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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-22 · Heft 34 (22.8.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Aber sehr bald macht sich der günstige Einfluß der Anstalt bemerkbar, denn die Insassen befinden sich in einem wirklichen und wirksamen Genesungsheim. Sie sind meist lernbegierig, sehr fleißig, umsichtig und arbeiten je länger mit desto mehr Freudigkeit. Neben deutschen Kolonisten befinden sich in der Anstalt auch solche aus Rußland, Polen, Galizien, Ungarn und Rumänien. Die Gesammtzahl der Kolonisten beträgt z. Z. 39 und soll demnächst auf 50 erhöht werden. Seit der Eröffnung des Betriebes bis Ende Juli sind im Ganzen 3551 Verpflegungstage zu rechnen; davon entfallen 535 aus Holzgruudir- und Steinpapparbeiten, 367 auf Teppicharbeiten, 591 auf Schirmstockfabrikation, 527 auf Nohrflechtarbeiten, 136 auf kleine Lederarbeiten, 71 auf Hausarbeiten, 72 auf eigene Feldarbeiten, 106 auf diverse Arbeiten, 39 auf Krankentage, 1187 aus Feiertage. Die Menagekosten betrugen 1697,26 Mark. Die Unternehmer zahlten an Löhnen 1273,95 Mark und außerdem als Nebenverdienste für Stückarbeit, die seit dem 1. Juli eingeführt ist und den Kolonisten zu Gute kommt, 193,56 Mark. Dieses Resultat ist sehr günstig, wenn man berücksichtigt, daß die Kolonisten bei sieben Verpflegungstagen in der Woche nur fünf Tage arbeiten und die Unternehmer auch nur fünf Arbeitstage bezahlen. Die Arbeitgeber finden bei den sehr billigen Löhnen von 70 Pfg. pro Arbeitstag und bei kostenfreien Arbeitsrüumen sehr gut ihre Rechnung. Unter anderem wird auch neuerdings die Fabrikation von Bürstenwaaren in Aussicht genommen. Interessenten wollen sich an die beiden Vorsitzenden der Kolonie, Herrn Maurermeister Markus Adler, Berlin, Georgeustr. 46 a, oder Fabrikbesitzer Moritz Nosenow, Berlin, Nitterstr. 87, wenden, woselbst die näheren Bedingungen zu erfahren sind. Die Besichtigung der Anstalt, welche in ihrer Einrichtung allgemein als mustergiltig anerkannt wird, ist gern gestattet und beliebe man deswegen bei dem Inspektor der Arbeiterkolonie, Weißensee, Wörtherstraße 20 <in nächster Nähe des jüdischeil und katholischen Friedhofes) sich zu melden. ^2 Berlin, 17. August. Der internationale Orientaliste ukongreß wird gemäß dem in Rom im Jahre 1899 gefaßten Beschlüsse vom 4. bis zum 10. September in Hamburg versammelt sein. Es ist bereits die Theilnahme einer großen Anzahl namhafter Gelehrter aus den verschiedensten Ländern angekündigt, auch werden sich die Regierungen des Deutschen Reichs, Rußlands, Frankreichs, Oesterreich-Ungarns und anderer Staaten auf dem Kongreß offiziell vertreten lassen. Das Deutsche Reich wird Herrn Geheimen Legationsrath Rosen als seinen Delegirten entsenden. Die hervorragendsten wissenschaftlichen Institute für orientalische Wissenschaften haben gleichfalls die Entsendung von Vertretern angekündigt. — Der Kongreß wird iu folgenden Sektionen tagen: 1. Linguistik, allgemeine indogermanische Sektion, 2. a) Indien, b) Iran, 3. Hinterindien und Ozeanien, 4. Central-Ostasien, 5. Allgemeine semitische Sektion. 6. Islamitische Sektion, 7. Aeghptische und afrikanische Sprachen, 8. Wechselwirkungen zwischen Orient und Occident. Anmeldungen von Vorträgen sind au den Generalsekretär, Herrn Dr. F. Sievekiug, Hamburg, Börsenbrücke 2, zu richten. Berlin, 18. August. Im neuesten Heft der „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik" veröffentlicht A. Ruppin den Abschluß seiner statistischen Untersuchungen über die sozialen Verhältnisse derIudenin Preußen und in Deutschland. Zunächst gedenkt er der Wechselwirkungen zwischen Judenthum und Christenthum. Der hervorragendste Faktor bei der gegenseitigen Beeinflussung voll Juden und Christen ist die Mischehe. Die Zahl der Mischehen zwischen Juden und Christen ist in der Zeit von 1875 bis 1899 beständig ge» wachsen; sie betrug 1875 bis 1879 im Jahresdurchschnitt 239.1895 bis 1899 dagegen im Jahresdurchschnitt 433, hat