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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-22 · Heft 34 (22.8.1902) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
Seite 406 (sequence 12)
Language
German
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406 halten zu können". — Wann hätten sie solches je erhalten? — Unser Chronist endigt: „Seitdem blieb ihnen die Stadt für immer verschlossen." Ein früherer Leser des Buches hat hierzu ein bescheidenes Fragezeichen an den Rand gemalt, und in der That ist neuerdings wieder eine jüdische Gemeinde, die bereits über hundert Seelen zählt, Betsaal, Schule und Friedhof besitzt, daselbst entstanden. Es wird berichtet (vergl. C. Schiller „Stimmen"), daß mit den deutschen Truppen, welche im Kriegsjahre 1866 Rothenburg berührten, auch kunstverständige Männer hingekommen seien, die es an begeisterten Schilderungen nicht fehlen ließen und so die mittelalterliche Stadt, die Jahrhunderte hindurch ein wahres Stillleben geführt, in weiteren Kreisen aufs Neue bekannt machten. Da mögen denn nach und nach auch die jüdischen Pioniere wieder eiugezogen sein, denn während die erste Familie sich 1870 wieder ansiedelte, macht sich ungefähr von derselben Zeit an auch ein neuer Impuls irr der Bürgerschaft bemerkbar, der darauf gerichtet ist, dem herrlichen Städtchen regeres Leben zuzuführen, zugleich aber die Verehrung für das Altüberkommene zu stärken und immer weiter zu verbreiten. Wir würden in unserer Schilderung eine empfindliche Lücke hinterlassen, wenn wir nicht des bedeutendsten Mannes gedenken wollten, den die Judenheit Rothenburgs im Laufe der Jahrhunderte aufzuweisen gehabt hat: des Rabbi Meier aus Rothenburg, seiner Zeit die hervorragendste rabbinische Autorität in Deutschland, welchen vermöge seiner tiefen Gelehrsamkeit und seiner unvergleichlichen religiösen Ueberzeugungstreue alle Gemeinden als Großrabbiner wie als ihr geistliches Oberhaupt verehrten. Bis in ferne Länder erstreckte sich der Einfluß seiner unzähligen Responsen in juristischen und rituellen Fragen, und er drückte, von einer Schaar lernbegieriger Schüler umgeben, dein ganzen jüdischen Schriftthum nicht nur seines (des 13.) Jahrhunderts den geistigen Stempel auf. Traurig war sein Geschick. Schon über die Mitte des sechsten Jahrzehnts seines Lebens hinaus, faßte er wegen der unerträglichen Bedrückungen jener Zeit den Entschluß, an der Spitze zahlreicher, zum Theil begüterter Anhänger nach dem gelobten Lande auszuwandern, kam aber nur bis zur Lombardei, wo er im Jahre 1286 aus Befehl des ihm früher wohl gesinnten Kaisers Rudolf t. — der nun wohl eine Verminderung der Einkünfte durch den Fortzug so vieler wohlhabender Juden befürchtete — gefangen genommen und auf einen festen Thurm im Elsaß gebracht wurde. Hier schmachtete er, der die Lösung durch eine übermäßig hohe Summe verboten hatte, immernoch mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, bis ihn 1293 der Tod abrief. Mehr als zehn Jahre blieb sein Leichnam unbeerdigt, ein kostbares Erpressungsmittel für seine Tyrannen, erst dann gelang es einem hochsinnigen Manne, S. A. Wimpfen aus Frankfurt a. M., die geheiligten Reste loszukaufen, die daun auf dem ehrwürdigen Friedhof zu Worms zur ewigen Ruhe kamen. Wimpfen selbst hatte sich nur ausbedungen, neben dem verehrten Meister bestattet zu werden, welcher Wunsch später auch erfüllt wurde. (Vgl. die Biographie des R. Meier von Dr. S. Back und Winter und Wünsche „Die jüdische Litteratur".) Berthold Auerbach führte seinen Stammbaum aus unseren R. Meter den Baruch aus Rothenburg zurück. Es ist ein trüber historischer Abschnitt, über den wir (wie ebenso Professor Harry-Breslau in Ludwig Geigers „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland") zu berichten hatten, und wenn wir — bei aller Beschämung über die tieftraurigen Zustände — dies ohne viele Exklamationen thaten. so geschah es, weil eben das Mittelalter nach so vielen Richtungen hin überhaupt eine dunkle Epoche bildet, die aber Gottlob weit hinter uns liegt. Und wenn noch nicht alles so ist, wie es sein sollte, so wollen wir der Zukunft vertrauen, gleich wie die kleine Gemeinde, die nach viel hundertjähriger Unterbrechung auf einst so heißem Boden, in diesem „zweiten Jerusalem", wie es wegen seiner gleichartigen Lage auf langgestrecktem Bergrücken schon die Kreuzfahrer nannten, wieder ihre Zelte und ihre heilige Lade aufgeschlagen hat, mitten unten den stummen, altersgrauen Zeugen der Vergangenheit, zu welchen jeder Freund von Kunst, Schönheit und Romantik bewundernd emporblickt. Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. X. ine Bewegung entstand im Saale, als Graf Winterfeld mit seiner jungen Frau am Arme eintrat. Sie that, als merkte sie es nicht. Mit bezaubernder Liebenswürdigkeit kam sie Allen entgegen, und Niemand hätte an ihrem Wesen etwas entdecken können, was nicht ganz und gar „lucl^liks" war. Aber ach, — sie war so hübsch, — und so elegant und „chic"! Und die jungen Leutnants stürzten herbei und rissen sich um ihre Tanzkarte, und die war vollgeschrieben, ehe so manche „Regimeutstochter" auch nur einen einzigen Tanz vergeben hatte. Und da saßen die Mütter, ergraute Kämpferinnen auf der Wahlstatt des Ballsaales, neben ihren, ach, noch so unverheiratheten Töchtern, — die sie schon seit zehn Saisons ins „Treffen" führten; — da saßen sie mit wüthend zusammengekuiffenen Lippen und schossen Blitze nach dem „Eindringling", der „protzigen Jüdin". Bei den Damen hatte Lea entschieden verloren, sobald ihre jugendfrische Schönheit aus die Herren zu wirken begann. „Die jüdische Kokette!" schalten sie innerlich. Sie ließen es nicht an unabsichtlichen und absichtlichen Bosheiten fehlen. Eine junge Frau fragte Lea, was sie von dem Trier Ritualmordprozeß halte? In einem Städtchen am Rhein war der Leichnam eines Kindes gefunden worden, und wieder hatten Uirverstand und Bosheit das Märchen vom Ritualmord hervorgezerrt, das seit Jahrhunderten immer wieder auftaucht wie der ewige Jude. „Was ich davon halte?" sagte Lea ruhig. „Natürlich ist es ein Unsinn, an so etwas zu glauben." „Wir glauben Alle an den Ritualmord, — alle meine Bekannten!" „Wie können Sie nur solche Ammenmärchen ernst nehmen?" ries Lea, „das widerspricht ja dem gesunden Menschenverstand!" „Verzeihung!" sagte die junge Frau... „Es ist ja sehr hübsch von Ihnen, daß Sie so energisch für Ihre — hm —

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