Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Ur. 35. Allgemeine Berlin. 29. August 1902. eitung des Zu-eiühums. Mn unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner D* Ludwig Phttippson-Konn. Verlags-Crpedition: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition find an die Adresse- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I Jerusalemer Straße48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.! Inhalt. Leitartikel: Der Bauern-AntisemitiSmus. — Die Woche. — Ueber die litterarische Behandlung unserer Gegner. Von Professor Dr. Hermann Cohen. -- Jüdischer Katholizismus in Westfalen. — Brief aus Oesterreich — Jüdische Inschriften aus hellenistischer Zeit. Von Ernst Georgen. — Feuilleton: Jrrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. XI. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Rawitsch, Jnowrazlaw, Ahlem, Bremen, Grünstadt, Darmstadt, München, Wien, Paris, Cincinnati. — Bon Nah und Fern. — Sprechfaul. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Der Bauern-Antisemitismus. Berlin, 27. August. Sommerreisen und während ihres Landaufenthaltes LlstM haben sich ohne Zweifel Viele, denen die Sache nahe- ""o geht, mit der Frage beschäftigt, woher denn eigentlich der Antisemitismus stamme, den die Bauern in verschiedenen Landestheilen gegenwärtig mehr als früher zur Schau tragen. Die „Mittheilnngen zur Abwehr des Antisemitismus" erhalten darüber aus einem ostelbischen Kreise eine lesenswerthe Studie der ländlichen Bevölkerung, die, ohne den Anspruch zu erhebe«, damit ein allgemein giltiges Urtheil abgeben zu wollen, doch einen interessanten Einblick in die Psyche gewisser Schichten der bäuerlichen Bevölkerung gewährt. Der Aufsatz geht davon aus, daß ein Theil der antisemitischen Agitatoren die Gabe naturalistischer Färbung ihrer Phantasieprodukte besitze. Die Parteipresse steht ihnen darin nicht nach. Nun ist aber ein großer Prozentsatz des deutschen Volkes in seiner politischen Bildung zu wenig gesichert, um die Phrase von dem Kern unterscheiden zu können. Derbe äußere Mittel verfangen bei der Masse mehr als trocken und überzeugend vorgetragene Thatsachen. Eine politische Agitation dieser Art könnte man sehr wohl das antisemitische Gauklerspiel in der Politik nennen, bei dem die bis in das Extrem verzerrte Derbheit die Zugkraft bildet. Die politische Schauspielkunst des Antisemitismus feiert sicher unter unseren Bauern Augenblickserfolge, wie wir uns selber bei Leuten, die dem Antisemitismus sehr fern standen, überzeugen konnten, flüchtige Erfolge des Abends, die nur auf Kosten des rednerischen und mimischen Geschicks zu setzen sind. Mit diesen „Talenten" berührt der antisemitische Bauer, und wahrlich nicht der dümmste, verwandte Saiten. Es heißt nun weiter in dem erwähnten Aufsatz: Der Bauer liebt die Realistik. Alle Dinge des Lebens selbst die heiligsten und intimsten, hat er zu Bildern geformt, die uns manchmal in ihrer natürlichen Nacktheit geradezu erschrecken. Bei Licht besehen, steckt weiter nichts als Volkshumor darin, der vom gesunden Gefühl der Behaglichkeit des Daseins und des Selbstvertrauens aus auch ernsten Dingen eine heitere Seite abzugewinnen weiß. Erheiternd nnd seine Lust zu humorvoller Satire reizend wirkt auf den Bauern alles Fremde, alles, was die Zirkel seiner streng konservativen Weltanschauung bisher nicht geschnitten hat. Dafür einen Beweis: Ein alter Aeheimrath, der sich in seinen letzten Lebensjahreil auf sein hinterpommersches Gut zurückgezogen hatte, „schlittert" zur Winterszeit über die Eisdecke des Dorfteiches, wobei ihn ein Bauer sieht. Unser Bäuerlein kommt nach Hause und erzählt der staunendeil Familie allen Ernstes, daß der gnädige Herr verrückt geworden sei, und zum Beweise ahmt er unter den wunderlichsten Verrenkungen der Glieder den schlitternden Geheimrath nach. Wer hätte auch schon einen hinterpommerschen Bauern schlittern sehen? Er wäre gewiß ein weißer Rabe unter seinesgleichen. Diesem Mißtrauen gegenüber allem Neuen und Fremden, mit seiner Folge der satirischen, dichterischen Gestaltung, unterliegt auch der Jude, wo er mit dem Bauern in Berührung kommt, er untersteht ihm, schon weil er Kaufmann ist. Ob Jude oder Christ, der Kaufmann mit allen seinen Geschäftsgepflogenheiten ist dem Bauern eine fremde Welt. Allerdings, der Trieb des Kaufmanns, zu profitiren, berührt sich mit seinen natürlichen Instinkten; denn der Bauer ist ein ganz gehöriger Rechner, der wahrscheinlich Keinem etwas schenkt, es sei denn, er gäbe Gastfreundschaft, wobei dann seine spezielle Bauernehre mitspricht. Aber den Kaufmann in seinen Wechselgeschäften, seinen Buchführungsgeheimuissen, seinen Weltmarkt- und Börsenkalkulationen, seinen gehemmißvollen Waarenauszeichnnngen begreift er höchstens von fern und staunt alles das an wie der ungebildete Laie die ärztlichen Rezepte. Wohl berechnet d^r Bauer den Preis seiner Produkte selber, bevor er sie dem Kaufmann überläßt, er giebt auch gern zu, daß er genau zu demselben Resultat gekommen sei wie jener, aber den rein fachmännischen Ausdrücken des Kaufmanns steht er mißtrauisch gegenüber und hält sie für eine „schwarze Kunst", die gemacht sei, die Menschen, also ihn, den Bauern, zu betrügen. In diesem Sinne steht der Bauer schlechthin, wie er meistens bei uns in Ostelbier» lebt, jedem Kaufmann skeptisch gegenüber. Der Jude erscheint ihm als der typische Vertreter des Kaufmannsstandes. An ihm setzt also sein Witz und sein bizarr gestaltendes Satirspiel ein, das nicht etwa dem Juden als solchen», sondern dem Kaufmann gilt. Wer jemals Gespräche zwischen christlichen Fettviehhändlern und Bauern