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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-08-22 · Heft 34 (22.8.1902) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
Seite 402 (sequence 8)
Language
German
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402 Aus den Niederlanden. ^uf der Amsterdamer Deutsch-Israelitischen Gemeinde, deren finanzielle Lage überhaupt viel weniger günstig beschaffen ist als die ihrer portugiesischen Schwestergemeinde. lastete es seit Monaten wie ein beklemmender Alp. Ihre Armendirektion, der auch die Krankenpflege obliegt und die Anstalten für gewöhnliche und Geisteskranke — d. h. immer nur nichtzahl ende Patienten — unterstehen, machte unabweisliche gesteigerte Anforderungen geltend, und der „Kirchenrath" (die Gemeindevertretung) mutzte nach aufregenden Debatten seine Ohnmacht bekennen, über den bisherigen Umfang hinaus Zuschüsse zu gewähren. Da war guter Rath theuer; endlich blieb nichts anderes übrig, als an die Mildherzigkeit der Amsterdamer Stadtverordnetenversammlung zu appelliren, ein schwerer, von Beschämung nicht ganz freier Weg, den die einst so stolze jüdische Gemeinde jetzt als Bittstellerin anzutreten gezwungen war. Die Stadt bezahlt ohnehin für jeden unbemittelten Patienten, Christen wie Juden, etwas über 1,50 Mark Pro Kopf und Tag. Nunmehr wurde ihr, angesichts der Nothlage der Israelitischen Armendirektion, nahe gelegt, dieser eine Extrannterstützung von jährlich etwa 20 000 Mark zuzuwenden, weil der Fortbestand der eigenen jüdischen Kranken- und Irrenanstalt nur unter dieser Bedingung gesichert sei. Die Aussichten auf Annahme dieses Antrages, dessen finanzielles Gewicht und grundsätzliche Bedeutung ohne Weiteres einleuchtet, standen Anfangs überaus ungünstig. In mehreren Gemeinderathssitzuiigen ward darüber verhandelt. Ter Magistrat stellte sich auf den Standpunkt des gleichen Rechts, lies: der gleichen Unterstützung sür alle Konfessionen. Könne die jüdische Gemeinde ihre eigenen Anstalten nicht aufrecht erhalten, so würden die durchschnittlich 130 israelitischen Patienten jederzeit in den allgemeinen städtischen Krankenhäusern Aufnahme und Verpflegung finden; an rituelle Beköstigung sei dabei jedoch nicht zu denken. Ein trübes Ausknnftsmittel also und unanwendbar; ist es doch hinreichend bekannt, daß gerade die unbemittelten holländischen Juden zum größten Theil noch zähe an den Speisegesetzen festhalten. Sie, die ein mitfühlender christlicher Fürsprecher in der Presse „doppelt unglücklich" nannte, weil sie arme Kranke, dreifach unglücklich, „weil sie arme jüdische Kranke sind", hätten danach die Wahl gehabt, sich entweder der Krankenhausbehandlung so weit als möglich zu entziehen, was besonders in Zeiten herrschender Epidemien eine große Gefahr für die Gesammtbürgerschaft in sich schließen würde, oder aber in den städtischen Krankenhäusern eine Hungerkur durchzumachen. Die Hoffnung, daß der Ariadnefaden, um aus diesem Labyrinth zu gelangen, sich noch finden werde, verringerte sich immer mehr. Mit um so lebhafterer Ueberraschung und innigerer Genugthuung vernahm inan daher am 12. Juni, daß die Stadtverordnetenversammlung Tags zuvor dem Anträge der jüdischen Armenverwaltung, wenigstens für das mit dem 1. Juli beginnende Jahr, zugestimmt habe. Amsterdam hat wieder einmal gezeigt, daß es Gewissenszwang perhorreszirt. In dem Umstand aber, daß der Beitrag von 20000 Mark nur für ein Jahr votirt worden ist, sowie in anderen begleitenden Umständen liegt anch eine ernste Mahnung an die Adresse der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, ihre Finanzgebarung, zumal das Besteuerungssystem, von Grund aus neu zu regeln, damit die Humanitären Einrichtungen irr der Zukunft keine außergewöhnlichen Zuwendungen Andersgläubiger bedürfen. Unbeschadet aller Gewissensfreiheit sollen wir Juden uns nach keiner Extrabegünstigung oder Bevorzugung sehnen; nur zu leicht wird ein dsnekieium oäiosum daraus! Bisher herrscht allerdings fast noch überall in den Niederlanden der Geist echter Duldung, der unsere Glaubensgenossen für so manche Misere in eigenen Angelegenheiten ein wenig trösten hilft. Gleich dem großen Amsterdam hat gerade in diesen Tagen das kleine Wageningen (Provinz Gelderland) sich nach dieser Richtung rühmlich ausgezeichnet. Nicht genug, daß der dortigen jüdischen Gemeinde der Grund und Boden zur Errichtung einer Synagoge unter ausnehmend liberalen Bedingungen in Erbpacht überlassen worden ist, unterstützt die Stadtvertretuug, an der Spitze Bürgermeister Dr. jur. Hesseliak von Suchtelen, auch in anderer Weise finanziell und moralisch die für die Schultern der wenigen und verhältnißmäßig unvermögenden jüdischen Familien sonst allzu schwierige Ausführung ihrer Baupläne. Der Bürgermeister spendete zum Beispiel aus eigener Tasche den Betrag von 400 Gulden (680 Mark) und begleitete sein Geschenk mit einem herzlich gehaltenen, an den Vorstand gerichteten Schreiben, in welchem es u. a. heißt: „Ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie als Beweis meiner Ehrerbietung für das alte und edle Volk Israel, dem das Christenthum und die Gesittung so unnennbar viel zu danken haben, sowie insbesondere als Zeugniß meiner persönlichen Werthschätzling und Sympathie für seine Vertreter in unserer Mitte, meine jüdischen Mitbürger, die beigehende kleine Gabe betrachten wollen." DerBriesschreiber, übrigens vordem Abgeordneter zur zweiten Kammer der Generalstaaten, spricht zum Schluß die Hoffnung aus, daß an Stelle des jetzigen beschränkten, unzweckmäßigen und zum Betsaal unbrauchbaren, gemieteten Lokals sich möglichst bald ein wenn auch kleiner, so doch würdiger Tempel zum Preise Gottes erheben möge. „Zum Preise Gottes", sagen wir ihm nach und zu Ehren guter, von Vorurteilen freier Menschen. Lsm. Semitischer Antisemitismus. <7^ mmer und immer kehren die Versuche wieder, die Judenfrage zu beleuchten oder zu lösen; von berufener und OL? unberufener Hand sind ernste und kindliche Vorschläge gemacht worden, über die man meist zur Tagesordnung übergehen konnte; häufig mit einem bedauer ichen Achselzucken, wenn die Verkennung der wirklich existireuden Zustände gar zu arg war. Nun ist in diesen Sommertagen wieder einmal die Judenfrage angeschnitten worden in einem Buche, das Aufsehen zu machen beginnt. Die erste Auflage ist vergriffen, man spricht und schreibt überall davon, aber nicht etwa des Inhalts wegen, sondern weil der Verfasser den Kreisen entstammt, die die große Menge immer interessiren werden, selbst dann noch, wenn es sich nur um ein schlechtes und unaufrichtiges Buch handelt.

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