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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-22 · Heft 34 (22.8.1902) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
Seite 403 (sequence 9)
Language
German
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Gesucht einfach und schlicht ist sein äußeres Gewand, gesucht und erzwungen ist aber auch sein Inhalt. Hinter eleganten und einnehmenden Worten, hinter glänzenden, schimmernden Brillanten verbirgt sich eine große Oberflächlichkeit, die Kreme einfache Reiseschilderung, wie sie Herr Dr. Rathenau „Vom Garten der Hesperiden" entwirft, vollauf genügen mag, der man aber aus das Entschiedenste entgegentreten muß, wenn sie in dem gleichen Feuilletonstil wichtige Fragen behandelt. Nicht der Gedanken wegen, die darin, weder besonders neu, noch besonders originell, enthalten sind, sondern wieder des Verfassers wegen. Herr Dr. Walter Rathenau sagt an einer Stelle seines ersten Artikels „Höre Israel": „Von den Vertretern des Staates darf man heute eine genauere Kenntniß der gesellschaftlichen Verhältnisse des Judenthums nicht erwarten. Die Kreise, mit denen sie amtlich in Berührung kommen, sind hauptsächlich die der Finanz. Da eS Juden sind, so findet man es naturgemäß, die Reichsten zugleich für die Besten zu halten, und wenn sie schon allerhand Unzulänglichkeiten zeigen auf den Rest a fortiori zu schließen." Nun Herr Dr. Rathenau, der selbst ohne falsche Bescheidenheit sich zu diesen „Reichsten" und „Besten" zählt, mag sich doch einmal diese Worte ansehen und, ich hoffe, er ist ehrlich genug, sich dann selbst einzugestehen, daß er, der Jude, der jüdischen Sache einen schlechten Dienst geleistet hat. Wenn Herr Dr. Rathenan zugiebt, daß die Staatsbehörden nur die Besten und Reichsten kennen — die Ansicht, daß die Reichsten stets die Besten sind, ist Dr. Rathenaus ureigenste — und auf Diese schon mit einem gewissen bedauerlichen und mitleidigen Lächeln herabsehen „ob allerhand Unzulänglichkeiten", was müssen diese Vertreter des Staates dann erst von dem „Rest" für eine Meinung bekommen, wenn diese „Reichsten" und „Besten" in einem so süffisanten Tone, mit einer so lächelnden Arroganz von ihren eigenen Glaubensgenossen reden. Und diesen Ton schlägt Herr Dr. Rathenau an, wenn er sich über die Judenfrage ausläßt, nicht über ihre wirthschaftliche Seite, die ihm als „Sache der Gesetzgebung" offenbar zu ernst ist, sondern über die „drohendere", über die gesellschaftliche, über die Kulturfrage. „Höre Israel" nennt Dr. Rathenau diesen Artikel, der vor längerer Zeit gleichfalls in der „Zukunft" erschien, aber damals, da man seinen Verfasser nicht kannte, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise nicht auf sich zog. Ein glatter Zeitungsartikel, an einem Tage erschienen, am anderen vergessen, liegt er jetzt in Buchform vor, und Dr. Rathenau nennt sich stolz den geistigen Vater dieses ungerathenen Kindes. Und das ist das Bedauerliche dabei, zugleich der Grund, warum man auf die flüchtigen Zeilen, die flüchtiges Nachdenken auf das Papier bannte, näher eingehen muß. Denn wenn es Dr. Rathenau auch nicht selbst pathetisch verkündete, das größere Publikum hätte es selbst angenommen, daß der Verfasser zu Denen gehört, die es wissen müssen, wie es in den Kreisen der „Reichen" und „Besten" zugeht. Unerklärlich ist zunächst eins. Wo hat Herr Dr. Rathenau seine Studien gemacht? Warum hat er, der weltgewandte, gebildete, vielgereiste Mann, sich offenbar gerade in Berlin statt der vielen in der Reichshauptstadt wohnenden, hochbedeutenden Kaufleute den sehr kleinen Kreis der wenigen, unangenehm auffallenden Protzen und Parvenüs ausgesucht, die es überall giebt und geben wird. Wenn dieser Umgang seinen Neigungen entspricht, so ist das seine Sache, aber von diesen Leuten schließt man doch nicht mit überlegenem und überzeugendem Lächeln auf ein ganzes Volk; man lacht über sie, wenn man sie in Alpentracht oder in der Badehose in den „Fliegenden Blättern" abgebildet sieht, wie man über den immer wiederkehrenden christlichen, noch viel aufgeblaseneren und unangenehmeren, reichgewordenen Bäcker- oder Metzgermeister sich amüsirt, der zum Blumenkorso fährt und die Bouquets mit den Würsten verwechselt. Man kann sich als ganz gläubiger Jude und als frommer Christ mit gutem Gewissen über diese Witze freuen, aber als Beispiele darf man diese unsterblichen Typen nicht nehmen, und ich möchte den Christen sehen, der nach diesen vereinzelten Individuen die ganze Raffe charakterisiren würde. Ich denke dabei nicht etwa an Harnacks „Wesen des Christenthums", weil ich einen Vergleich zwischen Harnack und Nathenau beileibe nicht gezogen wissen möchte. Wenn man von diesem Gesichtspunkt aus das Buch beurtheilt, wird es verständlicher, wieso Herr Dr. Rathenau in seinem Artikel, der übrigens auch einige gute alte Anekdoten enthält, zu so schiefen Ansichten kommt. Ich bin fest davon überzeugt, daß Herr Dr. Rathenau in gewissen Kreisen, aber auch nur dort, sich die Interjektionen „Kunststück", „Kleinigkeit" und „Zustand" anhören muß, daß er zuweilen abwechselnd mit „Sehr geehrter Herr" und „Verstehe Se mich?" angeredet wird, ich bestreite aber, daß der gebildete und modern erzogene Jude sich in diesem Jargon gefällt. Dazu ist er viel zu klug, vielleicht zu — berechnet. Der gebildete Jude weiß so gut wie Herr Dr. Nathenau, wie er sich benehmen hat, ohne sich und seinem Glauben zu schaden oder ihn zu kvinpromittiren. Das alte Wort von den Ausnahmen wird freilich auch hier seine Geltung haben. Aber der von Dr. Nathenau mit sichtlichem Behagen nacherzählte Ausspruch „Gott wie jüdisch" ist ebenso sinnentstellend übertrieben angewandt, wie er in seinerursprünglichen Form als Pointe eines Witzes sehr gut und charakteristisch ist für Leute aus gewissen Kreisen. Ein so belesener und gescheitster Mann wie der, der unter „Impressionen" — leidet, konnte aber schließlich doch nicht nur die gesellschaftliche Frage, die „drohendere", behandeln, oderrichtiger, sich darauf beschränken, die Manieren Einzelner zu beleuchten, ohne die nebensächlichere, die materielle, zu streifen. Herr Dr. Nathenau hat also auch über die Lösung der Judenfrage nachgedacht. Er selbst, der in dem Verzeichniß der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Berlin die ganze „altgläubige Zoologie, Mineralogie und Botanik" — wie sinnig — mit Freuden fand, sah keinen Bekannten von der. jüngeren Generation — ich nehme einen Jrrthum bona ticke von Herrn Dr. Rathenau an, sonst wären schnell viel nicht ganz unbekannte Namen aus diesem selben Verzeichniß zu nennen. Herr Dr. Rathenau will aber, daß alle getauft sind, also sind sie es. Natürlich nur, um etwas ganz Neues vorzuschlagen.

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