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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-22 · Heft 34 (22.8.1902) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
Seite 408 (sequence 14)
Language
German
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- 408 Allmälig sickerte es durch. Es ward in den verschiedenen Gesellschaftskreisen der Stadt, bei Juden und Christen, geinunkelt und geklatscht, daß das gräfliche Ehepaar Winterfeld nicht glücklich mit einander lebte. . . . Wie es zuerst durchgedrungen? - Dienstboten, die manches erlauschen, was man noch so ängstlich vor ihnen verbirgt, trugen es weiter; und der Graf selbst gab sich auch keine Mühe, den Schein zu wahren. Fast jeden Abend brachte er außer dem Hause zu, weiln man nicht gerade Gesellschaft bei sich hatte oder genöthigt war, zusammen solche zu besuchen. Denn Lea hatte die Drohung jenes Abends, zu jener „Sippe" nicht mehr zu gehen, doch nicht wahr machen können. So gingen die Beiden neben einander her, scheinbar ganz glücklich. Aber nur Wenige ließen sich durch diese äußerliche Harmonie täuschen. Am längsten täuschten sich Leas Eltern über das „Glück" ihres Kindes. Auch sie hatten allerlei munkeln gehört und forschten Lea ängstlich aus, was daran Wahres wäre? — „Laßt Euch keine Angst machen!" beschwichtigte sie lächelnd. „Mein Gott, — in jeder Ehe kommt mal eine kleine Meinungsverschiedenheit vor — Ihr wißt das selbst. . . Wer wird das gleich ernsthaft nehmen?" — — „Also bist Du glücklich, ganz glücklich?" „Ganz glücklich, Papa, Du kannst inir's glauben." „Gottlob! Ich hätte mir die bittersten Vorwürfe gemacht, daß ich diese Heirath zugegeben. . . . Sprichst Du die volle Wahrheit?" „Die volle Wahrheit!" sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. . . . Ein frommer Betrug - Gott würde ihr den verzeihen. — — - lForis. folgt.) Mterarrsche Mittheilungen. — Otto Seeck: Geschichte des Untergangs der antiken Welt. Zweiter Band. Berlin 1901. 8". Dem ersten Bande dieses groß angelegten Werkes ist jetzt der zweite gefolgt, der Wilhelm Raabe, dem feinsinnigen Poeten, zum 70. Geburtstage dargebracht ist. Wir glauben wohl, daß der Dichter all der Gabe des Geschichtsschreibers rechte Freude empfunden haben lrnrd. Denn Otto Seeck, der jetzt mit Mommsen und Eduard Meher als der bedeutendste Historiker auf dem Gebiet der alten Geschichte anerkannt wird, verbindet mit ungemein sachlicher und klarer Darstellung eine derart einnehmende und vornehme Form, daß auch das stilistische Schönheitsgefühl ganz und garbefriedigt wird. Die erste Hälfte des Bandes enthält die Schilderung der „Verwaltung des Reiches". Otto Seeck zeigt darin, wie die Keime zu dem unter dem Druck der Beamtenhierarchie und der Steuerschraube schwer leidenden Nömerreich der Konstantinischen Periode bereits in der scheinbar glanzerfüllten Augustinischen Zeit überall im Werden waren. Damit verbindet sich die Darstellung des Reichs- und Heeresregimentes seit Diocletian, die ein düsteres Bild voll den Verhältnissen im Kaiserstaat entwirft. Von allen Seiten sucht Seeck dem Problem, das er sich gestellt hat, beizukommen. Wie er die materiellen und politischen Verhältnisse, die nothwendig zum Untergang der antiken Welt führen mußten, klarlegt, so sucht er auch den religiösen Entwickelungs- Prozeß, der zu demselben Ergebniß führte, zu ergründen. In der zweiten Hälfte dieses Bandes, die von „Religion und Sittlichkeit" handelt, geht Seeck von dem Allsgangspunkt jedes Glaubens ans und behandelt die Entwickelung desselben in der hellenischen Welt bis zur „Religion des Homer". Dieser Abschnitt des Werkes ist noch nicht abgeschlossen; mit Spannung darf man den folgenden Band erwarten, in dem voraussichtlich die Bedeutung des Iudenthums für die Kultur, seine Verbindung mit dem Hellenismus, Entstehung und Verbreitung des Christenthums dargestellt werden wird. Ernst Georgen. — Dr. Simon Stern: Der Kampf des Rabbiners gegen den Talmud im 17. Jahrhundert. Breslau, 1902. Schlesische Verlagsanstalt. Ein merkwürdiges Buch, das ebenso vielen Anklang wie Widerspruch finden dürfte, zunächst schon des Titels wegen, der sich eigentlich durchaus nicht mit dem Inhalt deckt, sodann aber auch vieler geistvoller, hier und da freilich paradoxer Behauptungen wegen, die der Verfasser in der ersten Hälfte seiner Arbeit aufstellt. Die