sich also beinahe verdoppelt. (!!). Dem Judenthum wird durch die Mischehell insofern wesentlich Abbruch gethan, als von allen im Haushalte ihrer Eltern lebenden Kindern aus Mischehen nur 24,47 Prozent jüdisch sind, während es 50 Prozent sein müßten. Der Verlust des Judenthums infolge der Mischehen wird dadurch noch größer, daß vielfach nach dem Eintritt der Volljährigkeit die Kinder aus eigenem Entschluß zum Christenthum übertreten. Die Ehescheidungen von Mischehen sind etwas häufiger als bei anderen Ehen. — Bei der Stellung der Juden im Erwerbsleben hält Ruppin den Einfluß des Mittelalters aus das Judenthums für weitaus maßgebend. Im Ackerbau machen die erwerbsthätigen Juden 0,04 Prozent, im Handel 5,71 Prozent der erwerbsthätigen Christen aus. Auf den Handel entfallen 54.56 aller erwerbsthätigen Juden, auf die Industrie 18,80 Prozent. Von den Uebrigen sind 16,30 Prozent Selbständige ohne Beruf, 5,95 Prozent sind im öffentlichen Dienst und in den sogenannten freien Berufsarten thätig, während 2,61 Prozent als häusliche Dienstboten und 0,36 Prozellt mit Lohnarbeit ihren Erwerb finden. Die Vermehrung in der Verwaltung und Rechtspflege betrug 0,36 Prozent, in der Gesundheits- und Krankenpflege 0,77 Prozent. Im Heeres- und Flottendienst haben sich die Juden von 0,68 aus 1,04 Prozent vermehrt. Etwa die Hälfte aller jüdischen Schulkinder in Preußen erhalten Elementarunterricht. Die jüdischen Studirenden preußischer Staatsangehörigkeit machen 9,32 Prozent aller preußischen Studirenden aus. Unter dieser Durchschnittsziffer bleibt die juristische Fakultät mit 8,19 Prozent, und die philosophische mit 8,92 Prozent, über ihr die medizinische Fakultät mit 19,92 Prozent. §2 Berlin, 15. August. Am 12. d. M. ist hier der belgische Generalkonsul Georg Goldberger, ein Bruder des Geheimen Kommerzienraths Max Goldberger, im Alter von 51 Jahren hier gestorben. Vor einigen Wochen erkrankte er an einer Blinddarmentzündung, die eine Operation erforderlich machte. Goldberger war zunächst im Geschäft seines Bruders thätig und wurde^dann Direktor der Internationalen Bank. In seinen Kreiselt erfreute sich der Verstorbene eines guten Ansehens. Er war auch Jahre lang Vorsteher der Synagoge in der Heidereuthergasse und verschiedener Humanitätsvereine. Die Beisetzung hat am 15. d. M. unter großer Beteiligung stattgefunden. Es fand zunächst im Trauerhause in der Alsenstraße eine Gedenkfeier statt. Der belgische Gesandte Baron Greindl, der eitlen kostbaren Kranz mit Schleife in den belgischen Farben schon vorher übersandt hatte, erschien mit dem Botschaftsrat Graf d'Ursel und dem ersten Legatioussekretär. Groß war die Theilnahme, die aus den Kreisen der Handelswelt bekundet wurde. Die Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft überbrachten Kränze wir sahen ferner die Kommerzienräthe Baare, Jacob Manheimer und Friedenthal, den Geheimen Rath Nathenau, den Konsul Dr. Sobernheim, Dr. Fritz v. Liebermann, Generalkonsul Landau, Direktor Gutmann von der Dresdener Bank und viele Vertreter der belgischen Kolonie. Die Rede hielt Dr. Ungerleider als alter Freund des Hauses, alsdann nahmen der Gesandte Baron Greindl sowie der Sekretär der Union Belge Fabricius das Wort. Daraus wurde die Leiche nach Weißensee übergeführt. Friede seinem Andenken! I,. 1*. Pasewalk, 17. August. Bei der Beerdigung eines hiesigen Gemeindemitgliedes, des Herrn Baruch Keibel, zu der auch viele Nichtisraeliten erschienen waren, nahm unser Bezirksrabbiner Dr. Finkel Veranlassung, von den Erbtugenden der israelitischen Glaubensgemeinschaft, der Familieninnigkeit und der Nächstenliebe, zu sprechen. Die jüdische Wohlthätigkeit, so betonte er, hat sich nie auf die eigenen Glaubensgenossen beschränkt; nein, sie umfaßte vielmehr alle, die im Ebenbilde Gottes erschaffen. Als Beweis hierfür wußte der Redner eine Begebenheit zu erwähnen, bei welcher der Vater des Verstorbenen eine rühmliche Rolle gespielt hat. Da!

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