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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-29 · Heft 35 (29.8.1902) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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410 gehört hat, der wird uns darin recht geben, daß es sich in den in Frage kommenden Wortspielen und Bildern aus Bauernmund nicht um spezifischen Jndenspott, sondern um eine satirische Behandlung des Käufmannsstandes handelt. Der antisemitische Agitator behauptet gern das Gegentheil, weil es in seinen Kram paßt. Kulturgeschichte und Volkspsychologie sind aber aufrichtigere Richter als jene. Aber der Jude ist dem Bauern bei den scheinbar antisemitischen, aber in Wirklichkeit antikaufmännischen, boshaften Witzen, nicht nur in seiner Eigenschaft als Avantgarde des Handelsstandes Zielscheibe der Satire, sondern auch Mittel zum Gewand seiner Figuren. Gerade im Osten der deutschen Heimath giebt es eine auf einem niedrigen Bildungsniveau stehende Klasse jüdischer Kleinhändler, die Jedem, der in sich ein Stück vom dichterisch schaffenden Künstler fühlt, interessant sein muß. Man bezeichnet sie in Oftelbien kurz als Sackjuden. Ihre Heimath liegt aber meistens außerhalb der deutschen Reichsgrenzen. Sie stehen dein gebildeten Juden genau so fern wie der Buschmann dein Kulturenropüer. Vertreter des Handelsstandes sind sie aber auch, und darum verwebt der Bauer ihre vielen und hervorstechenden Absonderheiten mit Vorliebe zur Karikatur des Handelsstandes, wie ein echter Künstler, der niemals den sprödesten Stoff zur Gestaltung wählt. In diese Kerbe versteht der geschäftskluge Antisemit zu schlagen, wenn er seine Agitationsreisen auf das platte Land ausdehnt. An augenblicklichen Erfolgen fehlt es nicht, weil sich im bäuerlichen Zuhörerkreis gleich gestimmte Saiten zu regen beginnen. Der Weg bis zur Wahlurne ist aber noch mit anderen Steinen als mit antisemitischen Mätzchen gepflastert. Die Zahl der ländlichen antisemitischen Wählerstimmen steht in keinem Nerhältniß zur Hurrahstimmung des Agitationsabends. Derselbe Bauer, der heute Abend ein Herz und eine Seele mit dem antisemitischen Redner zu sein scheint, schließt morgen — eiri neues Geschäft mit dem jüdischen Kaufmann ab, weil die Geschäfte der Verstand macht. Der Verstandesbauer schlägt dem Dichterb aner und damit der antisemitischen Parteisache ein Schnippchen, und Ersterer erzählt dem jüdischen Händler wohl in ehrlicher Laune, einen wie spaßigen Abend sie, die Dichter, wenn er es natürlich auch nicht so ausspricht, gestern gehabt, und wie „dicke" sie, die Juden, es von dem N. N. aus F. bekommen hätten. Das ist billiger als Theaterbesuch. Und den Dichter und Denker in sich weiß der Bauer schon seit altersher auseinanderzuhalten. Die Prediger verfolgt er beispielsweise auch mit seinem ganzen Spott, und die schlimmsten Sprichwörter von der Priesterhabsucht sind auf Bauernland gewachsen, gerade als wäre der Bauer der schlimmste Kirchen- und Neligionsfeind. Und dennoch hält er sich die Theologie gern zum Freunde, wie jeder Kenner ländlicher Verhältnisse zugeben muß. Prediger und Handelsleute finden in gleicher Verdammnis; vor dem Bauerndichter wenig Gnade, vor dem Instinkt des rechnenden Bauernverstandes desto mehr. . . Eine Quelle des Bauernantisemitismus ist hier ohne Zweifel mit psychologischer Klarheit aufgedeckt, aber es scheint uns, als ob diese Strömung auch noch andere Zuflüsse habe, die weniger harmlos sind wie jene Quelle, und deren tiefe Wirkung zu unterschätzen ein mehr als verhängnißvoller Fehler wäre. Me Woche. Berlin, 26. August. s ist jetzt wieder viel die Rede von einem deutschrussischen Handelsvertrag, wegen dessen Graf Bülow und Graf Lambsdorff bereits Vorbesprechungen gehabt haben. Man wird es begreiflich finden, wenn wir in dieser Zeit der Jnteressenpolitik dabei auch einmal an unsere eigenen Interessen denken. Wir meinen natürlich die Schwierigkeiten, die deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens noch immer mit der Erlangung von Pässen für die Reise nach Rußland und mit dem Aufenthalt im Lande selbst haben. Es ist thöricht zu sagen, das sei eine innerpölitische Angelegenheit jedes Landes, und keines werde sich bei einer solchen von dem anderen dreinreden lassen. Dasselbe könnte man bei jedem Paragraph eines Handelsvertrages sagen. Aber wir glauben, daß es Zeit wäre, jetzt schon an eine Intervention beim Reichskanzler zu denken, der sicher den berechtigten Wünschen der jüdischen Staatsbürger in Deutschland nach dieser Richtung hin das Wort reden würde. Bei Abschluß des ersten Handelsvertrages ist die Intervention des „Centralvereins deutscher I Staatsbürger jüdischen Glaubens" darum vergeblich gewesen, weil man russischerseits den ausdrücklichen selbstherrlichen Willen des früheren Zaren gegen die Juden ins Feld führte. Eine solche Ausrede würde heute gewiß nicht am Platze sein und auch nicht gewagt werden. Darum scheint uns eine rechtzeitige Intervention gegenwärtig keineswegs aussichtslos. 4 Daß sie aber auch nothwendig, lehrt uns ein Vorfall, der bisher noch nicht bekannt geworden ist. Im September d. I. findet ein juristischer Kongreß in Petersburg statt. Der bekannte Rechtslehrer Franz v. Lißt, der au der Spitze steht, wandte sich rechtzeitig an das Petersburger Lokalkomitee, in dem sehr einflußreiche russische Staatsmänner sitzen, bezüglich der Pässe für die jüdischen Juristen, die aus Deutschland zu dem Kongreß kommen wollten. Nach längerer Zeit erhielt er die Mittheilung, daß es gelungen sei, die Neiseerlaubniß für die jüdischen Mitglieder des Kongresses zu erwirken, aber nur für Petersburg und Moskau, und nur für sie selbst, nicht für ihre Frauen. Wie uns berichtet wird, hat man sich deutscherseis mit dieser gütigen Erlaubniß nicht begnügt, und in der That schließlich für alle Theilnehmer des Kongresses, auch für die jüdischen, die Zusicherung der Neiseerlaubniß für das ganze russische Reich erwirkt. Man sieht also, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg — selbst in Rußland! 4 Ueber eine Affäre, die man als ein Seitenstück zu dem großen Konflikt zwischen der bayerischen Regierung und dem Centrum betrachten kann, wird dem „Berliner Tageblatt" aus München geschrieben: „Das Centrum Hot bekanntlich außer den Kunstforderungen auch eine Reihe von wissenschaftlichen Forderungen gestrichen, darunter auch mehrere neue Professuren. Für eine derselben, die für jlavische Philologie, wurde von liberaler Seite, nachdem das Centrurn von ihm nichts wissen wollte, eine außerordentliche für mittelalterliches Latein vorgeschlagen, zumal der in Frage kommende Herr, eine erste Kraft in seinem Fache, schon mehrfach auch von der Universität vorgeschlagen worden und bei seiner langjährigen erfolgreichen, opferfreudigen Thätigkeit in München auch schon längst Berücksichtigung fordern durfte. Es lst der Titularprofessor Dr.Traube, bekanntlich ein Berliner

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