Komposition des Buches ist eine seltsame. Liest man freilich das Vorwort des Verfassers, so begreift man, wie er dazu gekommen ist, seine Arbeit in dieser Weise zusarnmenzusassen. Eines der merkwürdigsten Bücher der jüdischen Litteratur ist das Werk von Leo de Modena gegen den Talmud „Die Stimme des Thoren" (Kol saklml). Mit Recht nennt Stern den Rabbiner von Venedig in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den bedeutendsten Gegner des Talmuds. Er hat es nun unternommen, diese Schrift ins Deutsche zu übersetzen durch Anmerkungen zu erklären und mit einer erschöpfenden Biographie Leons herauszugeben in der Ueberzeugung, daß man auch den Gegner zu Worte kommen lassen und seine Rede ohne Voreingenommenheit Prüfen müsse. „Hat er Recht, soll ihm sein Recht Werdern hat er Unrecht, soll er widerlegt werden." Das letztere beabsichtigt nun der Verfasser, indem er der Uebersetzung des antitalmudischen Werkes eine eigene religionsphilosophische Abhandlung: „Religion des Volkes und Religion des Individuums" vorausgehen läßt, in der er sich mit der Entstehungsgeschichte des talmudischen Religionsgesetzes eingehend beschäftigt. Er geht von der Ueberzeugung aus, daß immer und überall der Unterschied zwischen der Religion des Individuums und der Religion des Volkes zu Tage trete, und daß dieser Unterschied den größten Einfluß auf die Entwickelung der Religion ausübe. In dreiTheilen: 1. Die Glaubenssätze, 2. Bibel und Tradition, 3. Das Gesetz, behandelt der Verfasser das talmudische Judenthum von diesem Standpunkt ans. Im ersten Abschnitt erörtert er die Glaubenssätze, also die Religion des Individuums, den Glauben an die Schöpfung, den Zweck der Schöpfung, die Allwissenheit Gottes, die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen, Allgüte. Lohn und. Strafe und den Unsterblichkeitsglauben. Im zweiten Abschnitt wird gezeigt, wie die Religion des Individuums Religion des Volkes wird; die geschichtliche Entwickelung der Tradition, Talmndismus und Christenthum, die Sekten im Judenthum und Christenthum, Sitten- und Ceremonialgebräuche. Halacha und Haggadah werden besprochen und erklärt. Der dritte Abschnitt, das Gesetz, behandelt die einzelnen religiösen Vorschriften des talmudischen Iudenthums. Er ist, wie wir gleich hinzufügen wollen, für uns der werthvollste, auch wenn man nicht allen Ausführungen des Verfassers zustimmen kann. Die Art und Weise aber, wie er das biblisch-talmudische Gesetz in ein bestimmtes System bringt, ist eine ebenso geistvolle wie zutreffende. Es ist nicht zu viel, wenn der Autor im Vorwort sagt, daß das von ihm aufgestellte Grundgesetz von der Religion des Individuums und der Religion des Volkes ein grundlegender Gedanke sei, den man in der Rellgionsphilosophie und Neligionsgeschichte fernerhin nicht wird unbeachtet lassen dürfen. So wird sich die Aufmerksamkeit Aller, die sich mit Religionswissenschaft beschäftigen, auf dieses Werk hinlenken müssen; Für uns aber hat es noch eine ganz besondere Bedeutung: es ist ein wichtiger und werthvoller Beitrag zur Entstehungsgeschichte des talmudischen Religionsgesetzes. Der Verfasser steht auf konservativem Standpunkt, ist aber doch freisinnig genug, um der Entwickelung der Tradition aufmerksam nachzugehen. Er führt den Nachweis, daß das Judenthum zur Erhaltung des jüdischen Volks, und das Volk zur Erhaltung des Iudenthums beizutragen hat, daß die talmudische Tradition entwickelungssähig ist, und daß diese Entwickelung nothwendig dorthin führen müsse, wo aus der Religion des Volkes nur Religion des Individuums geworden sein wird. Weil aber das Judenthum diese Religion des Individuums nie außer Acht gelassen, hat es die Anwartschaft durch Entwickelung die Religion statt einer Religion zu werden. Wir hätten gewünscht, daß der Verfasser seine eigene werthvolle Arbeit nicht mit der Schrift Leo de Modenas verquickt, sondern selbständig herausgegeben hätte. Sie würde dadurch vielleicht in weitere Kreise gedrungen sein und hätte dort sicher viele Vorurtheile zerstört und eine Fülle von Anregungen gegeben, die weiter zu verfolgen von eben so großem Nutzen für die positive Erkeuntniß des Iudenthums wie für die geschichtliche Forschung und Religionsphilosophie gewesen wäre. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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