Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 sozialer Zug ging durch sein Leben, wie seine Stiftungen beweisen; er hatte ein warmes Herz für die arbeitende Bevölkerung, war ein Förderer freiheitlicher Bestrebungen und der Wissenschaft, ein Mäeen der Kunst; sein selbstloses Wirken stand im Dienste der Allgemeinheit; Liebe, Dankbarkeit, die Achtung der Besten hat er sich errungen. Dann gab Herr Hofrath Bürgermeister Dr. v. Schuh in formvollendeter, markiger Rede ein Bild von der Thätigkeit des Verstorbenen, der sich in mehr als 10 jähriger Thätigkeit durch den reichen Schatz seiner Erfahrungen nutzbar gemacht; so einfach seine äußere Erscheinung, so ritterlich war seine Gesinnung; ideal war sein Bestreben, für die Arrnuth hatte er stets eine offene Hand, die Stadt betrauert ihren besten Sohn, die Kollegien einen treu besorgten Mitarbeiter; der Herr- Redner legte sodann unter den Worten: „Sein Andenken wird bleiben! Empfange die letzten Grüße von deinen Kollegen. Mitbürgern und Freunden" einen prachtvollen Kranz auf das Grab nieder. Mit tiefgefühlten Worten des Dankes und der Liebe wurden sodann noch Kränze niedergelegt vom Lokalausschuß der Freisinnigen Partei, Namens des Vereins Freisinn, vom Verein Jugendhort-Steinbühl durch eiuen Schüler, dem Verein für Geisteskranke, dem Verein südlicher Vorstädte, vom Künstlerverein, von den Bediensteten des städtischen Gaswerkes und von seinem Arbeiterpersonal. Ein Gebet des Rabbiners schloß die tiefergreifende Feier. — Stuttgart, 7. August. Das „Nene Tagblatt" schreibt: „Das langjährige Ausschußmitglied des Stuttgarter Gewerbeverein, Privatier Moritz Levi, feiert heute in voller Rüstigkeit seinen 79. Geburtstag und das 40 jährige Ehejubiläum. Der Vereinsausschuß hat bei dieser Gelegenheit seinen! treuen Mitarbeiter, dem umsichtigen Rechnungsführer des Vereins, in dankbarer Anerkennung uneigennützigster Verdienste zum dauernden Andenken einen prächtigen goldenen Pokal gewidmet, der dem zur Erholung in Ueberlingen weilenden Jubilar übersandt worden ist." Der Gefeierte war früher Buchhändler und Antiquar und besaß als solcher in den weitesten Kreisen, namentlich bei den christlichen Theologen Württembergs und der Nachbarländer, wegen seiner bedeutenden Sachkenntnis; und seiner unbeugsamen Rechtlichkeit und Geradheit unbegrenztes Vertrauen. Seit einigen Jahren hat er das Geschäft seinen beiden Söhnen übergeben, die dasselbe ganz im Sinne des Vaters weiterführen. Der Jubilar ist auch vorn König von Württemberg dekorirt worden. Oesterreich-Ungarn Wien, 19. August. Der Wiener Magistrat hat dem Tempelbauvereiu des Bezirkes Josephstadt die Bewilligung zum Erbauung einer Synagoge verweigert. Die Baudeputatiou für Wien hat über den Rekurs des Vereins den angefochtenen Bescheid aufgehoben und ausgesprochen, daß der projektirte Shnagogenbau unter den von den Vertretern des Stadtbauamtes und des Stadtphysikats gestellten Bedingungen in öffentlicher Rücksicht zulässig ist und die gegen das Projekt gerichteten Einwendungen privatrechtlicher Natur auf den Rechtsweg verwiesen. Dem gegen diese Entscheidung von der Stadtgemeinde Wien ergriffenen Rekurs hat das Ministerium des Innern keine Folge gegeben. Stadtrath Gsottbauer hat in der letzten Sitzung des Stadtrathes über diese Entscheidung berichtet und beantragt, dieselbe zur Kenntniß zu nehmen und von der Ergreifung der Beschwerde an den Verwaltuugsgerichtshof abzusehen, da keine Aussicht aus Behebung der Ministerialentscheidung vorhanden ist, was dem Stadtrath sicherlich recht leid thut! — In der letzten Sitzung des Lehrerverbandes wurde eine energische Resolution gefaßt, die darauf hinausgeht, mit allen Mitteln gegen die herrschende christlich-soziale Partei anzukämpfen, unter deren Regime die Lehrer eine wahrhaft menschenunwürdige Existenz führen. Und so gährt es allerorten; man sollte doch meinen, mit der Herrlichkeit der Lueger-Partei ginge es zur Neige, diese aber kann ruhig zuwarten, nachdem sie sich rechtzeitig in den Besitz der einträglichsten und ehrenvollsten Stellungen gesetzt haben. Non Nah und Fern. Zu Justizräthen sind ernannt worden: die Rechtsanwälte Max Fuchs. Dr. Eugen Fuchs, Dr. Heinrich Meyer Cohn. Hugo Sa chs, Lachmann. Engel, Pincus, Arndt. Timendorser, Laz a r u s, Dr. W. Löwenfeld, Benedict in Berl in, Dr. Friedläuder in Potsdam, Cohn in Oppeln, Mann in Stettin, Dr. B r es lau e r!, Dr.Kem pner, Silberfeld , Hein in Breslau, Böhm in Ratibor. —Der