Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 der Vorbereitungsklasse (Präparande) ist die Schülerzahl im letzten Jahre fast um das Doppelte — von 28 auf 52 — gewachsen. Auch die Zahl der Freischüler, welche ihren Religionsunterricht an der Uebnngsschule der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer empfangen, hat sich sehr ansehnlich — bis auf 106 — vermehrt. Noch viel wichtiger aber ist es." daß durch den rechtzeitigen Eintritt eine größere Gleichmäßigkeit im Alter allmälig erreicht wird und die Schüler, welche die Anstalt verlassen, gewöhnlich auch das vollständige Pensum des Religionsunterrichts abgeschlossen haben werden. Im Interesse der Heranwachsenden Jugend und der ganzen Gemeinde hält sich aber Dr. Gronemann verpflichtet, über die Zustände des Privatunterrichts den Gemeindemitgliedern die volle Aufklärung zu verschaffen, wie sie lhnen in seiner Schrift auf Grund einer eingehenden Enquete geboten wird, und wir sind überzeugt, daß viele Eltern, welche bisher darüber noch im Unklaren gewesen, bei dem Beginn des neuen Schuljahres daraus in Bezug auf ihre Kinder die Konsequenzen ziehen, und der Appell nicht wirkungslos verhallen wird. а. Ahlem, im August. Das Gebäude der Mädchenabtheilung der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem ist nahezu vollendet und soll im Herbst dieses Jahres die ersten Kinder aufnehmen. Schon bei der Errichtung der Anstalt bestand die Absicht, den Mädchen unserer ärmeren Glaubensgenossen die entsprechende Erziehung für das praktische Leben in ähnlicher Weise angedeihen zu lassen wie den Knaben. Inzwischen haben die Zeitverhältnisse die Erstrebung dieses Zieles immer wichtiger erscheinen lassen. Von allen Seiten hört man die Klage, daß so sehr wenige jüdische Mädchen Lust haben, als Köchinnen, Wirthschafterinnen rc. Stellungen anzunehmen, daß sie anscheinend Berufe vorziehen, die zwar geringere körperliche Anstrengung erfordern, aber der Gesundheit nachtheiliger sind (Schneiderin, Putzmacherin, Ladnerin). Bisher fehlte uns eine geeignete Anstalt, in >er die jüdischen Mädchen sowohl den Unterricht einer guten Volkschule erhalten wie auch schon im frühen Alter, gleichsam spielend, an die Besorgung aller häuslichen Arbeiten und an ländliche Arbeiten, die für Frauen geeignet sind, wie Gemüsebau, Milchwirthchaft, Geflügelzucht u. s. w., gewöhnt werden und dadurch Lust zu der die Gesundheit mehr fördernden körperlichen Arbeit erlangen. Gs ist beabsichtigt, auch bereits erwachsene Mädchen aufzunehmen, um diese, ähnlich wie dies in anderen landwirthschaftlichen Haushaltungsichulen geschieht, gründlich in allen häuslichen und solchen landwirthchaftlichen Arbeiten auszubilden, die dem weiblichen Geschlecht angemessen sind. Ahlem gewährt eine vorzügliche Oertlichkeit für ein derartiges Unternehmen. Das Grundstück war vorhanden; in der gestehenden Knabenschule können die Mädchen bis zum 14. Jahre, wie dies in den Volksschulen kleinerer Plätze der Fall ist, gemeinsam mit den Knaben unterrichtet werden, was doppelte Lehrkräfte erspart. Die hierzu erforderliche Genehmigung der königlichen Regierung ist bereits ertheilt worden. Der vorhandene Verwaltungsapparat tritt ohne Weiteres in den Dienst der neuen Anstalt. Das neue Gebäude ist bei Vermeidung jeden Luxus nach alleil Regeln der Hygiene erbaut und nach dem Urtheil aller Sachverständigen äußerst praktisch eingerichtet. Der Bau ist einfach, aber dennoch geschmackvoll, und infolge seiner erhöhten Lage bildet er eine Zierde der ganzen Gegend. Mit dem Haupthause durch einen verdeckten Gang verbunden, liegt das geräumige Waschhaus mit Trockenräumen rc. sowie Stallungen für Kühe, Ziegen und Hühner. Gemüse- und Obstgarten werden an einem Abhange unmittelbar am Hause terrassenförmig angelegt. Wie schon erwähnt, soll das Haus im Herbst dieses Jahres eröffnet werden. Anmeldungen von schulpflichtigen Mädchen für die nach den Feiertagen zu eröffnende Mädchenabtheilung sind unter Einsendung ärztlicher Atteste und Schulzeugnisse baldigst zu richten an die „Jsral. Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover". б. Hamburg. 