aber der Humor in der literarischen Gegenwehr gegen die Feinde unseres Glaubens und unseres Stammes überhaupt angebracht? Man könnte sich versucht fühlen, unseren Grundtext von der Feindesliebe also anfzufassen: „Wenn du den Esel, deinen Feind, unter seiner Last, nämlich seiner Gelehrsamkeit oder seiner schriftstellerischen Prophetie (dw,2), verfallen siehst, und du wolltest ihn ignoriren — nein, verlassen sollst du dein eigenes Wesen, um mit ihm zu gehen!" Das ungefähr wäre der Humor der Feindesliebe, wie er den Gelehrten und Publizisten gegenüber, die zu allen Zeiten die Mission Bileams auf sich nehmen, anzustimmen wäre. Es wäre aber eine schwierige Frage des Stils, ob dieser Humor sich rein durchführen ließe, ob er nicht unrettbar aus der Rolle fallen und in die Satire übergehen müßte. Und es wäre noch tiefer zu fragen, ob er überhaupt an diesem Stoffe der Religion angemessen und angreifbar sei. Ist denn unser Zeitalter schon reis dafür, daß man ihm im Stile einer künstlerischen Ironie es ausführen dürfte: Ja, liebet nur eure Feinde, erkennt in ihnen eure wahren Lehrer und Führer an. Sie lieben euch ja! Ihnen thut es leid, daß ihr zerstreut und einsam unter den Völkern lebet. Es ist ihre intimste Sorge und ihr innigstes Verlangen, euch in sich aufzunehmen, gänzlich aufzusaugen. Sperrt euch doch nicht gegen solche höchste Nächstenliebe. Verharret doch nicht bei eurer alten Starrköpfigkeit in eurem Separatismus und in dem Dünkel eurer Auserwähltheit. Heget doch nicht immerfort das Mißtrauen und den Argwohn, als ob der Arm, der sich euch gegenüber erhebt, euch Niederschlagen oder in der Umarmung euch erdrücken wollte. Es sind ja die Arme der Liebe, die sich euch entgegenstrecken, um euch in die allgemeine, in die eigene Gesammtheit anfzunehmen, mit der Gemeinschaft der Weltreligion euch zu vereinigen." Sind die Gebildeten unserer Zeit etwa reif für eine solche Sprache, wenn ein Künstler seine Zauber in ihr entfalten würde? Erkennt man etwa die Schwierigkeit, die in dem Begrisj der christlichen Nächstenliebe enthalten ist, insofern sie in der ernsthaften Bedeutung den Glaubell an die Erlösung durch Christus zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Kennt man ferner etwa und durchschaut den Doppelsinn im Worte Weltreligion? Und hat die moderne Welt etwa den richtigen Begriff oder auch nur das wahrhaftige Gefühl von Menschenliebe, deren echte Wurzel die strenge, lautere Gerechtigkeit ist? Hat das Zeitalter etwa, haben auch nur die Gelehrten, geschweige die Gebildeten, denjenigen Begriff des Staates, der dem Begriff des Menschenthums nicht widerstreitet? Und besteht etwa ein friedlicher Einklang zwischen den Begriffen Volk und Staat und den Begriffen Religion und Staat überall sonst, wenn nur wir nicht auf der Welt wären? Jeder Tag und jede Zeitung des Tages verkündet das Gegelltheil. Aber nirgends oder nur sehr vereinsamt klingt durch all das Toben und alle die Verwirrung der Tageskämpfe eill stilles Friedensglöcklein hindurch, welches von dem Wehen eines sittlichen Geistes und einer ewigen Wahrheit bewegt wird. Zu solcher Unreife und Unmündigkeit eines verirrten und dabei gewaltthätig aufgeregten Zeitalters pahl nicht der Humor, der die höchste Stufe künstlerischer Freiheit bildet. Daher wäre es auch nur ästhetische Frivolität, wenn man ihn erkünsteln wollte. Auf einen groben Klotz gehört em grober Keil. Und wenn man mir nicht nur den Mantel, sondern auch den Nock zugleich nehmen will, so hätte ich nichts mehr zu vergeben, auch wenn ich den Frevler zu weiterem Raube durch Scheingeschenke in Versuchung führen dürfte. Aber unsere Feinde wollen in der That uns mehr nehmen als nur den Mantel und den Rock: sie wollen uns von aller materiellen, geistigen und sittlichen Kraft entblößen. Sie häufen Schimpf und Schande über uns. Und Niemand steht unter ihnen selbst auf, der mit gewaltiger Strafrede sie niederschlüge, der als Schande und Schmach des eigenen Volkes und des eigenen Landes sie brandmarkte, mit einem unauslösch lichen Kainszeichen in einer wahrhaft vaterländischen Gesinnung sie kennzeichuete, zur Warnung des Zeitalters und zu einem Gedächtniß für alle künftigen. Wie sollen wir da in der litterarischen Abwehr den Humor suchen, geschweige finden, der nur da wirksam werden und entstehen kann, wo die geistige Gesinnung die ästhetische Resonanz bildet. Indessen haben doch auch die Stile ihre Spielarten. Und es ist ja wohl keine Frage, daß der Witz eine Spielart ebensowohl des Humors wie der Satire ist. Und es ist wohl auch keine Frage, daß der jüdische Witz aus der Noth des jüdischen Daseins sich entrungen hat als eine Mischling der Empörung und der Betrübniß, über der doch immer das Triumphgefühl des ewigen Juden gelagert blieb. Dieser Witz tröstet uns auch heute noch, wenn wir unter uns sind, — vielleicht mehr, als es gut und nützlich ist. Denn wir haben keine Zeit zur behaglichen Verdauung; wir müssen nothgedrungeu Pathetisch bleiben, wie ungemüthlich immer dieser ästhetische Zustand im Privatleben ist. Und in der Litteratur, auch in der Tageslitteratur, paßt der Witz doch eigentlich nur für den Mächtigen. Er wird darum auch beachtet und verfolgt, weil er ein unverächtliches Symptom der Macht ist. Für eine Politisch ohnmächtige Partei aber ist es geschmacklos, Witze zu machen. Sie muß in ihrer litterarischen Gegenwehr ernsthaft bleiben.