Rektora.D. Ahlwardt hat nach einer erregten Debatte mit seinen Wählern auf die Kandidatur im I. Frankfurter Wahlkreise für immer verzichtet. — Der Kaufmann Rudolf Eppensteiu in Breslau hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Die Israelitische Kultusgemeinde in Altenstadt a. d. Iller beging am 17. d. M. die Feier des hundertjährigen Bestehens ihrer Synagoge in festlicher Weise. — Aus Bukarest wird über eine Audienz des einstens aus dem Lande verjagten gegenwärtigen Oberrabbiners der portugiesischen Gemeinde in London Dr. M. Ga ster beim König Carol im Schlosse Pelesch gemeldet, daß sich der König mit Gaster über den Zionismus unterhalten. Was die zionistische Bewegung anbelangt, so war der König, welcher dieselbe als eine religiöse Bewegung gehalten hatte, befriedigt zu erfahren, daß sie eiuen politisch-nationalen Charakter habe! Seine Majestät erklärte sich als Anhänger dieser von einem Ideal getragenen Bewegung und billigte die Bestrebungen für die Wiederherstellung des alten Vaterlandes der Israeliten! Der Bericht fügt hinzu,, daß der König Dr. Gaster ermächtigt habe, seine Worte zu wiederholen.— In Paris ist am 11. d. M. der bekannte Finanzmann Jacques Stern gestorben. — Lord Rothschild in London wurde am II. d. M. mit den: Großkreuz des Viktoriaordens, Alfred und Leopold v. Rothschild mit dem Komthurkreuz desselben Ordens investirt. Die Ceremonie der Investitur fand unter Anwesenheit der indischen Fürsten und des gesammten Hofstaates in Gala in glanzvoller Weise statt. Es war fast ein Nachspiel zur Krönungsfeier, schreiben die englischen Blätter. — Die Saison der Brände in Polen ist mit diesem Monat zwar noch lange nicht abgeschlossen, dennoch aber läßt sich bereits jetzt schon eine gewisse Nebersicht über die Verheerungen geben, welche das Feuer bisher im Ghetto angerichtet hat. Abgebrannt sind bis jetzt nicht weniger als neun Städtchen, wobei die Stadt Bobruisk, welche schon in der vorjährigen Saison gelitten hatte, diesmal den Flammen gänzlich zum Opfer fiel. Der Schaden wird auf sieben Millionen geschätzt. Auf Bobruisk folgt Rogatschow im Gouvernement Mohilew, das am 1. Juni 116 Häuser, 145 Läden und 2 Synagogen durch das Feuer verloren hat. Der Schaden wurde aus 200 000 Rubel geschätzt. Es folgt Kamenetz-Littowsk mit 100, Alt-Sagaren mit 86 und das Städtchen Turisk mit 15 Häusern. Der Schaden in den letzten drei Städten wird zusammen auf 250 000 Rubel geschätzt. Ohne Angabe der Höhe des Schadens sind noch die Städtchen Anikest, Djaloshice, Pasval und Roshan anzusühreu. Alles in allem dürfte der Verlust, den die ohnehin blutarme russische Judenheit in den letzten vier Monaten durch das Feuer erlitten hat, auf nahezu 10 Millionen Rubel oder 22 Millionen Mark zu schätzen sein. Kein Wunder auch, daß die Juden im Durchschnitt so arm sind, wenn alljährlich allein in Rußland und blos durch das Feuer 30 Millionen Mark von jüdischem Vermögen vernichtet werden. — Der russische Senat entschied, daß Frauen und Wittwen alter Nikolaischer Soldaten das Recht zusteht, überall in Rußland, Petersburg und Moskau nicht ausgenommen, wohnen zu dürfen. Dabei ist es gleichgiltig, ob die Männer dieser Frauen ihren ständigen Wohnsitz innerhalb oder außerhalb des Ansiedelungsrayons haben. Ferner behalten laut einer neuerlichen Seuatsentscheiduug jüdische Frauen, welche bis zu ihrer Verheirathung auf dem.Platten Lande gewohnt haben, das Recht des Aufenthaltes in ihrem Heimathsdorse auch dann, wenn sie einen anderswo wohnenden Mann geheirathet haben. Ferner hat der Senat erklärt, daß jüdische Kaufleute erster Gilde, welche aus dem Ansiedeluugsrayon nach einem den Juden zum ständigen Aufenthalt sonst verbotenen Orte übergesiedelt sind, in ihrem neuen Wohnorte jüdische Kommis selbst dann beschäftigen dürfen, wenn sie in ihrem bisherigen Wohnorte gar keine Kommis gehabt haben. Endlich hat der Senat entschieden, daß Adoptivsöhne früherer jüdischer Soldaten dieselben Vorrechte wie die leiblichen Söhne dieser Soldaten genießen. Durch die letzte Entscheidung wird manchem russischen Juden die Möglichkeit eröffnet, sich auf legalem Wege den Zutritt zu dem verbotenen Rayon zu erzwingen. — Ein Chicagoer Religionsstister Namens Dowie beabsichtigt nichts mehr und nichts weniger, als Jerusalem zu kaufen und mit seinen Anhängern dorthin auszuwandern sowie er das nöthige Geld dazu beisammen haben werde. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max BauchWitz in Berlin.