12. August. Prediger Moritz Scherbel, der nach wehr als 30jähriger Amtsthätigkeit in Gumbinnen gegenwärtig in Hamburg lebt, feierte am 3. d. M. seinen 70. Geburtstag. Zahlreiche Gratulationen und Geschenke legten Zeugniß ab von der Verehrung und Liebe, welche sich der Jubilar namentlich durch seine litterarische Thätigkeit und zumal durch seine gemüths- und humorvollen Erzählungen und Dichtungen aus dem jüdischen Leben erworben hat. Besondere Ehrungen wurden ihm aus seiner bisherigen Amtsgemeinde Gumbinnen und aus ganz Ostpreußen, wo sein Wirken noch in bester Erinnerung ist, zu Theil. Möge es ihm vergönnt sein, sich noch einer langen Reihe von Lebensjahren in Gesundheit und Frische des Geistes und Körpers zu erfreuen. Prediger Scherbel ist auch langjähriger Mitarbeiter unseres Blattes. x. Hamburg, 9. Aug. Unter den verschiedenartigen Passagieren, welche am 11. Juni auf dem neuerbauten Schiffe „Breslau", dessen Namensgebung vom Geheimen Kommerzienrath Eichborn- Breslau vollzogen wurde, in Philadelphia ankamen, befanden sich auch 182 Juden aus Rußland. Bis Bremen begleitete sie ein Rabbiner, welcher mit der Schiffsgesellschaft und dem Kapitän das Abkommen traf, daß diese Reisenden während der Reise Koscherfleisch und rituell zubereitete Speisen verabreicht erhalten. Zwei von der Reisegesellschaft hielten ununterbrochen Inspektion in der Küche. Der Kapitän stellte am Sonnabend außerdem einen abgesonderten Raum zur Abhaltung des Gottesdienstes zur Verfügung. Ein großer Theil der Auswanderer wird sich in Baltimore niederlassen. Die „Breslau" ist der erste Dampfer, der den Juden nach dieser Richtung entgegenkommt, obgleich viele Hunderte russische Juden im Jahre nach Amerika reisen. ----- Diez a. -. L., im August. Der Jahresbericht des Deutsch- Israelitischen Kinderheims für 1901 gestattet einen Rückblick auf das vergangene Jahr der Vereinsthätigkeit und bietet den Freunden und Gönnern der Anstalt ein erfreuliches Bild der Weiterentwickelung des Kinderheims. Die Anzahl der Zöglinge, die alle ihre Schulbildung in der Volksschule zu Diez und den Religionsunterricht in der Anstalt selbst unter Inspektion des Bezirksrabbiners Dr. Weingarten in Ems empfangen, betrug im Schuljahr 1901/02 43. Diese rekrutiren sich aus allen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes: 19 aus Preußen (aus Hessen- Nassau 8, Provinz Sachsen 3, Westpreußen 3, Rheiuprovinz 2, Hannover, Posen, Schleswig-Holstein je 1). aus Bayern 6, Königreich Sachsen 7, Großherzogthum Hessen 6, Baden, Coburg-Gotha, Anhalt, Bremen, Elsaß-Lothringen je 1. Wie ihre Zeugnisse beweisen, erwerben die Zöglinge sich durchweg die Zufriedenheit ihrer Lehrer, und die Fortschritte, die sie machen, sind ersichtlich. Mit Schluß des Schuljahres wurden 7 Zöglinge entlassen, von denen 5 zum Kaufmannsstande übertraten, 1 zu einem Metzger in die Lehre kam und 1 in eine Präparandenanstalt eintrat, um sich für den Lehrerberuf vorzubereiten. Der Gesundheitszustand der Zöglinge war ein befriedigender, ernste Erkrankungen sind nicht vorgekommen. Dieses günstige Resultat ist nicht zum Mindesten der trefflichen körperlichen Fürsorge zu danken, deren sich die Zöglinge im Hause erfreuen, wie der herrlichen Lage des Heims in luftiger Höhe und der unmittelbaren Nähe des Waldes, der zu täglichen Spaziergängen die beste Gelegenheit bietet. Die Kaddischstiftungen haben im vergangenen Jahre eine wesentliche Vermehrung erfahren. Der Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden in Frankfurt a. M. hat dem Vorstand immer seine Unterstützung geliehen, sobald dieser an ihn für die aus der Anstalt entlassenen Zöglingen sich gewendet; ebenso hat der Nassauische Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden iu Wiesbaden zwei Zöglinge in seine Obhut genommen. Die Verwaltung besteht aus den Herren: D. H. Apelt - Halle, Herrn. Cramer - Frankfurt a. M., Louis Feist - Frankfurt a. M., Louis Goldschmidt-Leipzig, Jul. Goldschmidt-Frankfurt a. M., Baukdirektor Carl Herzberg - Frankfurt a. M., Aron Hirsch - Berlin. L. Mainz- Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Memelsdors-Limburg, Leop. Rosenthal- Diez, Professor Dr. A. Sulzbach-Frankfurt a. M. ---- Nürnberg, 11. August. Seit dem Tode des Jnstizraths Frankenburger dürfte der israelitische Friedhof keine so zahlreiche Trauerversammlung gesehen haben wie bei der gestern stattgehabten Beerdigung des K o m m erz i eurath s und Magistratsrath s Michael Kohu. Nachdem der einfache Holzsarg in das Grab gesenkt war, gab Herr Rabbiner Dr. Deutsch voll Fürth in erhebenden Worten ein Bild von dem Lebensgang des Verblichenen. 1836 in Markt-Erlbach geboren, besuchte er später in Nürnberg die Handelsschule und erwarb sich eine Summe von Kenntnissen und Wissen, so daß er im Jahre 1861 das väterliche Geschäft übernehmen konnte Im Jahre 1862 gründete er sich sein eigenes Heim, das er im Verein mit seiner bereits verstorbenen verständnißvollen Gattill 37 Jahre lang zu einer Wohnstätte des Friedens und des Glückes machte. Klar, lauter und edel war sein Charakter, liebenswürdig, leutselig und ein hingebender Menschenfreund war er stets; er verstand es wie selten Einer den Egoismus des gesättigten Reichthums von sich zu weisen; sein Glück fand er in der Arbeit. Das Interesse der Gesammtheit war sein Leitstern, er verstand es, sich seine ehrenvollen Auszeichnungen, die Bürgerkrone, durch Bürgertugenden zu erwerben. Ein freisinniger