Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 404 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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404 „Was also muß geschehen? Ein Ereigniß ohne geschichtlichen Vorgang: die bewußte Selbsterziehung einer Rasse zur Anpassulig an fremde Anforderungen. Anpassung;richt im Sinne der „mimiorz'" Darwins, welche die Kunst einiger Insekten bedeutet, sich die Farbe ihrer Umgebung anzugewöhnen, sondern eine Anartung in dem Sinne, daß Stammeseigenschaften, gleichviel ob gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, daß sie den Landesgenossen verhaßt sind, abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden. Könnte zugleich durch diese Metamorphose die Gesamintbilanz der moralischen Werthe verbessert werden, so wäre das ein erfreulicher Erfolg. Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitirte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein. Und zwar wird sich zunächst ein Zwischenstand bilden müssen, der, von beiden Seiten anerkannt, ein Trennungs- und Verbindnngslied zwischen Deutschthum und Stockjudenthum vorstellt: ein jüdisches Patrizierthum — nicht des Besitzes, — sondern der geistigen und körperlichen Kultur. Dieser Stand wird durch seine Wurzeln von unten herauf immer neue Nahrung aussaugen und mit der Zeit alles verarbeiten, was an umwandlungsfähigem und verdaulichem Material vorhanden ist. Wenigen außen Stehenden ist es bekannt, daß ein Patrizierthum unter den Juden schon vorhanden ist und ihren höchst konservativen Neigungen gemäß bereitwillig anerkannt wird. Weit weniger, als man gemeinhin glaubt, wird der Begriff guter Familie von altem oder jungem Reichthum verdunkelt, und es stehen eben so viele ganz arme Häuser in hohem Ansehen, wie steinreiche für Plebejisch gelten." Ja, was will denn eigentlich Herr Dr. Ratheuau, und wo lebt er? Einen Vorgang, der sich seit Jahrhunderten ruhig vollzieht, der eines Tages nach aller Voraussicht beendet sein wird, dessen beständiges Fortschreiten jeder weitsichtige Mensch, jeder gute Jude mit Freude verfolgt, giebt der Verfasser als das letzte Ergebnis; seines Nachdenkens an, als das Ziel seiner Sehnsucht. Ein jüdisches Patrizierthum, in dem nicht nur „ebenso viele", sondern „viel mehr" ganz arme Häuser in hohem Ansehen stehen, wie reiche für plebejisch gelten, — die Reichen sollten doch die Besten sein? — existirt doch wohl schon etwas länger, als Herr Dr. Rathenau seine spitze Feder führt. Der jüdische Familiensinn, die „gemüthvolle Frömmigkeit der Väter" lebt noch und ist weder im Ghetto zurückgelassen, noch gegen den „aufgeklärten Witz vertauscht, der die Seele und das Gemüth der Landsgenossen mit vorlautem Urtheil und frivoler Ironie verletzt", wie Herr Dr. Rathenau gern wahrhaben möchte. „Der Zauber der Familie wurzelt zu tief in unserem Volke", als das; er ganz weggewischt sein könnte, auf ihm beruht sogar im stärksten Maße das jüdische Patrizierthum, das Herr Dr. Rathenau sich wünscht, das aber in Wahrheit keineswegs erst im Entstehen begriffen ist. Es hat sich vielmehr Jahrhunderte erhalten und wird sich weiter erhalten, trotz aller Taufen, sogar trotz solcher Bücher, wie sie die „Impressionen" von Herrn Dr. Rathenau sind. Freilich nicht in den Kreisen, die Herr Rathenau schildert. „Vorlautes Urtheil und frivole Ironie" wirft e.r den Juden vor; daß sie wirklich vorhanden sind, sogar unter den „Besten" und „Reichsten" beweist sein Buch. „Selbsterkenntuiß — Selbsterziehung" fordert er von den Juden; daß sie wirklich fehlen, sogar unter den „Besten" und „Reichsten", beweist wieder sein Buch. Aber diese Fälle sind nur ganz vereinzelt da und darum nicht so sehr zu fürchten. Sie können sogar sicherlich.geheilt werden, und auch Herr Dr. Rathenau wird wohl manche seiner Gedanken jetzt schon geändert haben, als er die Aufnahme sah, die sein Buch fand. Ich muß dabei an einige Kritiken denken, von denen ihn die eine, sicherlich die klügste, überhaupt nicht ernst nahm, während er von einer anderen, von befreundeter Seite, der „Philosoph der Thiergartenstraße" genannt wird, jener Straße, von der er selbst sagt, daß dort am Sonntag Vormittag „asiatische Horden" lustwandeln, in deren Villen „die seltene und fremdartige Schönheit der Frauen erstickt wird in Ballen von Atlas, Wolken von Spitzen und Nestern von Brillanten". Das warme und begründete Lob, dieser beschimpften Straße erwählter Philosoph zu sein, mag Herrn Dr. Rathenan peinlich berührt haben, es ist auch schmerzlich. Wie aber erst der begeisterte Hymnus in dem Leitartikel der „Staatsbürgerzeitung", die Herrn Dr. Rathenau jubelnd als Bundesgenossen, als Gründer des „jüdischen Antisemitismus" begrüßte, — das muß noch schmerzlicher gewesen sein. „Rathenau als Erzieher" klingt ja sehr hübsch, es ist aber verteufelt schwer... —o— Die Juden in Nothenburg ob der Tauber. Bon Felix Herzfeld-Braunschweig. <§^«2>^it einer Arbeit über diese Perle deutscher Städte be° schäftigt, deren Pittoreske Schönheiten erst in neuerer Zeit mehr und mehr gewürdigt werden, finde ich in einem der Stadtbibliothek zu Rothenburg entliehenen Werke von Dr. H. W. Bensen aus dem Jahre 1837, betitelt: „Historische Untersuchungen über die ehemalige Reichsstadt Rothenburg oder die Geschichte einer deutschen Gemeinde" unter anderem eine Abhandlung, welche auch die Leser dieses Blattes interessiren dürfte. Schon die „Ueberficht des Inhalts" ist charakteristisch. Unter den dreißig Paragraphen des Buches nennt nämlich 8 16: „Die kaiserlichen Einkünfte zu Rothenburg. Juden." Erscheint diese naive Zusammenfassung nicht wie ein Blitzlicht, das auf die ganze Stellung unserer Glaubensgenossen während des Mittelalters und bis in die neueren Jahrhunderte hinein geworfen wird? Vielerlei Abgaben waren es, die Stadt und Reich von ihren Insassen erhoben, „das einträglichste Regal," sagt unser Verfasser, „waren immer die Juden." Ursprünglich zu der Gemeinde der Schutzgenossen gehörig, wurden sie zur Zeit, als die ihnen in; Ganzen gleichstehenden Handwerker zu den Bürgern traten, auch in einer gewissen Weise Bürger genannt; so enthält eine Urkunde Kaiser Ludwig IV., Nürnberg 1335, die Wendung: „unser;; Bürgern, Christen und Juden," und im Rothenburger sog. Willkürenbuch heißt es: „wo ein Bürger hie von der Stat es sei Christe oder Jude." Auch wird in einer älteren Chronik der Revers eines Juden erwähnt, den er Anno 1413 schriftlich beim Empfang des Bürgerrechts ausstellte, die Stadtrechte zu halten. Indessen gewannen die Juden niemals das Vollbürgerrecht noch die Gewährung, freie Grundbesitzungen zu kaufen. In einem entfernten Theil der Stadt war der „Judenkirchhvf", in dessen Nähe die Synagoge und dabei der den Juden angewieseue Stadtbezirk; mit dem Verbot des Grunderwerbes scheint — übrigens nicht in Rothenburg allein — die Thatsache einigermaßen in Widerspruch zu stehen, daß manche Häuser noch heute hebräische Inschriften tragen, die auf jüdische Be-